Goethe-Medaille für Emily Nasrallah

Späte Ehrung für eine Ikone

Am 28. August erhält die libanesische Schriftstellerin Emily Nasrallah in Weimar zusammen mit Autorinnen aus Indien und Russland die Goethe-Medaille. Sie bekommt die offizielle Auszeichnung der Bundesrepublik für ihre poetische Sprache und die engagierte Haltung, mit der sie den Alltag im vom Bürgerkrieg gezeichneten Libanon beschrieben hat.

Ein libanesischer Salon in West-Beirut. Panoramafenster, ein großer Esstisch, ausladende Polstermöbel und massive Schränke. „Hier“, sagt Emily Nasrallah, schnappt sich den Stock und schreitet mit festen Schritten zu einer eher unscheinbaren Vitrine. Hier stehen ihre Bücher. Einige sehen neu aus, andere eher zerschlissen.

Als hätte sie jemand sehr oft in die Hand genommen. „Das sind meine Schätze. Da sind 85 Jahre Leben drin.“ Ihr eigenes Leben. Stolz wandert ihr Blick über die Buchrücken und bleibt an einer Sammlung schmaler Bändchen hängen. Darin habe sie Geschichten über erfolgreiche arabische Frauen zusammengetragen, sagt sie, „damit sie sehen, dass es auch in der arabischen Welt Frauen gibt, die ihren Weg gehen.“

Wie sie selber. Dass sie einmal eine der bekanntesten Schriftstellerin ihres Landes werden würde, hätte niemand gedacht, als sie 1931 in dem kleinen südlibanesischen Dorf Kfeir auf die Welt kam. Als Tochter eines armen Bauern und einer Analphabetin wäre sie normalerweise früh verheiratet worden.

Das kleine Mädchen Emily wollte bald weg aus diesem Dorf. Sie wollte so leben wie es ihr ein Onkel aus Amerika vorschwärmte, wo die Frauen selbständig und berufstätig sind. Weil der Onkel ihre Sehnsucht und ihr Talent erkannte, bezahlte er ihr die weiterführende Schule.

Emily wurde schließlich die erste Frau aus dem Dorf Kfeir und eine der ersten aus dem Libanon, die studieren durfte. Sie schrieb sich an der Amerikanischen Universität in Beirut für das Fach Erziehungswissenschaften ein. Es waren die 50er Jahre. 

Sehnsucht nach dem Dorf

Doch als sie dann in Beirut ihr erstes eigenes Geld als Lehrerin und Journalistin verdiente, fühlte sie sich zwischen den Hochhäusern und den vielen Menschen verloren und bekam Heimweh. Sie vermisste das Landleben und begann über das Leben von Frauen in einem südlibanesischen Dorf am Fuß des Berges Hermon zu schreiben.

Sie schrieb über ihre Zwänge, ihre Träume und das Glück, das sie fast nie fanden. Über den Aberglauben, in dem sich Fantasien Raum suchten, die im Alltag keinen Platz hatten und über das Mädchen Muna, das unschwer als ihr Alter Ego zu erkennen ist.

Dieses Mädchen ließ sie am Rande des Dorfes auf einen Felsen klettern und im Angesicht der Weite ein tiefes Glücksgefühl erfahren. Sie ließ Muna wie die Zugvögel im September in die Freiheit davonfliegen, während das Dorf hinter ihr immer kleiner wurde.

„Septembervögel“ nannte sie diese Geschichte. Sie wurde ein preisgekrönter literarischer Erfolg. Zum ersten Mal hatte eine Libanesin über das Dorfleben und die Lage der Frauen geschrieben. Das war 1962.

Es war der Beginn ihrer Karriere als Schriftstellerin. All ihre Romane, Kurzgeschichten, Essays und Kinderbücher kreisen um ihre Herzensthemen: Frauen, Emigration und schließlich seit Mitte der 1970er Jahre besonders der Krieg im Libanon.

Ein Krieg, der die Gesellschaft veränderte und die Menschen oft vor die Entscheidung zwischen Leid in der Heimat und Hoffnung in der Ferne stellte.

So lässt Emily Nasrallah in „Flug gegen die Zeit“ (deutsch 2003) ihren Protagonisten, einen betagten Bauern aus dem Südlibanon, aus dem sicheren Kanada in das Bürgerkriegsland zurückkehren. Er wollte lieber in der Heimat sterben als in der Fremde leben.  

