Eine kollektive Hetzjagd, die Ergreifung eines jungen Mannes, der halbnackt an einen Laternenpfahl gebunden und ausgepeitscht wird, oder das Eindringen in eine Wohnung, von deren Balkon wenig später das Mobiliar geworfen wird, ohne dass jemand einschritte – das alles sind keine Phantastereien, sondern reale Ereignisse, die sich in Ägypten zugetragen haben. Ereignisse, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch unmöglich, ja undenkbar waren – und heutzutage vollkommen normal erscheinen.

Tote nach der Erstürmung der Protestlager auf dem Rabi'a-al-Adawiyya-Platz in Kairo; Foto: AFP/Getty Images
Enthemmung und Verrohung der arabischen Gesellschaften: In Beirut verteilt man Süßigkeiten aus Freude über das Gemetzel im syrischen Al-Qusayr. Und andernorts herrschen Entzücken und Genugtuung über das Blutbad auf dem Rabi'a-al-Adawiyya-Platz in Kairo. "Fraktionen" eines Volkes feiern den Tod, der andere "Fraktionen" desselben Volkes ereilt.

Heute erleben wir, wie in Beirut gefeiert wird und man Süßigkeiten verteilt aus Freude über das Gemetzel im syrischen Al-Qusayr, ja wir werden Zeuge, wenn sogar in ein und derselben Stadt die Bewohner des Westteils von Aleppo die Zerstörung und das Sterben im Ostteil der Stadt bejubeln. Und andernorts herrschen Entzücken und Genugtuung über das Blutbad auf dem Rabi'a-al-Adawiyya-Platz in Kairo. "Fraktionen" eines Volkes feiern den Tod, der andere "Fraktionen" desselben Volkes ereilt, und machen so gemeinsame Sache mit der Barbarei des Staates, ihrer Rechtfertigung und Inszenierung.

Wie konnten wir diesen Tiefpunkt erreichen?

Ich bin der Überzeugung, eine Erklärung hierfür könnte die Beziehung sein, in der drei Dinge zueinander stehen – der Staat, die Gesellschaft und das Gesetz/die Moral.Vor dem Aufkommen des modernen Staates sorgte das traditionelle Herrschaftssystem für eine Bewahrung der "natürlichen Ordnung" der Dinge, verkörpert in der Moral und den allen Einwohnern gemeinsamen Traditionen, welche ihr Verhalten regulierten. Moral und Traditionen überlagerten sich mit dem religiösen Gesetz, das eine gesellschaftliche Angelegenheit darstellte. Die Rolle des Herrschaftssystems war mithin beschränkt auf eine Pflege der "natürlichen Ordnung" sowie auf die Gewährleistung ihres Fortbestands und ihres Erhalts.

Demonstration gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad in Hannover; Foto. picture-alliance/dpa
Die hässliche Fratze des postkolonialen autoritären Staates: Die postkolonialen arabischen Staaten begründeten keine moralisch-rechtliche Autorität, die ihr eigenes Handeln und ihre internen Konflikte hätte kontrollieren können, da die herrschenden Eliten bei der Festigung der Säulen ihrer Hegemonie und Macht sich auf nackte Gewalt und den Fanatismus ihrer Partikulargemeinschaften stützen.

Mit dem Beginn der osmanischen Reformen aber sollte der Staat in zunehmendem Maße versuchen, sich der Rechtsgewalt in allen Belangen zu ermächtigen, diese der Gesellschaft zu entziehen und sie zu einem Feld zu machen, das alleine ihm vorbehalten war.

Dieser Prozess erreichte seinen Höhepunkt nach dem Ende der Kolonialherrschaft, welche ihrerseits bereits zuvor die Rechtsgewalt in vollem Maße der Gesellschaft entrissen hatte, bis der Staat sogar eine Beschlagnahme der religiösen Stiftungen (Auqaf) und deren Verstaatlichung veranlasste, eben jener Auqaf, die die Unabhängigkeit der religiösen Institutionen garantiert hatten, welche über alle Angelegenheiten des religiösen Rechts und der sittlichen Gesetze gegenüber dem Staat gewacht hatten.

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