Morddrohungen gehören für viele Frauen zum Alltag

Die Gewalt gegen Frauen: Sie ist überall im Land präsent. Doch scheint es so, als seien besonders im Osten Libyens Frauen Einschüchterungen und Gewalt ausgesetzt, wenn sie sich gegen die Machtverhältnisse auflehnen.

Im Juli 2019 wurde Siham Sergiwa von bewaffneten Männern aus ihrem Haus in Bengasi verschleppt, mutmaßlich von Männern, die mit Haftars Armee verbündet waren. Sergiwa war Mitglied des in Tobruk ansässigen Repräsentantenhauses, Menschenrechtsorganisationen stufen ihre Verschleppung als politisch motivierte Tat ein. Sergiwa hatte zuvor offen die Militäroffensive von Haftar auf Tripolis kritisiert.

Bis heute weiß niemand, was mit ihr passiert ist. Einige Jahre zuvor, im Juni 2014, wurde die renommierte Menschenrechtsanwältin Salwa Bugaighis in ihrem Haus in Bengasi von unbekannten Männern erschossen. Im Juli 2014 wurde die Politikerin Fariha al-Barkawi getötet, die für den Bezirk Derna im Nordosten Libyens im Kongress saß. Sie hatte zuvor die Ermordung von Salwa Bugaighis scharf verurteilt.

Nach der Ermordung von Hanan al-Barassi forderte die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Libyen, UNSMIL, die Behörden in Ostlibyen auf, die Täter unverzüglich zur Verantwortung zu ziehen. Doch kaum jemand in Libyen glaubt, dass die Täter geahndet werden. Keiner der Männer, die in den vergangenen Jahren Frauen getötet oder verschleppt haben, wurde verurteilt oder bestraft. Die Taten wurden nicht einmal untersucht.

 

 

Es herrscht völlige Straflosigkeit

Laila Mughrabi, eine Menschenrechtsanwältin, die wegen Drohungen aus ihrer Heimat Libyen fliehen musste, sagte einmal in einem Gespräch mit Amnesty International, die libyschen Behörden und die Gesellschaft würden Morde an Frauen oft mit Dingen wie Diebstahl, Erbschaftstreits oder Ehrenmord begründen. Für die Behörden sei es keine Option, "diese Frauen als gleichberechtigte politische Akteure wahrzunehmen", sagte Mughrabi. Ihre Tötungen würden auf Kriminaldelikte reduziert.

Dass diese Gewalt gegen Frauen möglich ist, hat Marwa Mohamed zufolge einen Grund: "In Libyen herrscht völlige Straflosigkeit." Mohamed arbeitet für die libysche Menschenrechtsorganisation Lawyers for Justice in Libya (LFJL) und hat Libyen 2014 verlassen, sie lebt heute in London. "Wenn in einem Land jede Form von Rechtsstaatlichkeit verschwunden ist, wirkt sich das ganz konkret auf das Leben der Menschen aus", sagt Mohamed am Telefon. Es sei nie leicht für Frauen in Libyen gewesen, doch jetzt sei es gefährlich wie nie. "Wir haben gesehen, welche Konsequenzen es haben kann, wenn sich prominente Frauen trauen, ihre Meinung zu äußern."

Viele Frauen hätten sich wegen der gezielten Gewalt zurückgezogen, auch wegen der Bedrohungen auf Onlineplattformen und den Schmierkampagnen, die den Ruf schädigen sollen, Formen der Gewalt, die sich speziell gegen Frauen richten. Die Sicherheitsrisiken seien real, sagt Mohamed, doch herrsche nun ein Klima, das Frauen davon abhalte, sich öffentlich zu äußern oder sich um Positionen in der Politik zu bemühen. "Es gibt diese Erzählung, wonach Frauen nicht in der Öffentlichkeit sein wollen, weil sie um ihre Sicherheit fürchten", sagt Mohamed. "Das stimmt aber nicht. Frauen sollten die Möglichkeit haben, diese Entscheidung für sich selbst zu treffen."

Die Redaktion empfiehlt