Globalisierung mit arabischem Gesicht

Jugend ohne Zukunft

Die arabische Welt muss sich anpassen und sich auf die Globalisierung einstellen, um die junge Bevölkerung zu beschwichtigen, schreiben Marcus Noland und Howard Pack in ihrer Analyse.

Junge Araber suchen Job; Foto: Yale Global
Junge Araber ohne Job, frustriert von endlosen Konflikten, der Bürokratie und unzureichenden Geschäftsusancen, fühlen sich verloren inmitten der globalisierten Welt.

​​Die arabische Welt braucht dringend Jobs für ihre jungen Erwachsenen, doch ausländische Unternehmer scheuen sich, sich in autoritär geführten Staaten zu engagieren, wo bürokratische Regeln und das Rechtssystem insgesamt auf tönernen Füßen stehen.

Der Mangel an Arbeitsplätzen, kombiniert mit einem fehlenden System der Machtübergabe und der Skepsis in Bezug auf die jüngeren Generationen, könnte sich zu einer sich selbst beschleunigenden Abwärtsspirale auswachsen, politisch wie ökonomisch.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist nicht nur ein politisches und demographisches Gebot für die arabische Welt, sondern auch eine Frage der globalen Sicherheit.

Der Nahe Osten hat die weltweit niedrigste Erwerbsquote unter Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter. Diese Rate hat sich zwar durch eine steigende Erwerbstätigkeit von Frauen der globalen Norm angenähert, doch auch trotz eines starken wirtschaftlichen Wachstums kommt die Region bei der Erwerbstätigkeit nicht voran.

Die Schaffung neuer Arbeitsplätze hält Schritt mit der steigenden Erwerbsquote und schafft es doch nicht, einen nachhaltigen Effekt auf die Arbeitslosenrate in der Region auszuüben, und dies besonders unter den Jüngeren.

Konkurrenz aus China und Indien

Von wenigen Ausnahmen abgesehen wuchs die Beschäftigung in jenen Industriezweigen, in denen auch die Produktivität zugenommen hat; das bedeutet, dass dieses Wachstum nichts mit der Expansion neuer, dynamischer Wirtschaftsfelder wie der Informationstechnologie und den entsprechenden Dienstleistungen zu tun hat.

In einigen arabischen Staaten — und keineswegs nur in den Erdölstaaten der Golfregion — sind es die ausländischen und nicht die einheimischen Unternehmen, die am meisten für den Anstieg bei der Beschäftigung sorgen. Dieses Phänomen ist im privaten Sektor noch stärker verbreitet, zumal die einheimischen Arbeitskräfte in überproportionalem Maße in den öffentlichen Sektor drängen.

Eine Methode, um schnell einen nachhaltigen Anstieg bei der Beschäftigung zu erreichen, ist die Ausweitung arbeitskraftintensiver Produktionsbereiche in der verarbeitenden Industrie oder beim Export von Dienstleistungen. Aber der Export von Gütern fällt, angesichts der harten Konkurrenz durch Länder wie China und Indien, sehr bescheiden aus.

Investitionen aus dem Ausland nahmen in den letzten Jahren zu, sind aber zum größten Teil auf den Kreislauf der in der Region kursierenden Petrodollars zurückzuführen und es ist sehr zu bezweifeln, ob diese Finanzströme neue Technologien anstoßen, die zu einem Produktivitätswachstum führen würden, so wie es Investitionen in Fabriken von Industrieunternehmen täten.

Die arabischen Staaten schneiden bei einer ganzen Reihe von Indikatoren schlecht ab, etwa wenn es um die grenzüberschreitende ökonomische Integration geht, aber auch um den Transfer, die Ausbreitung und Anwendung technologischer Innovationen und von Know-how.

Der Schutz intellektuellen Eigentums ist relativ schwach ausgeprägt und der Staat dominiert viele Industrien, was beides zu einem Rückstand beim Transfer von Technologie und ihrer Ausnutzung führt. Die technischen Möglichkeiten vor Ort, die die Grundlage für einen dynamischen Industriesektor bilden könnten, sind unsicher.

Fehlendes Produktivitätswachstum

Es wäre möglich, dass mit einer Reform der Institutionen, wie der Politik allgemein, brachliegende Potenziale zum Vorschein gebracht werden könnten; unter den jetzigen Gegebenheiten aber ist von industrieller Kompetenz nicht viel zu spüren.

