In ländlichen Regionen gibt es solche Möglichkeiten kaum. Frauen in schwierigen Lebenslagen gehen dann lieber in die Großstadt. So wie die 31-jährige Mona (ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen) aus Ouarzazate im konservativen Süden Marokkos. Mona ist ebenfalls geschieden, sie hat zwei Kinder. Ihre Scheidung konnte die Familie noch irgendwie akzeptieren, denn ihr Ex-Mann trank und schlug sie.

Doch dann lernte Mona einen neuen Mann kennen, der ihr die Ehe versprach. Nach vorehelichem Sex wurde sie schwanger, während der Liebhaber das Weite suchte. Ihr Sohn kam als außereheliches Kind auf die Welt. "Meine Familie weiß nichts von meinem zweiten Kind", sagt sie, "nur meine Schwester. Der Rest der Familie ist mir egal". Nicht das gebrochene Versprechen des Mannes wäre Anlass zu Gerede über ihren Lebenswandel, die Schuld würde allein ihr zugeschoben.

Auf eigenen Beinen stehen

Aus Angst vor Verstoßung hat sie ihre Heimatstadt verlassen und in Marrakesch ihr Glück gesucht. "In Marrakesch ist es für eine alleinstehende Frau leichter. Deswegen bin ich hierhergekommen", sagt sie. Der Ausschluss aus der Familie ist für viele Frauen sehr schmerzhaft. In einer Gesellschaft, in der Familie über allem steht, ist es schwer auszuhalten, wenn man von diesen sozialen Bindungen abgeschnitten ist.

Mona lebte von Putzjobs, bis sie von Amal erfuhr und sich bewarb. Jetzt fährt sie jeden Tag mit dem Bus ins Trainingszentrum im Stadtteil Targa. Anfangs tat sie sich schwer, weil sie erst noch Lesen und Schreiben lernen musste. Deshalb schaffte sie die Ausbildung nicht im ersten Anlauf. Inzwischen gehört sie zu den Besten.

Oumaima Mhijir weiß, wie schwierig es für Frauen wie Mona ist, sich von übler Nachrede und der weit verbreiteten Doppelmoral nicht beeindrucken zu lassen. Dann fällt schnell das Wort "Schande". Aber Mhijir meint auch, dass sich die Wertvorstellungen langsam ändern. "Man hört weniger auf andere und ihr Getratsche", sagt sie. "Aber es ist auch wichtig, dass Frauen offen über ihr Schicksal berichten und sich nicht verstecken."

Ich bin ledig und Mutter, na und? So weit ist Marokko längst noch nicht. Aber Frauen, die ihre Kinder alleine groß ziehen, sind keine Seltenheit mehr. Nach Schätzungen muss jede fünfte Familie ohne männlichen Ernährer auskommen. In vielen Familien tragen Frauen mittlerweile mehr zum Lebensunterhalt bei als Männer. Und die junge Generation der Frauen ist heute besser ausgebildet als ihre Mütter, die meist Hausfrauen waren.

Das Recht hinkt allerdings dieser neuen Lebensrealität teilweise noch hinterher. In den letzten Jahren gab es zwar einige Verbesserungen für Frauen, zum Beispiel wurde der unsägliche Paragraph, wonach Vergewaltiger frei ausgehen, wenn sie ihre Opfer heiraten, abgeschafft. Ein neues Gesetz vom Februar 2018 soll Frauen besser gegen Gewalt schützen. Aber: außerehelicher Sex wird nach wie vor kriminalisiert durch Artikel 490 Strafgesetzbuch, auch wenn der in der Praxis kaum angewandt wird.

Für die Mütter von "Amal" ist es noch ein langer Weg, aber die Familienbilder sind längst vielfältig in Marokko.

Claudia Mende

© Qantara.de 2018

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