Globalisierung und moderne Musik im islamischen Raum

Funk aus Kabul, Ska aus Istanbul, Rap aus Dakar

Von Indonesien bis Amerika, von Stockholm bis Kapstadt pochen die meisten muslimischen Musiker auf individuelle, künstlerische Freiheit. Und doch formieren sich vermehrt Szenen, die sich vom Mainstream abgrenzen, um sich an islamischen Werten zu orientieren. Von Thomas Burkhalter

​​"Ich mag nicht ständig über all diese Fragen nachdenken", beschwert sich der Birminghamer Musiker TJ Rehmi. "Ich habe Wichtigeres zu tun: komponieren, Gitarre spielen, Spaß haben." So ähnlich wie TJ Rehmi, der Elektronica-Tüftler mit indisch-pakistanischen Wurzeln, reagieren viele muslimische Musiker, wenn man sie auf die laufenden Debatten über Leitkultur, Islam und das Ende von Multikulti anspricht.

Zwischen künstlerischer Freiheit und kulturellen Stereotypen

"Wir haben nichts mit Terror zu tun", sagt der Beiruter Oud-Spieler und Informatiker Fahed Riachi. "Ich finde es zwar toll, wenn Journalisten aus dem Westen über die Rock- und Hip-Hop-Szenen in der arabischen Welt berichten", meint er. "Aber ich habe manchmal das Gefühl, sie interessieren sich nicht wirklich für die Musik, sie möchten der Welt bloß zeigen, dass nicht alle Muslime Extremisten sind." Riachi tourt gelegentlich mit dem libanesischen Rapper Waël Kodeih alias Rayess Bek durch Europa, und er spielt öfters in Beirut mit seinen Freunden alte Musik aus Ägypten, Libanon und Syrien. "Im Westen gilt meine Musik als traditionell, arabisch, islamisch.

Foto: Oojami
Gegen "political correctness" der Weltmusikindustrie - die türkisch-britische Band Oojami

Die Zuhörer merken kaum, dass sie - wie die arabische Welt auch - multikulturell zusammengesetzt ist aus alten und neuen, lokalen und globalen Elementen. In Beirut aber stoße ich mit dieser vermeintlich traditionellen Musik immer mal wieder jemanden vor den Kopf. Zum Beispiel die Kritiker der syrischen Besatzung in Libanon - dass ich syrische Musik spiele, können sie nicht verstehen."

Musik zu hören, Musikszenen zu analysieren, mit Musikern zu sprechen, ist aufschlussreich, wenn man etwas über eine Kultur, eine Gesellschaft erfahren will.Sollte also, wer über den Islam sprechen will, sich die Fülle von Musik anhören, die Muslime zwischen Indonesien und Amerika, Stockholm und Kapstadt produzieren - etwa algerischen, senegalesischen und amerikanischen Rap, Beiruter Rock, Istanbuler Ska, zeitgenössische Formen verschiedenster Traditionen oder Mozart- und Bach-Aufführungen im Opernhaus Kairo?

Gibt es eine 'muslimische' Musik? Elemente, Stile und Strukturen aus West, Ost, Nord und Süd wirbeln in allen erdenklichen Variationen durcheinander. Die Musik war schon immer multikulturell, und sie wird insofern unrein bleiben. Und wenn arabische Kids Heavy Metal hören, Hip-Hop-Interpreten zwischen Englisch und ihrer Lokalsprache wechseln und Kunstmusiker ihre traditionellen Lieder mit Dreiklängen popularisieren, zeigen sich stets prägende Einflüsse aus dem Okzident.

Unabhängige Künstler

Der in Genf lebende afghanische Musiker Khaled Arman spielt mit seinem Ensemble Kaboul populäre Lieder aus Afghanistan. Er sei stark vom Islam und von seinen Kulturen beeinflusst, sagt er, aber: "Ich bin der ganz tiefen Überzeugung, dass ich ein autonomer und unabhängiger Künstler bin. Ich bin in Kabul in eine gemäßigte Familie mit offenem Geist hineingeboren worden." Arman hat in seiner Heimatstadt in Funk-Bands gespielt, dann in Prag und Paris klassische und zeitgenössische Gitarre studiert und 1986 den internationalen Gitarrenwettbewerb von Radio France gewonnen.