Dieser düstere Befund mag zum Teil auch das Fehlen von Anreizen aus dem Ausland widerspiegeln. In ihrer Gesamtheit verfügen die arabischen Staaten nur über wenige Kontakte über ihre eigene Gruppe hinaus: Eine Ausnahme hiervon sind einzig die Rohstoffindustrie und der Tourismus, wo die Geologie bzw. besondere Attraktionen wie die Pyramiden Vorteile bieten, die nicht beliebig vermehrt werden können.

Kurzum: Alle Hoffungen, dass die produktiven Potenziale der arabischen Länder mit im globalen Markt nachgefragten Gütern und Dienstleistungen verknüpft werden könnten, sind schwach bis nicht existent. Die relative Isolation vom Zufluss internationaler Technologieströme — ob in Form ausländischer Direktinvestitionen, von Lizenzen oder auch nur durch ausländische Berater — hat jedes Produktivitätswachstum im Keim erstickt.

Es ist diese Isolation, die die Fähigkeit der meist lokal verwurzelten Unternehmen in Algerien, Ägypten oder Marokko beschneidet, auf internationale Märkte neuer Produktbereiche zu gelangen, und das trotz ihrer Mitgliedschaft in der WTO und privilegierter Marktzugänge aufgrund bestimmter Handelsabkommen.

Riskantes Geschäftsumfeld

Der Aufbau solcher Verbindungen stellt eine enorme Herausforderung dar. Institutionelle Schwächen anzugehen erfordert einen langen Atem, gehören dazu doch die Schaffung eines qualitätsorientierten, technisch ausgerichteten Bildungssystems und verbesserte intellektuelle Eigentumsrechte.

Unter diesen Umständen ist es besonders wichtig, die richtigen Prioritäten zu setzen und kontinuierlich an einer verbesserten Einbindung in das internationale Wirtschaftsgefüge zu arbeiten.

Auch die heutigen Erfolgsgeschichten ostasiatischer Länder waren nicht von Anfang an abzusehen, denn auch dort hielten sich in einigen Bereichen noch für lange Zeit ökonomisch zweifelhafte Geschäftspraktiken. Und auch was die Korruption betrifft, sind noch viele Länder weit davon entfernt, die Standards von Staaten der nördlichen Hemisphäre zu erreichen; in weitaus größerem Maße galt dies zu Beginn ihres rasanten Wachstums.

Es ist durchaus möglich, dass eine starke Performance in bestimmten Bereichen schwächere Leistungen in anderen auszugleichen vermag.

Der Ruf der Region als riskantes Geschäftsumfeld trägt sicherlich dazu bei, dringend notwendige Reformen zu erschweren, was zum Teil auch an der unsicheren politischen Zukunft einiger Staaten in der Region liegt. Wenn auch die gegenwärtige Performance nicht herausragend sein mag, lässt sich dies über den andauernden autoritären Charakter der meisten politischen Regime sehr wohl sagen.

Erhöhte Risiken

Einige der Regierungen in der Region stützen sich lediglich auf recht unzureichend, nämlich rein ethnisch, religiös oder von Stammesstrukturen geprägte Wahlkreise, was dazu beiträgt, den Übergang zu neuen Regierungen, und deren Natur, sehr unsicher zu machen.

Paradoxerweise sind es gerade das Fehlen jeder politischen Dynamik bei gleichzeitigem tiefgreifenden sozialen Wandel wie auch der zunehmend religiös geprägte Charakter der Opposition, die abrupte Machtübergänge oder Regimewechsel wahrscheinlicher machen. Sporadische terroristische Angriffe erhöhen die Risiko-Prämien.

Diese politische Unsicherheit hält Menschen davon ab, sich verbindlich zu verhalten und unumkehrbare Commitments einzugehen — sei es in Form materieller Investitionen oder von Investitionen in die Bildung.

Und doch, kaum hat man dies ausgesprochen, ist man wieder überrascht von den vielen Unterschieden, die sich innerhalb der Region bei vielen Indikatoren zeigen; so etwa bei der Zeit, die bis zur Gründung eines Unternehmens vergeht oder auch bei der Häufigkeit solcher Geschäftsgründungen, wovon auch unser Buch "Arab Economies in a Changing World" berichtet.

Regionale Unterschiede

Diese Unterschiede innerhalb der Gruppe arabischer Staaten sind aus zwei Gründen von Bedeutung: Zum einen, weil es, was auch immer im Einzelnen diese Variationen verursacht, es nicht notwendigerweise kulturell oder religiös bestimmt ist.

