Geflohen aus Myanmar

"Ich habe meinen Körper dort verlassen"

Bevor Fatima fliehen konnte, wurde sie vielfach vergewaltigt. Jetzt lebt die Rohingya in einem Camp in Bangladesch. Ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in ihr altes Leben oder eine selbstbestimmte Zukunft. Von Ines Pohl.

Außer dem rhythmischen Trommeln des Regens auf der weißen Plastikplane ist nichts zu hören. Kein Fernseher, keine Musik, kein Kinderlachen. Diese Stille ist besonders laut nach der Anreise durch das Verkehrschaos auf den Straßen von Cox's Bazar. Die Ruhe wird nur vom Sprechgesang des Muezzins unterbrochen. Silbergraue Lautsprecher hängen in den Bäumen und senden den Ruf zum Gebet über die Hügel und durch die verschlammten Täler.

Im Nordosten Kutupalongs, dem größten Flüchtlingslager der Welt, liegt Camp 7. Knapp 40.000 Menschen leben dort auf etwa einem Quadratkilometer. Die Zahl ist geschätzt. Niemand weiß genau, wie viele Rohingya mittlerweile hier im ehemaligen Dschungel des Küstenorts an der Grenze zwischen Bangladesch und Myanmar gestrandet sind. In den verschiedenen Camps leben eine Million Menschen, vielleicht sind es auch 1,2 Millionen oder noch mehr. Je nachdem, wen man fragt.

Muslimische Minderheit

Seit den 1970er Jahren flieht die muslimische Minderheit aus Myanmar. Aber noch nie kamen so viele auf einmal wie im vergangenen Jahr. Innerhalb weniger Monate retteten sich über 700.000 Männer und Frauen vor der brutalen Gewalt. Wie viele Menschen ermordet wurden, weiß niemand. Klar ist allein, dass es einer der schlimmsten Genozide in der jüngeren Geschichte des Subkontinentes ist.

Viele geflohene Rohingya-Frauen teilen ein ähnliches Schicksal wie das, das Fatima durchlitten hat. Picture alliance/NurPhotos/R.Asad
Vergewaltigung zieht soziale Ächtung nach sich: viele Rohingya verlassen ihre vergewaltigten Frauen. Lassen sie alleine mit den Kindern – und dem Schmerz. Weil ein anderer Mann sie gehabt und damit nach Vorstellung vieler Männer entehrt habe. "Es sind keine Gesetze, die das vorschreiben, sondern eingeübte Traditionen", erklären Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes. Frauen verlassen in der Kultur der Rohingya das Haus nur, wenn es unbedingt sein muss.

Fatima ist eine, die überlebt hat. Sie reibt mit den Fingern über ihre Zähne. Piddelt am Zahnfleisch. Es ist entzündet vom Kauen der Tabak- und Betel-Blätter, die an den Zähnen schwarze Ränder hinterlassen - und die dunklen Erinnerungen ein wenig betäuben sollen. An manchen Fingern sind die Nägel bis aufs Fleisch abgekaut.

Zwei kleine Söhne

Sie ist 20 Jahre alt. Hat zwei kleine Jungs. Bevor sie aus Myanmar floh, wurde Fatima vergewaltigt. 30 oder 40 Mal. In einer Nacht. Sie kann nicht sagen, wie oft. Auch nicht, wie viele Männer es waren. "Ich habe meinen Körper dort verlassen." Sie spricht mit leiser Stimme. Die Augen blicken leer auf den gestampften Lehm-Boden. Selbst im direkten Augenkontakt gibt es keine Begegnung. Als wäre eine innere Tür in den dunklen Augen zugezogen.

Wir sitzen auf einem türkis-rot gestreiften Teppich im vorderen Raum der Hütte. Es gibt einen kleinen Plastikhocker.

Ihr Mann Ali, nur zwei Jahre älter, hockt neben ihr, als sie ihre Geschichte erzählt. Er musste, wie viele andere, sein Dorf verlassen, als die Milizen kamen, um nicht getötet zu werden. Seine Frau, das Baby und den damals 14 Monate alten Sohn ließ er mit seinen Eltern zurück. Das war vor einem guten Jahr.

Es hat nicht viele Nächte gedauert, bis sie kamen und Fatima in die Wälder zerrten. In dem Verschlag kauerten schon andere Frauen und weitere kamen aus den umliegenden Dörfern dazu.

Die Horde fiel über sie her. Immer und immer wieder. Niemand hörte das Röcheln und die Schreie. Die Ehemänner oder Brüder, die sie hätten retten können, waren tot oder um ihr Leben gerannt. Wie Ali.

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