Gemälde britischer Orientalisten in der Tate Gallery

Die Verlockungen des Orients

Die Ausstellung "The Lure of the Orient" in der Londoner Tate Gallery erforscht die abendländische Wahrnehmung des Nahen und Mittleren Ostens in den Jahren 1780 bis 1930. Susannah Tarbush findet, dass die Exponate mehr sind als Sinnbilder eines "imperialistischen Blickes".

Quelle: Tate.org.uk
Ein beliebtes Motiv britischer Maler: das "arabische Interieur" (Arthur Melville, Arab Interior, 1881, National Gallery of Scotland)

​​Das Cover für die Ausstellung "The Lure of the East: British Orientalist Painting" (Verlockungen des Orients - Britische Malerei des Orientalismus) zeigt das Gemälde "Arabisches Interieur" des schottischen Künstlers Arthur Melville aus dem Jahr 1881. Zu sehen ist darauf ein Mann mit einem langen weißen Bart, der, eine lange Tabakspfeife in der Hand, vor einer mashrabiyya sitzt, einem geschnitzten Holzparavent. Der Kurator der Ausstellung, Nicholas Tromans, bemerkt dazu: "Die Muster, die das durch diese Paravents fallende Sonnenlicht in einem Innenraum zeichnet, wurden zu einem der beliebtesten Motive der britischen Maler."

Der Innenraum wird nur erhellt durch den gedämpften Widerschein der Möbel und der Kleidung des Mannes. An Arab Interior strahlt Intimität und Wärme aus und ist damit eine verführerische Einleitung zu der Ausstellung von 115 Werken von 46 Künstlern, die in der Londoner Tate Britain Gallery noch bis Ende August zu sehen ist.

Bilderreise gen Osten

Quelle: Tate.org.uk
John Frederick Lewis lebte von 1841 bis 1850 in Kairo. Das Bild "Interior of a Mosque, Afternoon Prayer (The 'Asr)", stellte Lewis 1857 fertig, sechs Jahre nach seiner Rückkehr nach England.

​​Organisiert wurde die Ausstellung in Kooperation mit dem Yale Center of British Art in Connecticut, USA, wo sie vom Februar bis zum April dieses Jahres zu sehen war. Nach ihrem Gastspiel in London wird die Ausstellung, gefördert vom British Council, nach Osten ziehen und im Pera Museum in Istanbul (Oktober 2008 bis Januar 2009) und dann im Sharjah Art Museum (Februar bis April 2009) zu sehen sein.

Die meisten Bilder stammen aus dem 19. Jahrhundert, als der Beginn der Eisenbahnreisen und der Dampfschifffahrt viele Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas viel leichter zugänglich machte. Viele britische Künstler besuchten das östliche Mittelmeer und seine großartigen Städte. Einige reisten direkt mit dem Dampfschiff, andere nahmen den Weg durch Spanien und Marokko, wieder andere durch Griechenland und den Balkan.

Unter den Künstlern, die Bilder aus dem Orient mitbrachten waren Edward Lear, William Holman Hunt, Thomas Seddon, David Roberts, Frank Dillon, Lord Frederic Leighton und William James Müller (Sohn eine preußischen Emigranten).

Neue malerische Brillanz

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Viktorianische Phantasie über das orientalistische Heim: John Frederick Lewis' Hhareem Life, Constantinople von 1857

​​Die dominante Erscheinung dieser Ausstellung ist zweifellos John Frederick Lewis, der allein schon mit 32 Arbeiten vertreten ist. Lewis lebte ab 1841 für annähernd zehn Jahre in Kairo, kleidete sich nach Landesart, bewohnte ein großes Haus und schuf in dieser Zeit knapp 600 Aquarelle und Zeichnungen. Bekannt ist er vor allem für seine detailreich gemalten Innenräume und Haremsszenen, von denen die Ausstellung mit The Reception (der Empfang) und Hhareem Life, Constantinople (Haremsleben in Konstantinopel) gleich zwei herausragende Beispiele präsentieren kann.

In seinem Meisterwerk A Frank Encampment in the Desert of Mount Sinai, 1842 (Offenes Lager in der Wüste am Berg Sinai, 1842), das er im Jahr 1856 schuf, erreichte Lewis' Aquarellkunst ein noch höheres Niveau. In Auftrag gegeben durch den Viscount Castlereagh, zeigt das Bild den ermatteten Aristokraten, wie dieser sich von einem Jagdausflug erholt. Für den Kritiker John Ruskin, einem Freund Lewis', zählt das Werk "zu den vollkommensten Bildern der Welt".

