Was mit Olearius und dem mitreisenden Dichter Paul Fleming begann, und sich in den abenteuerlichen Reiseschriften Engelbert Kaempfers und Carsten Niebuhrs fortsetzte, begründete zwei folgenreiche Tendenzen der Islamrezeption in der deutschen Literatur. Erstens gingen gelehrte Erkundung und poetische Anverwandlung immer wieder Hand in Hand. Zweitens, und infolgedessen, überwog das respektvoll-neugierige Gespräch beharrlich alle Neigungen zu orientalistischer Klischeebildung.

Ein reisender Kaufmann, der seine Dichtungen importiert

Wenn Goethe im bis heute unterschätzten Prosa-Teil seines "Divan" über seine eigene Dichtung und ihre Rollenspiele nachdenkt, zeichnet er sein Selbstbild zuerst nach diesen Vorbildern: als dasjenige eines reisenden Kaufmanns, der seine Dichtungen importiert und "gefällig darbietet". Schon für das frühere Selbstbild des inspirierten Genies hatte er sein Vorbild in derselben Sphäre gefunden.

Der Prophet Mohammed: Osmanische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert; Quelle: Wikipedia/Public Domain
Der Prophet als Friedensstifter und Verkünder einer neuen Zeit: Während des Ersten Weltkriegs, schreiben der expressionistisch schwärmende Klabund und der sozialistische Aktivist Friedrich Wolf unabhängig voneinander über Mohammed als den Verkünder einer Menschheitsversöhnung.

Goethes jugendlicher Versuch eines gegen Voltaire gerichteten Mahomet-Dramas, dessen Geschichte "Dichtung und Wahrheit" noch einmal erzählt, sollte den Weg des Titelhelden von der beseligenden Offenbarung in die politische Gewalt nachzeichnen, den Sterbenden seinen Irrweg bereuen und ihn in die reine Frömmigkeit zurückkehren lassen, Vorbild und Mahnung in einem.

Von Goethes Dichtungen aus verzweigen sich die literarischen Wege. Wie Daumer und Platen die Mystik des Hafis, auf Goethes Spuren weiterwandernd, neu entdeckten, so gab Friedrich Rückerts makellos präzise Übertragung des Koran deutschen Lesern endlich eine Ahnung von der Schönheit des Originals.

Und wem das alles zu hoch war, der fand in Karl Mays Orientromanen, beginnend mit "Durch die Wüste", aufgeklärte Kompendien des zeitgenössischen Wissens über die Welten der Muslime, ihre Glaubensgründe und -praktiken, ihre Konflikte mit Christen, Juden und Jesiden (und die Mechanismen wechselseitiger Intoleranz), frappierend kenntnisreich, sympathisierend und trotz aller Überlegenheitsgesten verständniswillig.

Höhepunkt literarischer Islamadaptionen

Aber auch über den Höhenkamm führten wundersame Wege weiter. Rilke etwa entwirft 1907 im Sonett "Mohammeds Berufung" jene Urszene dichterischer Offenbarung, die fünf Jahre später zu einem oft verkannten Modell seiner eigenen "Duineser Elegien" wird. Über den Künstler, so notiert Rilke während der Arbeit, müsse es "kommen, so gut wie über Mohammed mindestens".

Während des Ersten Weltkriegs, schreiben der expressionistisch schwärmende Klabund und der sozialistische Aktivist Friedrich Wolf unabhängig voneinander über Mohammed als den Verkünder einer Menschheitsversöhnung im Zeichen des Gottesfriedens.

Klabunds Mohammed-Roman lässt am Ende Mohammed, Mose und Christus einander weinend in die Arme sinken. Die hinreißend sentimentale Szene ist ein Höhe-, kein Endpunkt der literarischen Islamadaptionen. Goethe jedenfalls hätte sie gefallen können. "Wenn Islam Gott ergeben heißt", hatte er im "Divan" geschrieben, dann gelte: "Im Islam leben und sterben wir alle."

Heinrich Detering

© Süddeutsche Zeitung 2019

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