Laut Osman wird der Afghanistan-Krieg oftmals komplizierter dargestellt als er eigentlich ist. "Der Konflikt in Afghanistan ist simpler als jener in Syrien, Irak, Libyen oder Jemen. An fast jeder Kampfhandlung sind die Taliban auf der einen und die Truppen der afghanischen Armee auf der anderen Seite zu beobachten. Der Aufstand ist quasi zum Synonym der Taliban geworden", so der Analyst der International Crisis Group.

Das Erstarken des IS am Hindukusch

Doch während über die gegenwärtige Al-Qaida-Präsenz am Hindukusch so gut wie nichts bekannt ist, hat die afghanische IS-Zelle in den letzten Jahren und Monaten an Macht und Einfluss gewonnen und verheerende Anschläge in Kabul und anderswo verübt. Von den Taliban, die seit jeher eine eher nationalistische Agenda pflegen, wird auch der IS in Afghanistan bekämpft.

Dieser und einige andere Punkte werfen die Frage auf, inwiefern nach einem Abzug der internationalen Truppen tatsächlich ein Ende des Krieges am Hindukusch zu erwarten ist.  Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden die meisten Kampfhandlungen von Taliban-Kämpfern und afghanischen Soldaten ausgetragen. Vor rund zwei Wochen wurden allein in der Provinz Wardak nahe Kabul über 100 Soldaten durch einen einzigen Taliban-Anschlag getötet.

Auch Moskau mischt mit

Die Gespräche mit den Amerikanern waren allerdings nicht die einzigen, die in diesen Tagen und Wochen stattfanden. Kurz nach der Verhandlungsrunde in Doha traf eine Taliban-Delegation in Moskau ein, wo man sich mit hochrangigen afghanischen Politikern und Warlords, angeführt von Ex-Präsident Hamid Karzai, traf.

Vor der Presse stellte sich Karzai neben Sher Mohammad Abbas Stanekzai, dem Chefunterhändler der Taliban, und sprach von einem "historischen Moment". Schauplatz war das Moskauer "President Hotel", das dem Kreml gehört. Auch in Moskau waren Vertreter der Kabuler Regierung nicht zugegen. Stattdessen hatte man eher den Eindruck, dass all jene, die Präsident Ghani vergrault und entmachtet hat, nun versuchen, abermals Macht und Einfluss zu gewinnen.

Bedeutung eines "innerafghanischer Dialogs"

Dies könnte tatsächlich passieren, wenn durch einen Friedensdeal eine Interimsregierung zustande kommt, die Ghanis Administration ablöst. Ein solcher Schritt würde auch die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Juli und eine Wiederwahl Ghanis gefährden. Allerdings betonte Washington immer wieder, wie wichtig ein "innerafghanischer Dialog" sei.

"Die Hoffnung besteht weiterhin, dass die Kabuler Regierung an der nächsten Gesprächsrunde in Qatar teilnimmt. Auch eine Teilnahme in Moskau wäre wichtig gewesen. Kabul darf sich nicht dagegen wehren und muss eingestehen, dass es einen Unterschied zwischen den Taliban und anderen militanten Gruppierungen in Afghanistan gibt", meint Nazar Mohammad Motmaeen, ein politischer Analyst und Taliban-Kenner aus Kabul, der an den Gesprächen in Moskau teilnahm. Berichten zufolge wurde die Moskauer Konferenz von Exilafghanen in Russland organisiert.

Emran Feroz

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