Gescheiterter Staat Libyen

Gaddafis Vermächtnis

Was passiert, wenn die Truppen General Khalifa Haftars die Kontrolle über die libysche Hauptstadt Tripolis gewinnen? Der libysche Autor Faraj Alasha analysiert die Hintergründe der neuesten Entwicklungen in dem nordafrikanischen Krisenland.

Libyen ist der Inbegriff eines gescheiterten Staates: Das Land hat weder ein einheitliches politisches System noch eine vom ganzen Volk beauftragte Regierung oder eine reguläre Armee, die das legitime Gewaltmonopol innehat.

Historisch betrachtet, befindet sich Libyen momentan in einer Phase, in der ein Krieg unter bestimmten Umständen zur Bildung eines neuen Staates führen kann: Eine militärische Konfliktpartei erringt den Sieg über ihre Gegner, weitet ihre Kontrolle über das ganze Land aus und etabliert eine zentrale Instanz. Das endgültige Herrschaftssystem kann allerdings verschiedene Formen annehmen, denn der Ausgang dieses Prozesses hängt auch davon ab, wie ausgeprägt der Wunsch und der Willen der Menschen in Libyen sind, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.

Bis Libyen jedoch an diesem Punkt angelangt ist, bleibt das Land mitsamt seinen Einwohnern Geisel des Kampfes zweier durch ausländische Interessen angetriebenen Konfliktparteien um die Macht und die Ressourcen des Ölstaates.

Krieg ist ein barbarischer Akt. Nicht umsonst heißt es, der Krieg öffne die Tore zur Hölle. Genau das passiert derzeit am Stadtrand von Tripolis. Dort tobt die Entscheidungsschlacht um die Kontrolle über das politische Zentrum des Landes und die Zentralbank, die über die Petrodollars des Staates herrscht. Auf der einen Seite steht die zahlenmäßig weit überlegene und militärisch straff organisierte „Libysche Nationalarmee“ unter der Führung von General Haftar. Sie verfügt über eine große militärische Stoßkraft und wird ganz offensichtlich von wichtigen regionalen Akteuren wie Ägypten und den Vereinten Arabischen Emiraten unterstützt.

Schwache Institutionen

Der „Libyschen Nationalarmee“ stehen von Qatar und der Türkei unterstützte militärische Verbände gegenüber, die eilig zusammengezogen wurden, um den Angriff Haftars auf die Hauptstadt abzuwehren. Ihr Rückgrat bilden die Milizen verschiedener Warlords, deren Kämpfer größtenteils aus den Regionen Tripolis und Misrata kommen. Sie alle verbindet ein gemeinsames Anliegen: Sie wollen verhindern, dass Tripolis und damit die Schaltstelle der Macht über die Petrodollars in die Hände Haftars fällt. Die Leidtragenden sind die Zivilisten in der Hauptstadt. Sie haben das Pech, in einer Stadt zu leben, die zum Epizentrum der blutigen und verheerenden Schlacht um die Vorherrschaft in Libyen geworden ist.

 

Die derzeitige Lage in Libyen ist in politischer, sozioökonomischer und kultureller Hinsicht das Ergebnis der etwas mehr als vier Jahrzehnte währenden autokratischen Willkürherrschaft Gaddafis – einer Regentschaft ganz im Stil des Fatimidenkalifen al-Hakim, der vor mehr als tausend Jahren regierte.

Basierend auf einem größenwahnsinnigen ideologischen Fundament, hat Gaddafis autokratisches Regime staatliche Institutionen allein dazu benutzt, die Vorstellungen des „einzig wahren Herrschers“ umzusetzen. Die städtebauliche Entwicklung, das Bildungs- und Gesundheitssystem sowie die wirtschaftliche Produktion wurden hingegen geflissentlich vernachlässigt, und das in einem Land, das große Öl- und Gasvorkommen besitzt. Gaddafi hasste seine Untertanen: Es schien fast, als wolle er mit ihnen eine alte Rechnung begleichen und Rache für seine schwere Kindheit nehmen.

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