Erst in der Schweiz hat er zur afghanischen Musik gefunden und mit dem Ensemble Kaboul prompt den BBC World Music Award eingeheimst. Zurzeit lässt er seine traditionelle Rubab-Laute zu einem neuen Instrument umbauen und sucht nach eigenen musikalischen Ausdrucksformen. "Ich will nach meinem Wissen und meinen künstlerischen und intellektuellen Fähigkeiten bewertet werden. Nach nichts anderem", betont er. Die Religionszugehörigkeit ist für Khaled Arman und andere Musiker ein Teil ihrer persönlichen und künstlerischen Identität. Etwa arabische Sängerinnen - muslimische und nichtmuslimische - kommen immer wieder auf den Einfluss der Koran-Rezitation und des Gebetsrufes (adhan) zu sprechen - beide waren für den säkularen arabischen Gesang immer schon wichtig, auch wenn sich islamische Rechtschulen und Theologen bis heute uneinig sind, was die Legalität von Musik betrifft.

"Die arabische Sprache und die Art, wie ich sie benutze, wie ich etwa rhythmisch und phonetisch arbeite, steht immer in Beziehung zu den Gesellschaften, der Geschichte und den monotheistischen Religionen in der arabischen Welt", erklärt die christlich palästinensische Sängerin Kamilya Jubran. "Ich sehe keinen Grund, diese Verbindung von Religion und Musik zu leugnen. Ich hebe sie aber auch nicht extra hervor." Jubran, die in ihrer Musik zeitgenössische, arabische Texte mit elektronischen Frequenzen kontrastiert, wird immer wieder für eine Muslimin gehalten. Sie bezeichnet sich heute als Atheistin mit christlich-muslimischen Wurzeln. Die Religion kann prägen. Ebenso wichtig können freilich andere gesellschaftliche, kulturelle und politische Einflüsse sein - oder auch die Chancen und Limiten der lokalen oder globalen Kulturindustrie.

Auch muslimische Musikerinnen und Musiker entscheiden selber, wie sie auf diese äusseren Einflüsse reagieren, welche Wege sie gehen und welche Positionen sie vertreten. "Wäre ich Christin, ich würde mich den gleichen Themen widmen", betont Shameema Williams, die Rapperin der südafrikanischen Hip-Hop-Gruppe Godessa. Williams rappt über Aids und über die sozialen und politischen Missstände in ihrem Land: "Mein Schöpfer ist für alle gleich. Die Religionen dieser Welt sind die Ursache für Diskriminierungen, Rassismus, Mord und Totschlag auf unserem Planeten. Der ständige Fokus auf sie lenkt nur von grundlegenderen Problemen ab: Aids, Armut, Umweltverschmutzung…"

Diskriminierung

Bei den Passkontrollen in internationalen Flughäfen wird Shameema Williams heute häufiger kontrolliert: "Früher wurden immer nur meine schwarzen Musikerfreunde aufgehalten. Jetzt durchsuchen die Zöllner meine Koffer und behandeln mich abschätzig." Viele muslimische Musiker auf Tourneen teilen Williams' Erfahrung. Viele weisen auf die wachsenden Schwierigkeiten hin, überhaupt zu Visa und Einreisebewilligungen für Konzerttourneen im Westen zu kommen. "Wenn ich mich kritisch, aber gemäßigt zur Weltpolitik, zu den USA und zu Israel äußere, schauen die Leute weg", findet Necmi Cavli.

Der türkisch-britische Kopf von der Gruppe Oojami verdient sein Geld im Weltmusik-Zirkus. Er fühlt sich auf vielen Ebenen diskriminiert: "Westliche Musikstars äußern sich an Awards-Verleihungen immer mal wieder kritisch zur Weltpolitik. Uns hingegen wird in der Weltmusikindustrie nahe gelegt, mit unseren politischen Meinungen hinter dem Berg zu halten." Dass der Mutlikulti-Mainstream vor allem verkaufbare, nette, oft stereotype Musik will, ist nichts Neues.

CD-Cover Oojami

Cavlis Aussagen weisen jedoch auf einen weiteren Knackpunkt in dieser vermeintlich weltoffenen Industrie hin: Im Zeichen von populärem Multikulti werden die Komplexität und Widersprüchlichkeiten von Kulturen zumeist hinter Klischees verborgen. Eigenständige Persönlichkeiten, die eine Musik jenseits von stereotypem Lokalkolorit produzieren, werden kaum wahrgenommen. Um den Zugang zum globalen Markt zu finden, müssen sich viele anpassen. So serviert auch Necmi Cavli Klischees: Bauchtänzerinnen, einen wirbelnden Derwisch, simple, scheinbar orientalische Melodien. "Ich will als unabhängiger Künstler leben", sagt er, "äußere ich mich aber frei, droht mir Isolation."