Der Einfluss des Islam oder auch das anthropologische Erbe der arabischen Kultur mögen eine ganze Reihe von Effekten auf lokale Institutionen und Bräuche haben, doch ist dadurch nicht zu erklären, warum es in Ägypten dreimal länger dauert, einen Vertrag durchzusetzen als etwa in Jordanien.

Zum zweiten würde es für einige Staaten schon reichen, wenn sie die "best practices" erreichen könnten, die von anderen Staaten der Region vorgelebt werden. Sie müssen sich schließlich nicht gleich mit Norwegen vergleichen.

All diese Fragen haben erheblichen Forschungswert. Professionelle Ökonomen konzentrieren sich viel zu häufig auf Fragen der Effizienz, doch können andere Themen von ebenso großem Interesse sein.

Die Scharia in der Geschäftswelt

In einer kürzlich von Zogby International durchgeführten Umfrage in Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Marokko, Saudi-Arabien und den Vereinten Arabischen Emiraten zeigte sich, dass in vier dieser sechs Staaten eine Mehrheit der Befragten dafür war, dass in der Geschäftswelt die Gesetze der Scharia gelten sollten.

Zugleich sagte aber auch eine Mehrheit in allen sechs Staaten, dass diese Gesetze weiter ausgelegt werden sollten, um es den muslimischen Unternehmen zu erlauben, sich in die globale Ökonomie zu integrieren.

Die in dieser Umfrage ausgedrückten Meinungen lassen sich als Wunsch deuten, die Anforderungen der Globalisierung gewissermaßen an die heimischen Werte anzupassen. Und tatsächlich lassen sich einige Institutionen und Bräuche vorstellen, die die gewünschten Effekte bringen könnten - eine Reform mit arabischem Gesicht, ähnlich wie im Falle Chinas also.

Das islamische Finanzwesen mag dafür ein Beispiel sein. Nicht aber ist es das, was man sich in Washington allgemein vorstellt.

Keine Marktfeindlichkeit

In einer anderen Umfrage, die vom Pew Research Center durchgeführt wurde, fand man heraus, dass viele Menschen im Nahen Osten weitaus weniger marktfeindlich eingestellt sind, als einige es vermuteten; allerdings sind sie durchaus kritisch gegenüber der Globalisierung in ihrer gegenwärtigen Ausprägung eingestellt.

Es geht also darum, wie Effizienz mit den Werten und Erwartungen lokaler Gemeinschaften in Einklang gebracht werden kann.

Der Nahe Osten ist seit langem eine politisch umkämpfte Region von globaler Bedeutung. Der demographische Druck, der Jugend der Region Beschäftigung zu verschaffen, verschärft das Problem in dramatischer Weise. Nur allzu leicht lässt sich vorstellen, wie diese Staaten in eine Abwärtsspirale geraten, in der Verarmung, Unzufriedenheit, Militanz und Repression sich gegenseitig anheizen, was Reformen noch unwahrscheinlicher macht und Wachstum verhindert.

Und doch ist dies nicht der einzig gangbare Weg. In den letzten Jahren ist es Ägypten beispielsweise gelungen, auf dem "Ease-of-doing-business"-Ranking der Weltbank ein ganzes Stück nach oben zu rücken; Dubai ist dabei, das Singapur des Nahen Ostens zu werden; Abu Dhabi hat einen Vertrag mit Singapur geschlossen, um das eigene Bildungssystem zu verbessern.

Wenn es den Regierungen tatsächlich gelingen sollte, ihre Beschäftigungsprobleme in den Griff zu bekommen, dann lässt sich ihre demographische Situation von einer Belastung möglicherweise in einen entscheidenden Standortvorteil umwandeln. Die arabische Welt könnte so eine demographische Dividende einstreichen, sobald die nachwachsende Generation ihr produktivstes Alter erreicht — genauso also, wie es Ostasien in den letzten vier Jahrzehnten vorgemacht hat.

Wachsender Wohlstand, Zuversicht und Optimismus werden dann womöglich auch zu einer größeren Offenheit und sozialen Toleranz führen.

Marcus Noland, Howard Pack

© 2007 Yale Center for the Study of Globalization

Marcus Noland ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economy. Howard Pack ist Professor an der Wharton School, University of Pennsylvania. Zusammen sind sie die Verfasser des Buches "Arab Economies in a Changing World", 2007 veröffentlicht durch das Peterson Institute.
Qantara.de

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