Die erste Intifada führte dazu, dass die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) als einzige regierungsfähige Organisation in Palästina übrig blieb und somit mehr Einfluss erhielt. Während der militanteren zweiten Intifada allerdings marschierte Israel ins Westjordanland ein, was zur Folge hatte, dass meisten Institutionen der PA zerstört wurden.

Dies erklärt, warum die betroffenen politischen Akteure so zögernd reagieren. Abbas befürchtet, die bereits jetzt angeschlagene PA könnte durch eine neue Widerstandswelle aus dem Volk noch mehr geschwächt werden. Dadurch könnte er die Kontrolle über die Fatah-Bewegung verlieren und im Westjordanland Konkurrenz durch aufstrebende Lokalpolitiker bekommen.

Und obwohl der Palästinensische Zentralrat, die höchste gesetzgebende Körperschaft der PLO, im Jahr 2015 entschied, jegliche Sicherheitszusammenarbeit mit Israel zu beenden, bleibt Abbas der ursprünglichen Übereinkunft mit den Besatzern treu. So ist er verpflichtet, jeglichen öffentlichen Protest im Westjordanland zu unterdrücken.

Fehlende Unterstützung für friedlichen Protest

Die PA befürchtet, die friedlichen Proteste könnten gewalttätig werden oder durch militante Gruppen gekapert werden. Für eine solche Entwicklung würde die PA dann von Israel und den Vereinigten Staaten zur Verantwortung gezogen. Außerdem ist die Angst innerhalb der Fatah groß, die friedlichen Proteste könnten außer Kontrolle geraten und sich zu einem Aufstand entwickeln, der der zweiten Intifada ähnelt.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas; Foto: Reuters
Politisch ambivalent: Präsident Mahmud Abbas hatte zwar an die Familie Ahed Tamimis eine Grußbotschaft gesandt, in der er den gewaltlosen Widerstand als "eine machtvolle Waffe in der Hand des palästinensischen Volkes" bezeichnete. Dennoch hat er die Möglichkeiten dieser neuen Generation, im gesamten Westjordanland zu demonstrieren, nicht gefördert, da er die Folgen einer neuen Intifada befürchtet.

In letzter Zeit gab es immer wieder gewalttätige Angriffe. Bereits im Januar hatten die Ezzeddine-al-Qassam-Brigaden der Hamas in Nablus einen Rabbi getötet. Angesichts der erhitzten Gemüter versucht Abbas also, die Demonstrationen einzudämmen – obwohl ihn das die Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung kosten könnte. Denn viele Palästinenser glauben inzwischen sogar, die PA liefere Informationen an Israel, die das Land für Attentate benutzen könnte.

All dies führt dazu, dass der aufkeimende Widerstand und die friedlichen Proteste, für die Tamimi steht, unter den Palästinensern keine breite Unterstützung genießt – um so mehr, als die umstrittene Anerkennung Jerusalems durch die USA die Aussichten auf einen neuen Friedensprozess effektiv beendet hat.

Laut einer Meinungsumfrage vom vergangenen Dezember glauben 44 Prozent der Palästinenser, "die effektivste Methode zur Durchsetzung eines palästinensischen Staates" liege darin, erneut zu militärischen Mitteln zu greifen. In einer Umfrage drei Monate zuvor waren es nur 35 Prozent. 27 Prozent bevorzugen Verhandlungen, und nur 23 Prozent sprechen sich für einen friedlichen Widerstand des Volkes aus.

Da die gewaltlosen Demonstrationen in der Öffentlichkeit kaum Unterstützung finden, können ihre Anführer keinen praktischen und einheitlichen Plan entwickeln. So beschränken sie sich auf Gebiete, die von der Teilungsmauer oder dem Bau von Siedlungen betroffen sind.

Viele Palästinenser beschuldigen die Protestbewegungen, sie würden von Außenseitern veranstaltet und aus dem Ausland finanziert. Also werden die Demonstranten mit Argwohn betrachtet, insbesondere wenn sich ihnen israelische Aktivisten anschließen – zu denen auch ehemalige israelische Sicherheitskräfte gehören. Und weil die Widerstandsbewegungen so klein sind, sind ihre Initiatoren nicht in der Lage, die Palästinenser zu vereinen – und schon gar nicht, den schon seit langem gärenden politischen Konflikt zurück ins Licht der internationalen Aufmerksamkeit zu bringen.

Diese Form des Widerstands scheint also dazu verdammt zu sein, eine Randerscheinung zu bleiben. Da der gewaltlose Widerstand der Bevölkerung von den politischen Eliten Palästinas nicht unterstützt wird, kann er auch nicht darauf hoffen, in der breiten Öffentlichkeit anerkannt zu werden. Und da der Friedensprozess zum Stillstand gekommen ist, ist es kein Wunder, dass eine Mehrheit der Palästinenser den bewaffneten Widerstand als beste Möglichkeit sieht.

Mahmoud Jaraba

© Carnegie Endowment for International Peace 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Mahmoud Jaraba ist promovierter Forschungsmitarbeiter am Max-Planck-Institut für Soziale Anthropologie.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Argwöhnisch beäugt

Es kann ja sein, dass körperliche Angriffe wie Schläge mit der Faust oder Ohrfeigen sich angesichts der allgemeinen Gewalt im Nahen Osten relativ sanft und weniger gewaltvoll darstellen. Mit gewaltlosem Widerstand oder zivilem Ungehorsam hat das nichts gemein.
Vielmehr geht es um Provokation von Gewalt der Gegenseite im Lichte eines sehr befremdlichen Märtyrertums. Alle Seiten in diesem Konflikt setzen auf Gewalt, obwohl alle wissen, dass eine Lösung nur über Verhandlung und somit Gespräche möglich wäre. Aber man muss kein promovierter Anthropologe sein, um Gewalt und Gewaltfreiheit auseinander halten zu können. Auch die waffenlose Gewalt des "Underdogs" bleibt Gewalt, gerechtfertigt oder nicht.

Helmut M. Oberl...23.04.2018 | 16:29 Uhr