Natürlich lieben alle Eltern ihre Kinder, selbst wenn sie das Falsche tun, aber sie vergessen, dass Liebe, auch Elternliebe, gezeigt werden muss. Folglich entfernen sich die Kinder von ihren Eltern und suchen Rat und Unterstützung bei anderen Erwachsenen, zum Beispiel bei Lehrern. Dann beschweren sich die Eltern wiederum, dass ihre Kinder ihnen nichts mehr erzählen. Und anstatt das Problem im ruhigen Gespräch zu lösen, werden sie misstrauisch, daraufhin noch aggressiver und der Teufelskreis fängt von vorne an.

Das Smartphone ist zu wertvoll, um weggelegt zu werden!

Eltern (nicht nur in Ägypten) meinen oft, meine Generation sei süchtig nach Smartphones und dergleichen. Anstatt denselben Satz ("Leg dieses Schrottstück doch endlich mal beiseite!") unendlich oft zu wiederholen, sollten an Schulen und in Vereinen Programme angeboten werden, die Jugendlichen beibringen, wie sie von ihrer Online-Zeit profitieren können und nicht nur Selfies posten und Stars folgen. Das Internet gestaltet nicht nur unseren Alltag, sondern unsere Geschichte und Politik. Sehen wir uns nur mal den Arabischen Frühling an! Das Smartphone ist doch zu wertvoll, um einfach weggelegt zu werden!

Anstatt Jugendlichen zu verbieten, ohne Aufsicht auf Ausflüge oder ins Ausland zu gehen, muss man sie von Anfang an so erziehen, dass sie zu vertrauenswürdigen Menschen heranwachsen.

Ein weiterer geläufiger Vorwurf ist die scheinbare "Undankbarkeit". Hier könnten die Eltern das ältere Kind beauftragen, für das jüngere Kind oder das Haustier zu sorgen, damit es erkennt, wie schwierig es ist, sich für ein anderes Lebewesen verantwortlich zu fühlen. Wenn "Gier" in Form von ständigen Nachfragen nach neuen unnötigen Geräten, Klamotten oder einfach zu viel Geld ein Problem ist, dann bietet sich eine einfache Lösung: Ein Sommerjob für die Kinder, um ihnen den Wert des Geldes beizubringen.

Eine Großmutter mit ihrem Enkel in Tizmant, Ägypten; Foto: © Sandra Wolf
"Zwingt Eure Kinder nicht dazu, in Eure Fußstapfen zu treten, denn sie wurden für eine andere Zeit als die Eure bestimmt": In ihrem Meinungsbeitrag kommt die Studentin Engy Ashraf zu dem Schluss, dass sich die Lebenswelten der Generationen im Umgang mit Medien und kulturellen Gepflogenheiten deutlich unterscheiden, weshalb Bevormundung und Zwang die falschen Ansätze für eine Erziehung in gegenseitigem Respekt bedeuten.

Der Gedanke, dass nur Ärzte und Ingenieure erfolgreich sind, sollte endlich aus der ägyptischen Gesellschaft verschwinden. Der Druck, der auf OberstufenschülerInnen ausgeübt wird, um in die Fakultät für Medizin bzw. Ingenieurwissenschaften aufgenommen zu werden, ist echt unmenschlich. Eine gute Seite des 21. Jahrhunderts ist, dass jeder mit genug Mühe und Kreativität erfolgreich sein kann.

Ein anderer Punkt, der sich in Ägypten ändern muss, ist die Haltung von Erwachsenen dem Thema Sex gegenüber. Unsere Großeltern redeten nicht mit unseren Eltern darüber und so wollen unsere Eltern auch bis zur Hochzeitsnacht stumm bleiben. Heute geht das nicht mehr, weil das Thema überall gegenwärtig ist: in den Medien, in Freundschaftskreisen, auf den Straßen in Form von sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung. Jeder junge Mensch muss seine Rechte und Verantwortungen verstehen, wenn es um das Thema Sexualität geht, und es ist die Verantwortung von Eltern und Schulen ihm oder ihr diese beizubringen.

Es gibt Dutzende von Beispielen, die alternative Erziehungsmethoden verdeutlichen. Und wenn sie alle in einem einzigen Satz zusammengefasst werden können, finde ich den folgenden arabischen Ausspruch überaus passend: "Zwingt Eure Kinder nicht dazu, in Eure Fußstapfen zu treten, denn sie wurden für eine andere Zeit als die Eure bestimmt."

Und unsererseits?

Das Wichtigste, was Jugendliche meiner Meinung nach heute ihren Eltern entgegenbringen sollten, ist Empathie. Wenn wir uns in die Schuhe unserer Eltern ab und zu hineinversetzen, wird vieles verständlich. Ich würde mir auch Sorgen machen, wenn meine Tochter bis Mitternacht nicht heimkommt und nicht an ihr Handy geht. Es würde mich auch nerven, wenn mein Sohn sein iPhone zum zweiten Mal verloren hat. Und natürlich würde es mir unglaublich schwerfallen, meine Kinder aus der Elternwohnung ausziehen zu lassen. Es ist heute auf keinen Fall einfach, entweder Kind oder Erwachsener zu sein. Und außerdem kann einem im 21. Jahrhundert wirklich schwindlig werden, so viel müssen wir zugeben.

Engy Ashraf

© Goethe-Institut Kairo/"Perspektiven"

Engy Ashraf, 20 Jahre alt, in Alexandria geboren, ist Absolventin der Deutschen Schule der Borromäerinnen. Nach ihrem Abschluss im Jahr 2015 ist Engy nach Kairo gezogen und hat ein Semester Russisch und Französisch an der Alsun Fakultät für Sprachwissenschaft und Übersetzung studiert. 2016 wechselte sie die Studienrichtung und studiert nun im dritten Semester Medizin an der Universität von Alexandria.

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