Neue Gruppierungen

Einige muslimische Musiker mögen sich nicht mehr an einen westlichen Geschmack und Mainstream anpassen. In Senegal bezeichnen sich viele Rapmusiker als gläubige Muslime und kämpfen mit Worten gegen eine Verknüpfung von Religion und Politik an. Auch der senegalesische Superstar Youssou N'Dour fokussiert auf seinem Album, "Egypt", auf seinen Glauben und will ein positives, komplexeres Bild des Islam vermitteln.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich in den USA ausmachen, wo immer mehr junge muslimische HipHopper auf eigene Strukturen setzen. Zu der Bewegung "Nation of Islam" und ihrer Abspaltung "Five Percent Nation", die den amerikanischen Hip-Hop schon lange mitprägen, kommen neue Organisationen hinzu: zum Beispiel "Remarkable Current" des Leaders Anas Canon aka BeLikeMuhammad, RADIOISLAM.com ("Celebrating Life as Muslims") oder die Plattform MuslimHipHop.com, auf der bekannte Rapper wie Ali Shaheed Muhammad (A Tribe Called Quest) mit dabei sind. Sie alle wollen die Spiritualität des Islam mit moderner, urbaner Musik in die Welt hinaustragen und für ein positives, gewaltfreies Bild ihrer Religion werben.

Das will auchSami Yusuf. Der 23-jährige Sänger mit Wurzeln in Aserbeidschan besingt von England aus den Propheten in poppigen und kitschigen, englisch gesungenen Hymnen. Liebe und Toleranz stehen in den neuen, eher spirituellen denn religiösen Zirkeln im Vordergrund. Einige muslimische und nicht-muslimische Musiker nutzen die Symbole "islamischer" oder "muslimischer" Kultur aber auch einfach als Provokations-, Stil- oder Verkaufsmittel: Die US-Starrapperin Lil' Kim etwa ließ sich halbnackt in einer afghanischen Burka ablichten. Muslimische Sänger, die sich zu weltpolitischer Hetze hinreißen lassen, sind hingegen noch selten: Ein Beispiel ist der ägyptische Shaabi-Popsänger Shaaban Abd al-Rahim, der 2001 mit seinem Hass-Song "Ana bakrah Israil" (Ich hasse Israel) und vor einem Jahr dank seinem Anti-Kriegs- und Anti-Amerika-Pop sehr populär wurde, gleichzeitig aber einen Werbespot für McFalafel drehte. Er habe gar nicht gewusst, dass McDonalds eine US-amerikanische Firma sei, sagte Abd al-Rahim als Ausrede.

Komplexität und Widersprüchlichkeit

Dass sich muslimische Musiker heute tatsächlich zu neuen Wir-Gruppen zusammenschließen, ist ein Zeichen dafür, dass sie sich missverstanden, diskriminiert und ausgeschlossen fühlen. Die Tendenz könnte sich verstärken: Wenn Massenmedien ein undifferenziertes Bild des Islam und seiner Anhänger zeichnen; und wenn Politiker die Idee multikultureller Toleranz etwas gar schnell durch eine schwer definierbare Leitkultur ersetzen wollen - ohne wirklich zu wissen, wohin uns das führen könnte. Wer sich mit der Musik muslimischer Musiker beschäftigt, sieht sich vor allem mit einer Vielfalt konfrontiert, die auf eine Vielfalt von muslimischen Lebensformen und Identitäten rückschließen lässt.

So banal das scheinen mag - dieser Komplexität und Widersprüchlichkeit muss Rechnung tragen, wer den Multikulturalismus in Frage stellt. Der Exilalgerier Rachid Taha, der durch Rockmusik, Maghreb-Anklänge und Alkoholkonsum als Inbegriff einer komplexen Identität hinhalten könnte, will in naher Zukunft das mögliche Ende toleranter Demokratien thematisieren: "Als Kosmopolit reise ich ständig durch die Welt. Ich sehe auch im Westen die Rede- und Meinungsfreiheit sterben und demokratische Werte langsam abbröckeln."

Thomas Burkhalter

© Neue Zürcher Zeitung 2005

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