Gewaltfreiheit und Islam

Übersehene Traditionen

Angesichts aktueller Terrorgefahren werden muslimische Intellektuelle und Führungspersönlichkeiten, die sich für Gewaltfreiheit und Demokratie aussprachen, leider weitgehend ignoriert. In mancher Hinsicht ist das Erbe des Islam hochmodern. Von Hans Dembowski

Abdul Ghaffar Khan war ein paschtunischer Held der indisch-pakistanischen Befreiungsbewegung. Gewaltfreiheit war aus seiner Sicht spirituell geboten und politisch richtig. Ihm war klar, dass es den Kolonialherren leichter fiel, bewaffnete Aufstände niederzuschlagen, als friedlichen Protest zu unterdrücken. Er wusste auch, dass gewalttätige Konventionen das paschtunische Sozialgefüge belasteten. Ihm zufolge verursacht Gewalt Angst und Hass, während Gewaltfreiheit Liebe und Mut auslöst. Er war ein Verbündeter Mahatma Gandhis, bezog sich aber als frommer Muslim auf den Koran.

Der syrische Intellektuelle Jawdat Sa’id denkt heute ähnlich. Je mehr Menschen bei zivilem Ungehorsam mitmachen – so seine Einschätzung – desto schwerer fällt einem autoritären Regime die Unterdrückung. Er verweist darauf, dass der Schah im Iran gewaltfrei gestürzt wurde. Sa’id lehrt zudem, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Lehrmeinungen sei wertvoll, denn es lasse sich aus den heiligen Schriften keine einzig wahre Interpretation ableiten.

Jamal al-Din al-Afghani wurde Ende der 1830er Jahre im Iran geboren. Aus seiner Sicht brauchten muslimische Gesellschaften die Art von Freiheit, die in Europa entstand. Er wollte den Glauben vom Despotismus befreien, zumal sich der Koran nicht auf eine bestimmte Regierungsform festlegt. Al-Din al-Afghani hoffte, ein wohlmeinender Diktator könne die Massen aufklären und Demokratie einführen. Tyrannenmord kam für ihn lange durchaus in Frage. Gegen Ende seines Lebens war ihm aber klar, dass Demokratie nicht von einem wohlmeinenden Diktator durchgesetzt werden kann, sondern von unten wachsen muss. Er starb 1897.

Buchcover "Gewaltfreiheit, Politik und Toleranz im Islam", Verlag Springer VS
Verlust der eigenen Kultur: "Den Autoren zufolge hat der Islam seine intellektuelle Kraft in den vergangenen 500 Jahren eingebüßt. Das liege mit daran, dass viele Muslime nicht genug Arabisch verstehen, um den Koran lesen und interpretieren zu können", schreibt Dembowski.

Akzeptanz anderer monotheistischer Religionen

Diese drei Männer dienen Jörgen Klussmann, Muhammad Sameer Murtaza, Holger-C. Rohne und Yhaya Wardak als Beispiele für islamische Denker, die im Westen kaum bekannt sind und auch in muslimisch geprägten Kulturen oft ignoriert werden. Gemeinsam haben sie das Buch "Gewaltfreiheit, Politik und Toleranz im Islam" verfasst. Zu den wichtigen Aussagen gehören die folgenden:

  • Der Islam hat eine lange Tradition der Akzeptanz von Juden- und Christentum als monotheistische Religionen. Zwar gilt der Islam als abschließende, offenbarte Wahrheit, aber dennoch können Juden und Christen, die sich an ihre heiligen Schriften halten, fromme und gottgefällige Gläubige sein.
  • Der Koran betont eine Reihe von Regeln, was historisch schnell mehrere Rechtsschulen entstehen ließ, die auf hohem Niveau Argumente austauschten. Er äußert sich nicht zu Staatsformen, ist aber auf Rechtsgebundenheit angelegt. Muslimische Rechtsschulen haben dabei über Jahrhunderte sozialen Wandel und Innovationen zugelassen.

Den Autoren zufolge hat der Islam seine intellektuelle Kraft in den vergangenen 500 Jahren eingebüßt. Das liege mit daran, dass viele Muslime nicht genug Arabisch verstehen, um den Koran lesen und interpretieren zu können.

Unglaubwürdiger Westen

Das Buch führt aus, dass westliche Mächte wegen einer langen Serie militärischer Interventionen – von T. E. Lawrence zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu George W. Bushs Irakkrieg zu Beginn des 21. Jahrhunderts – in muslimischen Gesellschaften als unglaubwürdig gelten.

1907 unterhöhlten britisch-russische Manipulationen den Versuch, den Iran zu einer konstitutionellen Monarchie zu machen, und 1953 trug die CIA dort zu Gunsten des Schahs zum Sturz des gewählten, links-gerichteten Premiers Mohammad Mossadegh bei.

Westlichen Akteuren traut das Autorenteam nicht zu, viel zur Wiederbelebung der intellektuellen Traditionen des Islam beizutragen. Das sei eine Aufgabe für Muslime – und zwar besonders für Muslime in westlichen Ländern, die zivilgesellschaftliche Freiheit kennen und nicht autoritär regiert werden.

Dieses Buch ist wichtig – aber leider schlecht lektoriert. Viele Sätze sind verschachtelt und einige sogar grammatikalisch falsch. Der Verlag hätte gründlicher arbeiten sollen – um mehr Leser zu erreichen und mehr Bücher zu verkaufen.

Hans Dembowski

© Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit 2016

Jörgen Klußmann, Muhammad Sameer Murtaza, Yhaya Wardak, M.S., Rohne (Hg.): "Gewaltfreiheit, Politik und Toleranz im Islam", Verlag Springer VS, Heidelberg 2016, 149 Seiten, ISBN 978-3-658-10487-0

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Leserkommentare zum Artikel: Übersehene Traditionen

Das Buch baut also eine behauptete isl. Tradition der Gewaltlosigkeit auf 3 Personen auf, von denen eine vor weniger als hundert Jahren lebte und aus rein strategischen Gründen Gewaltlosigkeit predigte, die weiteren beiden leben heute (Hallo! Tradition?) und sind zumindest ansatzweise von westlichem Denken inspiriert. Wobei einer etwas von Gewaltlosigkeit beim Sturz des Shahs im Iran phantasiert. Echt jetzt?!

astuga13.01.2017 | 00:10 Uhr