"Gershad"-App im Iran

Strategien gegen islamische Tugendwächter

Eine neue App hilft Iranern, die strengen Sittenwächter des Landes auszutricksen. Doch kaum ist sie auf dem Markt, wird sie von der Regierung auch schon wieder verboten. Von Jessie Wingard

Die iranischen Sittenwächter finden sich überall im Land auf belebten Straßen. Sie sorgen dafür, dass sich die Bürger an die strengen Kleider- und Benimmregeln der Islamischen Republik halten. Frauen ohne ausreichende Kopftuchbedeckung, mit einer "unpassenden" Frisur oder zu viel Make-Up können bestraft werden. Auch Männer mit modischer, westlicher Kleidung werden mitunter zurechtgewiesen.

Wer sich nicht an die Vorschriften hält, läuft Gefahr, in ein Auto gezerrt und in eine Besserungseinrichtung gebracht zu werden. Dort werden die Übeltäter darüber belehrt, wie man sich als anständiger Bürger der Islamischen Republik zu verhalten hat, so manch einer wird mit einer Geldstrafe belegt oder sogar angeklagt.

Als Mittel des Protests und Gegenwehr gegen diese Drangsalierungen im öffentlichen Raum hat jetzt eine Gruppe anonymer Software-Spezialisten eine neue App namens "Gershad" entwickelt. In einer Erklärung auf ihrer Webseite schreiben die Entwickler der "Gershad"-App, dass von den drei Millionen Frauen, die 2013 von der Sittenpolizei festgenommen wurden, 207.000 gezwungen worden seien, sich schriftlich beim Staat für ihr Verhalten zu entschuldigen; 18.000 seien angeklagt worden.

Die sozialen Medien, sagen die Entwickler, seien voll mit Fotos von Frauen, die von Sittenwächtern geschlagen werden. Mit der App hätten sie "einen risikoarmen Weg gefunden, gegen dieses Unrecht zu protestieren".

Den Behörden ausweichen

Die "Gershad"-App wurde kürzlich zu einem Renner im Google Play Store, wo sich Android-Benutzer in Massen die Anti-Sittenwächter-Software auf ihre Smartphones herunterluden. Die Nachfrage war so groß, dass die Behörden Wind davon bekamen, die die App weniger als 24 Stunden nach dem Start verboten.


Kompass und "Warnmelder": Eine neue App hilft Iranern, den Aufenthalt der islamischen Sittenwächter auszuloten und problemlos zu umgehen oder zu umfahren.

Die App funktioniert, indem lokale Benutzer den Standort von Sittenwächtern auf den Stadtplänen der App kenntlich machen. Wenn sich die Hinweise auf einen bestimmten Standort häufen, werden andere durch ein Symbol auf der Karte auf die Gefahr aufmerksam. Den Benutzern wird dann durch vorgeschlagene Umgehungsmöglichkeiten geholfen, der Sittenpolizei auszuweichen.

Geht die Zahl der Warnungen für einen Standort wieder zurück, verschwindet irgendwann das Symbol von der Karte.

Internet-Zensur im Iran ist weitverbreitet. Viele Iraner umgehen die Beschränkungen durch Proxy-Server und haben so Zugang zu "verbotenen" sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook.

Spott und Hohn über Irans Behörden

Vielen Iranern gefällt die neue App trotz des Verbots. Auf Twitter meint etwa einer von ihnen: "Während der Rest der Welt Apps erfindet, um die Polizei und damit Schutz zu finden, müssen wir (Iraner) Apps schaffen, um uns vor den Behörden in Sicherheit zu bringen."

Ähnlich der Tenor eines anderen Users: "Wie verzweifelt müssen wir (Iraner) eigentlich sein, dass wir aus Angst, der Polizei auf der Straße zu begegnen, Apps erfinden müssen."

Und in einem anderen ironischen Kommentar von einem Benutzer in Maschhad im Nordost-Iran heißt es: "Bisher gab uns die Sittenpolizei einen Grund, unsere Freundinnen mit nach Hause zu nehmen. Jetzt hat diese App das zunichte gemacht."

Eine weitere Userin schaltete sich in die Debatte mit der Bemerkung ein: "Warum brauchen wir eigentlich die Gershad-App? Die Männer sagen uns doch schon, wir sollten mit ihnen nach Hause gehen, weil überall draußen Polizei herumsteht."

Die Hauptsorge der mehr als tausend App-Benutzer ist allerdings, dass die Sittenpolizei sich Zugang zur Software verschafft und Benutzern Fallen stellen wird.

Der Server steht im Ausland und wird angeblich von einer privaten Firma betrieben. Die Sicherheit der App-Benutzer ist natürlich oberstes Gebot, sie wird durch ein verschlüsseltes SLL-Protokoll gewährleistet.

Jessie Wingard

© Deutsche Welle 2016

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