Irgendwie hat Fatima es zurück ins Dorf geschafft. Kundige Hände versorgten ihre Wunden auf dem Weg. Sonst wäre sie wohl verblutet. Wahrscheinlich wird sie nie wieder Kinder bekommen können.

Mit den Schwiegereltern floh sie über den Grenzfluss ins benachbarte Bangladesch, internationale Hilfsorganisationen unterstützten sie dabei, Ali zu finden. "Für mich ist es kein Problem, bei ihr zu bleiben", sagt er. Sie habe das ja nicht freiwillig gemacht.

Vergewaltigte Frauen werden oft verlassen

Mit "das" ist die Massenvergewaltigung gemeint. Und tatsächlich verlassen viele Rohingya ihre vergewaltigten Frauen. Lassen sie alleine mit den Kindern – und dem Schmerz. Weil ein anderer Mann sie gehabt und damit nach Vorstellung vieler Männer entehrt habe.

Für eine westlich sozialisierte Frau ist vieles fast unerträglich fremd. Dass die Frauen zum Beispiel ihre Hütten kaum verlassen. Auch nicht in der Gluthitze des bengalischen Sommers, wenn es in den Baracken weit über 40 Grad heiß wird. "Es sind keine Gesetze, die das vorschreiben, sondern eingeübte Traditionen", erklären Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes. Frauen verlassen in der Kultur der Rohingya das Haus nur, wenn es unbedingt sein muss.

Sichere Orte in den Camps

Ein wenig Erleichterung verschaffen die Frauenorte. Über die Camps verstreut sind es mittlerweile 19 größere Hütten, die von internationalen Organisationen betreut werden. Weil es dort medizinische Beratung gibt, trauen sich wenigstens manche Frauen, ein paar Stunden an diesem sauberen, sicheren Ort zu verbringen. Wenn die Stromversorgung funktioniert, laufen sogar die Ventilatoren. Es gibt eine ordentliche Toilette. Und die Möglichkeit, die Kinder richtig zu waschen.

Von den Hügeln herab eröffnet sich ein schrecklich beeindruckendes Bild. Endlos reihen sich Hütten an Hütten. Plastikplanen, die auf Konstruktionen aus Bambusrohr gespannt sind, bilden die Wände, oft auch die Dächer. Nur wenige Häuser haben ein Blechdach.

Klassische Notunterkünfte

Fatima und Ali leben in einem der illegalen Camps, die ganz schnell hochgezogen wurden, als vor einem Jahr innerhalb kürzester Zeit die über 700.000 Rohingyas irgendwie untergebracht werden mussten. Klassische Notunterkünfte. Die für eine Erstversorgung gedacht sind. Nicht aber, um auf Dauer zu bleiben.

Aber genau das ist es, was Fatima und Ali erwartet. Myanmar macht keine Anstalten, den Rohingyas Papiere auszustellen oder sie gar ins eigene Land zurück zu lassen. Ohne gültige Dokumente sind Rohingya offiziell staatenlos und vom Wohlwollen der bangladeschischen Regierung abhängig.

Zuspruch schwindet

Bangladeschi kennen Verfolgung. In der wechselhaften Geschichte des Landes gab es immer wieder Flucht und Vertreibung. Am Anfang hatte man Verständnis für die Flüchtlinge. Das ändert sich langsam. Viele haben das Gefühl, dass ihr Land schon mehr als genug getan habe, um die Fremden zu versorgen. Bei den regelmäßigen Naturkatastrophen gibt es schließlich kaum genügend Hilfskräfte, um die eigene Bevölkerung zu retten. Überhaupt fehlen überall Polizisten, um die zunehmende Gewalt und den von Kartellen organisierten Drogen- und Waffenschmuggel zu unterbinden.

Auch wächst die Angst vor der Radikalisierung junger Muslime. Denn die Menschenfänger haben in den Hütten der Hoffnungslosigkeit ein leichtes Spiel. Offiziell dürfen die Rohingya die Lager nicht verlassen, dürfen nicht arbeiten, die Kinder bekommen nur eine sehr rudimentäre Schulbildung.

Unendliches Verlorensein

Wie es weitergehen soll? Fatima hat nur einen Wunsch. Sie will wieder zurück. In ihre Heimat. Vielleicht hat sie die Hoffnung, dort wiederzufinden, was sie in dieser Nacht verloren hat, in dem Verschlag im Wald. Vielleicht reicht aber auch einfach die Kraft nicht, sich ein neues Leben in der Fremde vorzustellen.

Der Regen trommelt weiter auf die weiße Plastikplane. Er wird zum Rhythmus des Wartens inmitten des unendlichen Verlorenseins.

Ines Pohl

© Deutsche Welle 2018

Ines Pohl ist seit 2017 Chefredakteurin der DW.

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