Der postkoloniale Staat aber beließ es nicht bei einer Beschlagnahme des Rechts, sondern war bestrebt, ein weit tiefer reichendes Ziel zu verwirklichen, nämlich eine Revolutionierung von Werten und Moralvorstellungen sowie eine Abschaffung aller "reaktionären" Werte und Traditionen.

Die moralische Ordnung der Gesellschaft im Visier

Seine Legitimierung fand dieses Projekt in der Ideologie der Modernisierung, die den Staat als revolutionäres und fortschrittlichstes Instrument betrachtete, um die rückständische Gesellschaft zu verändern und zu erneuern. Auf dieser Grundlage nahm der Staat die moralische Ordnung der Gesellschaft ins Visier, in dem Bestreben, diese auf eine kleinstmögliche Nische zu beschränken – etwa in Form von Angelegenheiten des persönlichen Status und Familienrechtsfragen, welche der Scharia, dem religiösen Recht, überlassen blieben.

Buchcover Michel Seurat. "Syrien - der barbarische Staat" (franz. Ausgabe)
Michel Seurats Buch zielte auf bestimmte Merkmale des arabischen Staates, der in seinem Vorgehen und seiner Machtausübung nicht kontrolliert wird durch Gesetze oder institutionelle Vorgaben und sich im Verhältnis zu den eigenen Bürgern, ganz gleich, ob es sich dabei um Gegner handelt oder nicht, durch ein gewissen- und skrupelloses Verhalten auszeichnet.

Parallel dazu gestaltete der Staat das Gesetzeswerk aus, das die Belange der Allgemeinheit regeln sollte, und erlegte diesem auf, das revolutionäre Instrument schlechthin zur Modernisierung der Gesellschaft zu sein, was wiederum bedeutete, dass die Gesellschaft in Bezug auf ihr moralisch-ethisches Wertesystem fortan nicht mehr unabhängig vom Staat sein konnte.

Dieser ganze Prozess war per se sicher nicht nur negativ, bestand sein erhofftes Ziel doch einerseits in einer Rationalisierung des Gesetzes und der Moral und andererseits in deren Überführung unter staatliche Autorität. Rationalisierung und Wachstum bildeten den Rahmen des Bildes, von dem die Theoretiker der Modernisierung träumten, die vom Idealmodell beeinflusst waren, welches die westlichen Staaten boten.

Da aber "die Berechnung des Feldes nicht der Größe der Tenne entspricht", war es unseren Staaten nicht vergönnt, irgendetwas von diesem erhofften und imaginierten Bild zu erreichen.

Im Gegenteil, der Staat verkam zu einer hässlichen Missgeburt. Denn die postkolonialen arabischen Staaten begründeten keine moralisch-rechtliche Autorität, die ihr eigenes Handeln und ihre internen Konflikte hätte kontrollieren können, da die herrschenden Eliten bei der Festigung der Säulen ihrer Hegemonie und Macht sich auf nackte Gewalt und den Fanatismus ihrer Partikulargemeinschaften stützen.

Machtbeziehungen sind zum inoffiziellen Regulativ bei der Vergabe von Einfluss und Reichtum geworden, neben einem schriftlich fixierten Gesetzeskanon, dem niemand Beachtung schenkt. Dergestalt konnte der Staat einerseits seinen Gefängnis-Aufsehern und Sicherheitsorganen freien Lauf lassen und andererseits in einen Zustand allgemeiner Korruptheit und Korrumpierung verfallen, in dem Bestechung an der Tagesordnung ist und Diebstahl sogar als tüchtig gilt.

Der arabische Staat in Auflösung

Das Erkennungsmerkmal des arabischen Staates, wie Michel Seurat es im damaligen Syrien sah, ist nicht seine Präsenz, sondern vielmehr seine Abwesenheit. Und dies, wenn wir den Staat verstehen als Ausdruck eines Gebildes, das sich um ein Gesetz organisiert, auch wenn dieses fehlerhaft, unzureichend und unrechtmäßig sein mag. In unserer gegenwärtigen Lage jedoch fehlt ein Gesetz oder jedwede andere institutionelle Form, die „fanatisches Stammesdenken“ und skrupellose Gewalt in ihre Schranken weisen könnte.

Das Tragische aber ist, dass die Gesellschaft ohne ein eigenes moralisches System zurückgelassen wurde, welches gleichbedeutend mit einer Autorität wäre, bei dem sie Zuflucht suchen könnte, um ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln und dies unabhängig und losgelöst vom Staat – insbesondere in Zeiten, da dieser sich im Zustand der Auflösung befindet oder in Agonie verfällt.

Der Inhalt von Standards und Regeln ist dabei gar nicht einmal von Bedeutung, gleichgültig, ob diese nun unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit entsprechen oder nicht. Worauf es ankommt, ist, dass es solche moralischen Maßstäbe als Referenzpunkt überhaupt gibt, und dies eben unterscheidet die vorkolonialen Gesellschaften von den postkolonialen Staaten.

Heute aber besitzen diese Gesellschaften keinerlei moralische Autorität mehr, auf die sie sich in ihrem Verhalten stützen könnten, weshalb sie in der Konfrontation mit dem Staat schon lange vollkommen entblößt und roh auftritt. Gleichzeitig aber verfügt der barbarische Staat über keinerlei Gesetz oder Moral, um die eigenen Gesellschaften zu versorgen – er hat nichts, was er ihnen geben könnte. Und somit ist es ihm gelungen, eine Gesellschaft nach seinem Vorbild und Antlitz zu schaffen.

Morris Ayek

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Markus Lemke

Der syrische Publizist Morris Ayek studierte Wissenschaft- und Technikphilosophie an der TU München. Zuvor hat er einen Master-Abschluss in Elektro- und Informationstechnik an der TUM erwerben.

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