Gewalteskalation im Gaza-Streifen

Die Welt sollte nicht länger zuschauen

Hamas und Israel sind dabei, alte Fehler zu begehen, denn auch die jüngsten Anfriffe werden keine Lösung bringen. Die internationale Gemeinschaft müsste sich endlich in den Konflikt einschalten, findet Peter Philipp.

Palästinensische Familie nach Anschlägen in Rafah, im Süden Gazas; Foto: AP
Seit Samstag fliegt die israelische Luftwaffe Angriffe auf Ziele der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen.

​​Kein Land der Welt wird es sich gefallen lassen, regelmäßig mit Raketen beschossen zu werden und dabei untätig bleiben. Deswegen setzt Israel auf internationales Verständnis und nutzt den erneuten Beschuss durch Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen seit dem Ende des von Hamas aufgekündigten Waffenstillstandes am 19. Dezember als Begründung für seine massive Militäroperation gegen die in Gaza herrschende Hamas.

Und diese – wie auch andere Gruppen im Gazastreifen – "revanchieren" sich mit erneuten Raketenbeschüssen auf Südisrael. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, das perfekte Szenario für eine weitere Eskalation mit unabsehbaren Folgen.

Es ist aber auch der völlig überflüssige, nun jedoch wohl endgültige Beweis dafür, dass das Versprechen von Annapolis im November 2007 nichts anderes als leere Worte waren, nämlich: Bis Ende dieses Jahres eine Friedensregelung auszuhandeln.

Wenn das Ende dieses Jahres nun vielleicht einen neuen offenen Krieg bringt, dann hat das freilich mit mehr zu tun als den erwähnten Raketen. Vielmehr fallen Israel und Hamas in die Zeiten zurück, als beide in Ermangelung vernünftiger Konzepte auf Gewalt setzten, obwohl doch längst erwiesen war, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und der Teufelskreis kaum zu durchbrechen ist.

Fehleinschätzungen

So begeht Israel den kapitalen Fehler, anzunehmen, dass man Hamas mit einer Militäroperation ausschalten könne. So, wie es dies vor zweieinhalb Jahren gegenüber der libanesischen Hisbollah meinte, tun zu können.

Die massiven Angriffe auf den Libanon haben Hisbollah hingegen in die Regierungsverantwortung gebombt und ähnliches dürfte sich in Palästina mit Hamas wiederholen. Hamas hatte im Januar 2006 die Wahlen gewonnen und ein israelischer Großangriff wird die Palästinenser erst recht in die Arme dieser Organisation treiben.

Eine Explosion im Norden des Gazastreifens nach israelischen Raketenangriffen; Foto: AP
Rauchschwaden steigen auf nach einer Explosion im Norden des Gazastreifens. Die israelischen Luftangriffe sind die schwersten seit Jahrzehnten.

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Der kapitale Fehler der frustrierten und in jeder Hinsicht gebeutelten Palästinenser, der kapitale Fehler auch von Hamas, ist allerdings zu hoffen, dass die unversöhnliche Haltung von Hamas Lösung oder Erlösung bringt.

Die vehemente Ablehnung des Existenzrechtes Israels durch Hamas kann nicht Grundlage für einen Frieden sein. Diese Erfahrung musste der damalige PLO-Chef Jassir Arafat nach Jahrzehnte langem bewaffnetem Kampf gegen Israel machen.

Internationaler Eingriff ist nötig

Das Oslo-Abkommen und die palästinensische Autonomie waren die Folge. Israel vertat die Chance: Indem es die Umsetzung von Oslo verwässerte, indem es zum Beispiel immer mehr Siedlungen im besetzten Gebiet baute, zerstörte es die Hoffnungen, die die Palästinenser in das Abkommen gesetzt hatten.

Daran änderte auch der einseitige Rückzug Israels aus dem Gazastreifen nichts: Aus einem "besetzten" wurde ein "belagertes" Gebiet unter strikter Blockade. Besonders, als Hamas in Gaza die Kontrolle übernahm.

Wie immer: Zu leiden hatten die Falschen. Nicht die Ideologen, nicht die Raketen-Schützen, sondern in erster Linie Zivilisten: Frauen, Kinder, Alte. Sie werden auch jetzt wieder die Hauptleidtragenden sein. Denn Bomben machen keine Unterschiede.

Die Welt sollte dem nicht länger tatenlos zuschauen: Wenn internationale Truppen zum Kampf gegen Terroristen und auch Piraten mobilisiert werden können, dann müsste die Welt doch in der Lage sein, in Palästina mehr als nur schöne Worte aufzubringen. Um zumindest Schlimmeres zu verhindern, wenn man schon nicht Frieden stiften kann.

Peter Philipp

© DEUTSCHE WELLE 2008

Der Nahost-Experte Peter Philipp ist Chefkorrespondent der Deutschen Welle. Er war 23 Jahre Korrespondent in Jerusalem.

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