"The Khawatoons" geht auf eine der berühmtesten Komikerinnen Pakistans zurück, Faiza Saleem. Sie gründete die Gruppe, um Frauen einen sicheren Ort zu geben, sich auszudrücken  und über "schwierige Themen mittels Comedy zu sprechen", erklärt Saleem im Deutsche Welle-Interview.

Frauenrechte in Pakistan
Das Patriarchat wird zur Comedy

Pakistanische Frauen erobern die Comedy-Bühnen des Landes. Mit Humor und Selbstbewusstsein erheben sie ihre Stimmen gegen patriarchalische Strukturen und Diskriminierung. Von Mavra Bari

Die Periode, Sex, Bodyshaming, sexuelle Belästigung, Misogynie, Dating: All das sind keine Themen, über die in pakistanischen Haushalten oder unter Freundinnen und Freunden offen gesprochen wird.

Doch als Comedy auf der Bühne sorgen diese Tabuthemen für schallendes Gelächter und Jubel in vollbesetzten Sälen. Familien, Paare und junge Menschen kommen in Scharen, um die Auftritte von Komikerinnen zu sehen, die zwar immer zahlreicher werden, aber immer noch ein Novum sind.

Historisch gesehen ist Stand-up-Comedy in Pakistan ein männerdominiertes Feld. Die wenigen weiblichen Comedians waren bisher auf das Fernsehen beschränkt. Bis vor kurzem wurden Komikerinnen auch gar nicht akzeptiert, da sie als Frauen, die ohne männliche Begleitung auf der Bühne stehen, mit einem sozialen Stigma behaftet sind.

Frauen in Pakistans Comedy-Szene: vom Objekt zum Subjekt

Frauen machten bislang in der Regel keine Witze, sondern über sie wurden Witze gemacht. Erst in den vergangenen Jahren gelang es Stand-up- und Improvisationskomikerinnen, sich ihre Nische in der Comedy zu ergattern.
 

 

Mehrere dieser Comedians sagen, dass sie dank der Sicherheit, die sie in reinen Frauen-Comedy-Truppen verspürten, das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten fanden, öffentlich Comedy zu machen.

Amtul Baweja, 31, Content-Creatorin und Komikerin, begann 2011 aufzutreten; da war sie noch Studentin. Sie fühlte sich aber erst wohl, als sie 2016 Mitglied der ersten rein weiblichen Improvisations-Comedy-Gruppe Südasiens, "The Khawatoons", wurde.

Die Macht der sozialen Medien nutzen

"Mein Selbstbewusstsein bekam einen wahnsinnigen Auftrieb. Zuvor fühlte sich Comedy sehr männerdominiert an, und Männer bekamen die lustigeren Rollen oder das Publikum fand den Mann lustiger und gab der Frau das Gefühl, dass sie es zu angestrengt machte", so Baweja im Deutsche Welle-Gespräch. "Aber mit der Truppe mussten wir alle Rollen spielen, selbst die von Männern, und die Leute fanden das sehr lustig."

"The Khawatoons" geht auf eine der berühmtesten Komikerinnen Pakistans zurück, Faiza Saleem. Sie gründete die Gruppe, um Frauen einen sicheren Ort zu geben, sich auszudrücken  und über "schwierige Themen mittels Comedy zu sprechen", erklärt Saleem im Deutsche Welle-Interview.

Baweja und Saleem sind sehr erfolgreich als Komikerinnen. Für ihre Kunst nutzen sie auch die Macht und Reichweite der sozialen Medien - Baweja folgen 47.000 Menschen auf Instagram, Saleem 178.000. Sowohl die sozialen Medien als auch die Zugehörigkeit zu einer weiblichen Truppe würden den beiden Frauen Freiheit und Sicherheit bieten, sagen sie. 

Auch Robina Ahmed, 64 Jahre alt und früher für die Regierung tätig, fand künstlerische Zuflucht in einer feministischen Stand-up-Truppe: "Auratnaak". Ahmed ist non-binär und adressiert mit diesem Thema ein weiteres Tabu. Vor vier Jahren hatte Robina Ahmed begonnen, Stand-up-Comedy zu machen, und trat zuvor meist mit "jungen Kerlen" auf, wobei sich Ahmed nicht sehr frei fühlte, ihre eigenen Themen zu behandeln.
 