Quelle: Tate.org.uk
John Ruskin zufolge zählt John Frederick Lewis' A Frank Encampment in the Desert of Mount Sinai "zu den vollkommensten Bildern der Welt".

​​Besonders freuten sich die Ausstellungsmacher, dass nur wenige Wochen vor Beginn der Schau drei Werke, von denen man zuvor nur gehofft hatte, sie zeigen zu können, im Qatar Orientalist Museum gefunden werden konnten. Die Bilder, darunter Lewis' wunderbares Ölgemälde An Armenian Lady in Cairo – The Love Missive (Eine Armenierin in Kairo – die Liebesbotschaft) von 1855, konnten so noch in letzter Minute in die Ausstellung mit aufgenommen werden.

Die Augen der jungen Armenierin sind träumerisch nach unten gerichtet, ein Blumenstrauß in der Hand. Das Werk korrespondiert auf schöne Weise mit anderen Bildern der Ausstellung, sowohl von Lewis als auch von anderen Künstlern, in denen die Sprache der Blumen ein hervorstechender Topos ist.

Der notorische Orientalismus-Diskurs

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in dem Jahr, in dem sich die Veröffentlichung des einflussreichen, aber immer umstritteneren Werks Orientalism von Edward Said zum 30. Mal jährt, die Debatte um den Orientalismus in der Kunst neu entfacht wird, was sich auch in den Begleittexten zur Ausstellung niederschlägt.

Die Ausstellungsverantwortlichen wollten dabei sicherstellen, dass das Thema sowohl aus westlicher Perspektive wie aus der des Nahen Ostens angegangen wird. 30 Prominente, darunter arabische, türkische sowie jüdische Gelehrte und Schriftsteller, haben zu bestimmten Werken der Schau ihre eigenen Gedanken zum Ausdruck gebracht, die neben den Ausstellungsstücken zu lesen sind.

Fatema Mernissi; Foto: AP
"Eine wunderbare Möglichkeit, die Verbindung zwischen der westlichen Haltung zur Dunkelheit und der Angst vor dem Islam zu untersuchen": Fatema Mernissi, marokkanische Feministin und Soziologin

​​Zwei der vier einführenden Essays des schön gestalteten Begleitkatalogs stammen von arabischen Autorinnen, der Syrerin Rana Kabbani und der Marokkanerin Fatema Mernissi. Der Essay von Kabbani, sehr wütend im Ton, sieht eine Verbindung zwischen den Bildern aus einer Zeit der militärischen und wirtschaftlichen Dominanz Großbritanniens über die dargestellten Völker und Länder einerseits, und der heutigen Zeit andererseits, in der Großbritannien "erneut beteiligt ist an der Besetzung eines arabischen Landes". Dennoch muss sie zugeben, dass es "vielen der Gemälde gelingt, anschaulich an Orte zu erinnern, die sich bis heute bis zur Unkenntlichkeit verändert haben oder für immer verschwunden" seien.

Die Haltung des Westens zur Dunkelheit – und zur Nacktheit

Mernissi dagegen nimmt eine versöhnlichere Haltung ein in ihrem Artikel, der den Titel trägt: "Seduced by 'Samar', or: how British Orientalist painters learned to stop worrying and love the darkness" (Verführt durch 'Samar' oder: Wie die britischen orientalistischen Maler ihre Furcht verloren und lernten, die Dunkelheit zu lieben). Aus ihrer Sicht bietet die Ausstellung eine "wunderbare Möglichkeit, die Verbindung zu untersuchen zwischen der westlichen Haltung zur Dunkelheit und der Angst vor dem Islam". Sie stellt fest, dass der damalige Kontakt der Künstler mit der für sie neuen Welt "nicht zu Konflikten führte, sondern eine große Kreativität zur Folge hatte und wir viel von ihnen lernen" könnten.

Quelle: Tate.org.uk
In letzter Minute wurde die Ausstellung noch um Werke wie das von John Frederick Lewis, An Armenian Lady in Cairo, bereichert.

