Globale Dimension des Coronavirus

Der Pandemie zuhören

Angesichts der COVID-19-Pandemie müssen wir politische Fehler der vergangenen Jahre einräumen und unseren Kompass zügig den realen Verhältnissen anpassen, meint die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in ihrem Essay.

Noch vor ein paar Wochen hätte keiner bestritten, dass der relevanteste und deutlichste Trend in der Weltpolitik unserer Zeit die Rückkehr zum Nationalstaat sei. Unilateralismus und die Logik des "Nullsummenspiels" schienen die neue Normalität darzustellen – getreu dem Motto "Damit ich gewinne, musst du verlieren". und "Ich zuerst!".

Diese Formulierungen schienen das unmissverständliche und beinahe unbestrittene Markenzeichen dieses Jahrhunderts zu sein, welchen zudem geografisch und ideologisch nahezu keine Grenzen gesetzt waren: Man fand es in vielen verschiedenen Schattierungen, aber auf jedem einzelnen Kontinent, bei Menschen jeder politischen Orientierung (einschließlich vieler Varianten politischer Bewegungen ohne ein Etikett), in einem breiten Spektrum institutioneller Systeme und sogar bei einigen internationalen Organisationen.

Dieser Trend schien sich von Tag zu Tag mehr zu verfestigen; kaum jemand versuchte, für einen kooperativen internationalen Ansatz, Multilateralismus, Win-Win-Lösungen und die Suche nach dem gemeinsamen Nenner sowie gemeinschaftsgestützte Politiken statt einer rein individualistischen Vision der Gesellschaft zu argumentieren.

Bedrohte globale politische Landschaft

Heute, da sich die Coronapandemie über die gesamte Welt verbreitet, das Leben vieler von uns gefährdet und die Grundlagen unseres Alltags erschüttert, müssen wir uns fragen, ob dieses Paradigma weiterhin vorherrschen wird. Wird die Pandemie es verstärken, oder gibt es Lehren, die wir aus ihr ziehen werden? Kann ein Virus einige der Annahmen in Frage stellen, auf denen die aktuelle globale politische Landschaft fußt?

Wird es dazu führen, dass wir uns auf das konzentrieren, was wirklich zählt und uns als Menschheit vereint, oder wird es das Gefühl von Furcht und Misstrauen zwischen und innerhalb von Gemeinschaften anheizen, uns noch stärker spalten, und das Ausmaß der toxischen Rhetorik und Verhaltensweisen, die unsere Gemeinschaften schon jetzt vergiften und unsere kollektive Fähigkeit zu effizientem Handeln teilweise gelähmt haben, erhöhen?

Werden wir die Krise als Chance nutzen, einige der Fehler der letzten Jahre beim Namen zu nennen, und unseren Kurs endlich dem Kompass der Realität anpassen?  Diese Pandemie vermittelt uns laut und deutlich eine ganze Reihe von Fakten. Wer bereit ist, zuzuhören, für den sind hier ein paar sehr einfache davon.
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