 

Amtul Baweja: "Wir erobern uns den Raum zurück" 

Mit einem Soloauftritt in einer ausverkauften Halle, einen Tag nach ihrer Pensionierung, durchbrach Ahmed eine Grenze. "Comedy ist für mich eine zuckerüberzogene Pille, die zwar bitter ist, aber leichter zu schlucken. In meinen Auftritten behandle ich hauptsächlich Themen, die Frauen betreffen: zum Beispiel das Patriarchat, Frauenfeindlichkeit, Tabus, emotionalen Missbrauch, geschlechtliche Identitäten und sexuelle Vorlieben", so Ahmed gegenüber der Deutschen Welle.

All dies und noch viel mehr macht Ahmed auf Panjabi, der Muttersprache der Bevölkerung in der pakistanischen Region Punjab. Das macht Ahmeds Vorstellungen einzigartig und authentisch.

In Ahmeds Solo-Show überschreitet sie viele patriarchale Grenzen und legt dar, wie Ahmed von der Jugend bis ins Erwachsenenalter von gesellschaftlichen Konstrukten körperlich in der eigenen Autonomie beschnitten war. "Ich spreche über Dinge, die ich in meinem Leben erlebt habe. Ich spreche nie über hypothetische Dinge oder Situationen. Ich glaube, das macht meinen Ausdruck echter und überzeugender", sagt Ahmed.

Als feministischen Akt öffnet Ahmed auf der Bühne auch den BH unter der Kleidung, um symbolisch die Macht des Patriarchats zu brechen.

Amtul Baweja sagt: "Wir erobern uns den Raum zurück. Selbst wenn man nicht einmal über Frauenthemen spricht, ist es schon feministisch, wenn man den Mut hat, aufzustehen und zu sprechen. Du trägst zur Repräsentation und Gleichberechtigung bei."

Die 30-jährige Amna Baig,  Polizistin in Pakistans Hauptstadt Islamabad, macht seit drei Jahren Stand-up-Comedy. Mit ihrem Beruf und der Comedy besetzt sie gleich zwei männerdominierte Bereiche. In ihrem Programm macht sie auf Stereotype und Sexismus bei der Polizei und in der Gesellschaft aufmerksam.

Ihr Hauptziel ist jedoch, ihren Beruf als Polizistin zu entmystifizieren: "Ich möchte die Polizei menschlicher erscheinen lassen, damit die Leute sie anders wahrnehmen. Damit sie, wenn sie Hilfe brauchen, nicht zweimal überlegen zur Polizei zu gehen, und damit mehr Frauen Lust bekommen, bei der Polizei zu arbeiten", so Baig.
 

 

Comedy in Pakistan: Ist die Zukunft weiblich?

Frauen wie Amna Baig, Faiza Saleem, Amtul Baweja oder Robina Ahmed sind zwar Beweise für das große Talent im Land und das wachsende Interesse an ihrer Arbeit, aber es gibt immer noch viele Hindernisse für Frauen, die eine Vollzeitkarriere im Comedy-Bereich anstreben. "In den letzten zehn Jahren habe ich viele weibliche Comedians im Internet, in den sozialen Medien, bei der Improvisation und beim Stand-up gesehen, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Viele Frauen üben ihren Beruf nicht aus, weil es dafür nicht genug Möglichkeiten gibt, aber ich hoffe, dass sich das in Zukunft ändern wird", sagt Faiza Saleem.

Im Gegensatz zu ihren indischen Kolleginnen, die internationalen Erfolg und Anerkennung erlangt haben - was zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass Plattformen wie Netflix Shows in Auftrag gegeben haben -, sei es unwahrscheinlich, dass Pakistan ähnliche Möglichkeiten böte: denn weibliche Comedians seien durch "soziale und religiöse Faktoren" eingeschränkt, so Saleem weiter.

Ahmed ist optimistischer: "Ich sehe die Comedy-Szene in naher Zukunft von Frauen dominiert. Sie sind intelligent und witzig, sie greifen die richtigen Themen auf und wissen, wie sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten können."

Mavra Bari

© Deutsche Welle 2022

Adaption aus dem Englischen: Bettina Baumann

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