Verpflichtend für die einen, Schimpfwort für die anderen: Der Begriff „Willkommenskultur“ ist mit der Debatte über die hiesige Flüchtlingspolitik eng verbunden.
Geschichte der Willkommenskultur in Deutschland

Geliebt und gehasst

Schon kurz nach seiner Entstehung und Einführung in den deutschen Diskurs wurde der Begriff Willkommenskultur von islamfeindlichen Kreisen ins Visier genommen – und durch diese nach einem langen Prozess auch letztlich zu Fall gebracht. Joseph Croitoru über die Geschichte eines deutschen Reizbegriffs

Wie kaum ein anderer ist der Begriff „Willkommenskultur“ mit der Debatte über die hiesige Flüchtlingspolitik verbunden. Für die einen steht der Begriff für Weltoffenheit und Toleranz im Umgang mit Immigranten, den anderen dient er als Schimpfwort in ihrem Feldzug gegen die angeblich drohende Zersetzung der Nation. Heute ist jedoch vergessen, dass man hierzulande bereits ein ganzes Jahrzehnt vor der sogenannten Flüchtlingskrise der Jahre nach 2015 über Willkommenskultur zu debattieren begann.

Die Diskussion nahm ihren Anfang ursprünglich unter der von Klaus Wowereit geführten rot-roten Koalition (SPD/PDS) im Berliner Senat. Schon die Einführung des Terminus in den deutschen Diskurs war von einem Zwiespalt gekennzeichnet, der auch die spätere Debatte prägen sollte. Als nämlich 2004 die damalige Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) erklärte, man wolle „eine neue Willkommenskultur entwickeln“, fühlte sich Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bemüßigt, gleich klarzustellen, dass es auch künftig Abschiebungen bei illegalem Aufenthalt geben werde: „Es werden nicht alle bleiben können.“

Ein amtliches „Willkommenspaket“

Gemeint waren damals vor allem die schon länger in Berlin lediglich geduldeten palästinensischen und bosnischen Asylsuchenden. Als Orientierungshilfe für sie und andere Migranten gab Berlins Beauftragter für Integration und Migration, Günter Piening (2003 - 2012), ein Jahr später eine – wohl die erste – amtliche, in acht Sprachen verfasste, 80-seitige Broschüre als „Willkommenspaket“ für Zuwanderer heraus.

Piening, der heute im Gespräch betont, dass es damals bei dem neuen Willkommens-Kurs nicht so sehr um eintreffende, sondern vor allem um bereits in Berlin lebende Flüchtlinge ging, erntete mit seiner Initiative nicht nur Lob. Die oppositionellen Grünen, die die Schaffung einer „neuen Willkommenskultur“ zwar grundsätzlich begrüßten, kritisierten das Konzept des Senats. Es enthalte „viele schöne Worte, aber wenig Konkretes zur Umsetzung“ monierten sie. Als aber eine Berliner Schule kurz darauf ihre Schüler anhielt, nur Deutsch zu sprechen, machte der grüne Abgeordnete Özcan Mutlu den Terminus kurzerhand zum Kampfbegriff: Die schulische Maßnahme zeuge nicht von einer Willkommenskultur.

Über den Berliner Sprachstreit berichtete damals, Anfang 2006, auch schon die überregionale Presse, und schnell wurde der Begriff Willkommenskultur zum geflügelten Schlagwort. Als in jenem Jahr der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) den umstrittenen, als diskriminierend gegenüber Muslimen kritisierten Einbürgerungstest verteidigte, berief er sich auch darauf, dass im Land eine Willkommenskultur herrsche. Zugleich warnte er aber vor „Parallelgesellschaften“.

Infografik Bewertung von Zuwanderung DE. (Foto: DW)
Robuste Zustimmung zur Willkommenskultur in Deutschland: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vom August 2019 zeigt: die Willkommenskultur in Deutschland ist "robust". Die junge Generation unter 30 Jahren unterscheidet sich in ihren Einschätzungen und Wahrnehmungen im Blick auf Migration und Integration deutlich von den älteren Generationen.

Gespaltenes Verhältnis zu muslimischen Migranten

Bereits damals schürte die rechtskonservative Presse Ressentiments gegen Muslime, indem sie den „Ehrenmord“ an der Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü 2005 in Berlin für ihre Zwecke ausschlachtete.

Aus der Debatte über den Umgang mit Migranten wurde spätestens jetzt auch eine Diskussion über das eigene Verhältnis zu Muslimen, das schon damals gespalten war. So etwa forderte im Februar 2007 der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger eine „neue Willkommenskultur gegenüber muslimischen Migranten“- Gleichzeitig lehnte er aber den Bau einer Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Pankow mit der Begründung ab, die Ahmadiyya ähnele einer Sekte. Das Gebetshaus wurde dennoch gebaut und ein Jahr später eröffnet.

In den folgenden Jahren wurde immer häufiger der Ruf nach einer „neuen Willkommenskultur“ laut – ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene. Als Antwort auf die Kritik an ihrer angeblich zu liberalen Einwanderungspolitik befürworteten nun manche Politiker nur noch eine Willkommenskultur für „qualifizierte Zuwanderer“. Andere hingegen wünschten sich ein „Willkommensklima“ und warfen den Medien vor, die Schaffung eines solchen Klimas durch ihre Konzentration auf Fälle von „Integrationsunwilligen“ zu erschweren.

Der Wunsch nach einer Willkommenskultur wurde übrigens schon zu Beginn der 2010er Jahre auch außerhalb des Kontexts Migration artikuliert. Eine Willkommenskultur, so etwa 2011 ein Kirchenvertreter aus Göppingen, bräuchte es „für Familien, die heute nicht mehr zwangsläufig von sich aus in die Kirchengemeinden kommen“.

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