​​Jeder, der die Ausstellung in der Hoffnung auf reißerische und schlüpfrige Beispiele orientalistischer Kunst besucht, wird enttäuscht werden. Worauf die Ausstellungsmacher nämlich besonders hinweisen wollen, ist, dass es entscheidende Unterschiede zwischen dem Orientalismus britischer Künstler und dem von einigen Malern anderer Nationalitäten gab, insbesondere zu denen aus Frankreich. Trotz seiner zahlreichen Haremsszenen malte John Frederick Lewis nie eine Nackte.

Tromans formuliert es so: "Die Ikonografie der Odaliske – die türkische Sexsklavin, die sich dem Auge des Betrachters so freizügig darbietet, wie angenommen wird, dass sie sich auch ihrem Herrn präsentiert – ist eine fast exklusiv französische." Die Odaliske wird vor allem mit Jean-Auguste Ingres in Verbindung gebracht, der Bilder schuf wie Das türkische Bad, in dem es von wollüstigen Nackten nur so wimmelt.

Grausamkeit und Erotik

Um solche und andere Unterschiede zu verdeutlichen wurde etwa das Bild For sale: Slaves at Cairo (Zum Verkauf: Sklaven in Kairo) des Franzosen Jean-Léon Gérôme nahe dem Werk The Slave Market, Constantinople (Der Sklavenmarkt, Konstantinopel) des schottischen Künstlers William Allan gehängt. Wie auch andere Sklavenmarkt-Gemälde Gérômes, kombiniert dieses Grausamkeit und Erotik: eine der Sklavinnen ist nackt, langes, dunkles Haar fällt weich zwischen ihren Brüsten herab, andere Frauen sind nur spärlich bekleidet. Allans Gemälde dagegen, auf dem sich türkische Sklavenhändler auf Pferden die Frauen einer gefangenen griechischen Familie aufteilen, ist zwar melodramatisch, hat jedoch nichts von der Lüsternheit Gérômes.

Quelle: Tate.org.uk
William Allans The Slave Market, Constantinople, 1838, National Gallery of Scotland

​​Es wäre schade, wenn die Masse der Debatten um die orientalistische Kunst als unsichtbare Trennwand zwischen den Besuchern und den ausgestellten Werken wirken würde. Eine der Besucherinnen, deren Erwartungen auf den Kopf gestellt wurden, ist die britisch-asiatische Kolumnistin Yasmin Ablihai-Brown. Die Muslima schrieb in der Tageszeitung Independent, dass sie in der festen Erwartung in die Ausstellung kam, dass sie die Künstler dafür hassen würde, dass sie vorgaben, durch die Schönheit der Bilder die eine, nicht zu leugnende Wahrheit vergessen zu machen: dass sie zu denen gehörten, die einen illegitimen imperialen Anspruch aufrechterhielten.

Doch was geschah: "Alle meine Erwartungen zerbröselten, als ich mir ein Bild nach dem anderen anschaute und einige davon in meinen Augen nur eines offenbarten: den Ausdruck einer unerklärten Liebe weißer, christlicher Männer aus der britischen Oberschicht zum Orient. Ich sah ihren geheimen Schmerz, ihr Verlangen, den Konflikt zwischen Kopf und Herz, zwischen Antonius und Kleopatra", so Yasmin Ablihai-Brown.

Susannah Tarbush

© Qantara.de 2008

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Qantara

Die Rezeption des Anderen
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Zwei Bücher behandeln die Geschichte der Rezeption des Orients und des Okzidents. Der New Yorker Kristian Davies erhellt die Wirkung von Bildern, der Kairiner Muhammad Immara die von Texten. Wolfgang Schwanitz stellt die Bücher vor.

Buchtipp: "Staging the Orient"
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Der Islamwissenschaftler Wolf-Dieter Lemke zeigt in seinem Text- und Bildband "Staging the Orient" auf eindrucksvolle und unprätentiöse Weise Orientbilder aus dem Zeitalter ihrer Popularisierung. Andreas Pflitsch stellt das Buch vor.

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Der Kulturhistoriker Johannes Kalter konnte in den letzten dreißig Jahren für das Stuttgarter Linden-Museum zahlreiche Kunstgegenstände aus der islamischen Welt erwerben und stellte in mehreren Ausstellungen die unterschiedlichen Lebenswelten des orientalischen Kulturraums vor. Abdul-Ahmad Rashid mit einem Porträt des Kunstsammlers.

WWW
Mehr Infos auf der Website der Tate Britain

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