Gläserne Moschee von Penzberg

Raus aus den Hinterhöfen

Kaum ein deutsches Moscheebauprojekt, das keine Debatte hervorruft. Im bayrischen Penzberg hat sich jedoch der Bau eines islamischen Gotteshauses positiv auf das Zusammenleben von Muslimen und Christen ausgewirkt. Francisca Zecher berichtet.

Innenansicht der Moschee in Penzberg; Foto: dpa
Transparent sowohl in der Architektur als auch im Innenleben: die Moschee der Islamischen Gemeinde Penzberg

​​Bauprojekte für Moscheen führen in Deutschland oft bereits im Vorfeld zu kontroversen Debatten - sowohl in den Großstädten München wie auch in Köln. Grund: Viele nicht-muslimische Bürger fühlen sich durch den Bau großer Gebetshäuser in ihrer Nähe in ihrem Alltag beeinträchtigt. Doch die meist vor der breiten Öffentlichkeit verborgenen Hinterhof-Moscheen sind auch vielen suspekt. Es wird befürchtet, diese Gotteshäuser könnten "Parallelgesellschaften" in Deutschland fördern.

In der oberbayerischen Gemeinde Penzberg kennt man Probleme wie diese jedoch nicht. Dort ist der muslimischen Gemeinschaft die Integration gelungen. Und dazu hat nach Meinung der Verantwortlichen auch der Bau der neuen Moschee beigetragen.

Transparenz und Modernität

Eindrücke vor Ort: In der großen Fensterfront der neuen Moschee spiegeln sich die vorbeifahrenden Autos der Schnellstraße. Geht man ganz nah an die Scheibe heran, kann man ein Dutzend Männerrücken sehen, die sich im Gebet nach Südost verneigen – gen Mekka. Hier am Rande der bayerischen Stadt Penzberg, wo im Hintergrund die Alpen zu sehen sind, treffen sich Muslime aus Penzberg und der umliegenden Region – die Gemeinde zählt rund 600 Mitglieder.

Auf den ersten Blick ist kaum zu erkennen, dass es sich um ein islamisches Gemeindezentrum handelt, auch der Gebetsruf des Muezzins ertönt nicht. Lediglich eine hohe Säule an einem Ende des sandfarbenen Quaders erinnert an ein Minarett – sie ruft die Gläubigen mit arabischen Schriftzeichen visuell zu Gebet.

Im Inneren des lichtdurchfluteten Gebäudes hat sich eine Besuchergruppe vor dem Gebetsraum versammelt.

Keine typische Moschee

Die Vizedirektorin des Islamischen-Forums, Gönül Yerli, führt die Gäste, eine CSU-Ortsgruppe aus der Landeshauptstadt München, auf den blauen Teppich des Gebetsraumes. Durch lammelenartig angeordnete Säulenbögen kann man durch die Fensterfront die vorbeifahrenden Autos sehen. In der Mitte des Raumes ist eine Zwischendecke eingezogen. Diese Galerie ist den Frauen vorbehalten, die beiden Geschlechter können sich nicht sehen – Und dennoch:

Fast täglich führt die junge Gönül Yerli Besuchergruppen durch das Islam-Forum. Die Verständigung zwischen den Religionen ist in ihrer Gemeinde ein ganz ausdrückliches Anliegen:

"Uns ist besonders wichtig, dass es nicht unbedingt als Moschee auffällt, sondern dass es ein modernes Moscheegebäude ist. Zu dieser Modernität gehört auch die Transparenz. Das bedeutet auch, gewisse Vorurteile aber auch viele Ängste in der Bevölkerung schon in der Architektur abzubauen. So war es uns ein großes Anliegen, dass z.B. 60 Prozent des Gebäudes eine Glasfront hat."

Bistro als Begegnungsstätte

Die Gemeinde hat aber noch andere Projekte initiiert, um den Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu fördern. Gegenüber dem Gebetsraum befindet sich eine Multimediabibliothek mit rund sechstausend Titeln. Dort kann jeder Literatur zu Themen wie islamische Religion, Kultur oder Philosophie ausleihen. Viele Bücher können ebenfalls über das Internet bestellt werden. Bald soll dort auch noch ein kleines Bistro als Begegnungsstätte entstehen.

Islamische Gemeinde Penzberg; Foto: DW
Positives Beispiel für Dialog und Integration in Deutschland: Die Islamische Gemeinde Penzberg

​​Ein Stockwerk tiefer findet gerade ein Integrationskurs für Frauen statt, den das Bildungskolleg Weilheim in Kooperation mit dem Islam-Forum anbietet. Die Kinder der vornehmlich jungen Frauen werden parallel dazu im Nebenraum betreut. Sozialpädagogin Nermina Idriz ist diese Verbindung ein besonderes Anliegen:

"Es ist vor allem eine gute Vorbereitung für den Kindergarten, da sie schon mit sehr viel vertraut sind. Mit den Regeln, mit den wichtigsten Ausdrücken usw. Wir haben damals gesagt, diese Kinderbetreuung ist wichtig, sonst kommen die Mütter auch nicht. Und wenn die Kinder schon da sind, dann sollten wir die Gelegenheit auch nutzen und sie sprachlich fördern."

Nachmittags findet zudem regelmäßig Nachhilfeunterricht für Schulkinder statt und am Wochenende unterrichtet Gönül Yerli islamische Religion in Deutsch, Türkisch und Bosnisch.

Öffnung zu Nicht-Muslimen

Das Islamische Forum, dem Muslime aus verschiedenen Ländern, wie z. B. der Türkei, Bosnien und Albanien angehören, legt dabei besonders viel Wert auf einen Islam europäischer Ausprägung. Damit meint Imam Benjamin Idriz die Loslösung von dem in der alten Heimat etablierten Islam und die Öffnung hin zu Nicht-Muslimen. Der junge Imam weiß aber auch, dass das nicht bei allen Mitgliedern gut ankommt:

"Was wir in Penzberg machen ist, zumindest in Bayern, etwas Neues und deswegen sind einige Gemeinden oder Muslime skeptisch. Aber wir wissen, das ist der einzige Weg für Europa. Mit der Zeit ich höre positive Stimmen von Muslimen. Das, was wir hier machen, ist wichtig und richtig und es ist die einzige Alternative. In Zukunft werden die meisten Muslime in diese Richtung gehen."

Dass die Bemühungen der islamischen Gemeinde, sich zu integrieren, fruchten, bestätigt auch die Stadt Penzberg. Kulturreferent Thomas Sendl sagt:

"Von Seiten der Stadt wird das Angebot der islamischen Gemeinde sehr positiv beurteilt. Der Dialog mit der katholischen und der evangelischen Kirche hat dazu geführt, dass letztendlich die islamische Gemeinde und ihr Angebot sehr gut angenommen werden und die islamische Gemeinde mittlerweile fest im gesellschaftlichen Bereich verankert ist."

Von den sechszehntausend Penzbergern soll bislang schon rund jeder Dritte das Islamische Forum mindestens einmal besucht haben. Doch warum funktioniert die Verständigung zwischen den Religionen so gut? Frau Idriz, die Sozialpädagogin des Forums erklärt es sich damit, dass die Gemeindemitglieder Deutschland als ihre Heimat sehen. Zudem habe man sich wegen der Multinationalität der Gemeinde auf Deutsch als gemeinsame Sprache geeinigt, das habe die Öffnung enorm erleichtert.

Francisca Zecher

© Deutsche Welle 2008

Qantara.de

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