Emily Nasrallah selbst blieb trotzdem oft in Beirut. Zweimal wurde ihre Wohnung zerstört. Während ihre Familie in Kairo in Sicherheit war, hielt sie es dort nie lange aus. Sobald die Lage in Beirut ruhiger schien, kehrte sie regelmäßig zurück. Sie hatte ja ihre Aufgaben. In den schlimmsten Jahren des Bürgerkrieges nach der israelischen Invasion 1982  war sie Kolumnistin und Herausgeberin der Monatszeitschrift Fairuz.

Romancover Kater Ziku lebt gefährlich. Foto: Atlantis Verlag
In ihrem Kinderbuch „Kater Ziku lebt gefährlich“, 2008 im Atlantis Verlag erschienen, schildert Emily Nasrallah den libanesischen Bürgerkrieg aus der Perspektive des Katers ihrer Tochter Muna. Weil der Krieg ausgebrochen ist, dürfen die Kinder nicht mehr draußen spielen, die Fenster werden zugemauert. Als die Lage zu gefährlich wird, will Munas Familie Beirut verlassen – ohne Ziku. Er überlebt den Krieg nicht. Auch diese Geschichte trägt autobiografische Züge.

Immer wieder hielt sie während der kurzen Kriegspausen Lesungen im Goethe-Institut und wurde nicht müde, in die Welt zu tragen, was der Krieg mit den Menschen machte. „Wir mussten doch erzählen, was da passierte! Wir konnten doch das Land nicht einfach den Milizen überlassen!“

Krieg aus der Perspektive eines Katers

Mit „wir“ meint sie auch ihre Mitstreiterinnen von den Beirut Decentrists, einer Gruppe von Autorinnen, die als Schicksalsgenossinnen im Land blieben und schrieben, während um sie herum die Gesellschaft zerfiel. Das waren in den 1980er Jahren Autorinnen wie Ghada al-Samman und Hanan al-Shaykh, die Beirut auch während des Krieges als ihre Heimat ansahen.

Emily Nasrallah packte das Erlebnis des Krieges in eine ungewöhnliche Geschichte. „Kater Ziku lebt gefährlich“ (deutsch 1998), heißt sie und ist ein Kinderbuch, das den Bürgerkrieg aus der Perspektive des Katers schildert. Die Erzählung ist wie alle ihre Geschichten autobiografisch geprägt.Der Siamkater gehörte ihrer kleinen Tochter Muna. Während die Familie die Stadt wegen der Kämpfe verlassen hatte, blieb Kater Ziku zurück. Wenig später wurde das Haus während eines Luftangriffs ein Opfer der Flammen und Ziku starb.

Heute haben Emily Nasrallahs Themen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Während der Libanon sich im Zustand eines fragilen Friedens befindet, herrschen in den Nachbarländern, vor allem in Syrien, Tod und Zerstörung. Millionen Menschen haben ihre Heimat verloren und befinden sich auf der Flucht.

„Es ist furchtbar, dass es einfach nicht endet“, sagt Emily Nasrallah, schüttelt den Kopf und fügt nach einer Weile langsam hinzu: „Aber am Ende werden wir wohl beides akzeptieren müssen: das Gute und das Schlechte.“  

Das klingt ein bisschen resigniert, aber vielleicht ist es auch ein Stück Lebensweisheit der 85jährigen Schriftstellerin, die viel Unglück gesehen, aber auch privates Glück erlebt hat.

Mit dem Leben auf dem Dorf hat sie sich längst versöhnt. Sie zeigt mit leuchtenden Augen auf ein Bild mit einem Natursteinhaus: „Mein Elternhaus.“  Nach einer Restaurierung durch ihre Tochter habe sie darin ein regionales Kulturzentrum eingerichtet. Dort soll demnächst eine Bibliothek mit Literatur von und über Emigranten entstehen.

Wenn die Geflüchteten schon nicht in ihr Land zurückkehren können, dann sollen wenigstens ihre Geschichten einen Platz finden.  

Irgendwann wird hier vielleicht auch das Buch stehen, an dem Emily Nasrallah gerade schreibt: Es ist eine Geschichte ihrer Familie. Während Emily redet, schweift ihr Blick immer wieder zum Panoramafenster.

Der Himmel über Beirut ist ungerührt blau an diesem späten Sommertag. Zeit für Zugvögel. Vielleicht ziehen ja ein paar an diesem Fenster vorbei. Septembervögel.

Angela Kandt

© Qantara.de 2017

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