Aber dieser Wunsch trifft auf die Vorstellungen einer traditionellen Gesellschaft, in der die Familie einen höheren Stellenwert besitzt als die Selbstverwirklichung des Individuums. Deshalb muss Al Azzeh eben auch versuchen, die Familien wieder zu versöhnen. Das ist Teil ihres offiziellen Auftrags.

Dazu spricht sie mit Clanchefs und trifft Familienangehörige. Sie redet mit Vätern und Ehemännern, versucht sie zu überzeugen, dass ihre Frauen und Töchter nichts Schlimmes getan haben. Dass sie doch nur einen Mann heiraten wollten, den sie lieben. Dass es nicht ihre Schuld ist, wenn jemand sie vergewaltigt hat. Sie versucht den Familien etwas Selbstverständliches klar zu machen: Du darfst nicht töten.

Zwischen Familie und Autonomie

Das Bemühen die Familien zu versöhnen, ist ein heikles Unterfangen. Wie kann ein Zusammenleben nach einer Todesdrohung noch möglich sein? Al Azzeh sieht die Grenzen dieses Vorhabens und sie weiß, dass man sie im Zweifel verantwortlich macht, wenn etwas schieflaufen sollte. Sie hält einen Moment inne. "Ja, das macht auch mir manchmal Angst", sagt sie dann nachdenklich. Es ist der Spagat zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und dem Wohl der einzelnen, der sie manchmal zerreißt.

Auch die beteiligten Nichtregierungsorganisationen wie SIGI und "Mizan Law Group" setzen stark auf den Versuch, die Familien zu versöhnen. Manchmal gehen sie dabei weiter, als es die betroffenen Frauen wünschen. Die Frauenrechtlerin und Journalistin Rana Husseini sieht dieses Bemühen daher kritisch. Die Organisationen wollten so den Vorwurf abwehren, dass sie die Familien zerstören, meint sie. Diesen Vorwurf bekommen Frauenrechtlerinnen in Jordanien standardmäßig zu hören. Die Gefahr bestehe dann, dass Frauen in eine Situation zurückkehren, in der sie erneut gefährdet seien.

Wenn die Zeit Wunden heilt

Raghda Al Azzeh weiß, wie viel auf dem Spiel steht. Sie hat alles schon erlebt. Tränenreiche Versöhnung, hartnäckige Verweigerung, späte Einsicht. In manchen Fällen gelingt es ihr, die Familien tatsächlich zu überzeugen, dass es abstrus ist, Frauen seien für die Familienehre verantwortlich. Die Gespräche erfordern sehr viel Geduld und noch mehr Fingerspitzengefühl.

Manchmal heilt die Zeit die Wunden. Einmal habe sie sehr lange mit dem Vater einer Frau gesprochen, der die Tochter bedroht hatte: "Ich bringe dich um, du hast Schande über uns gebracht." "Der Mann war schon älter und wurde dann schwer krank. Er wollte sich vor seinem Tod noch mit seiner Tochter versöhnen." Diese Frau kehrte dann tatsächlich zu ihrer Familie zurück.

In anderen Fällen ist das schlicht unmöglich. Dann müssen sich die Betroffenen auf ein Leben alleine einstellen. Das ist zwar teilweise möglich, aber nicht einfach. In Amman können Frauen heute alleine oder zusammen mit anderen Frauen leben. In der Provinz jedoch würde das für junge Frauen den sozialen Tod bedeuten; Ältere können eher alleine leben, wenn ihnen das Gerede nichts ausmacht. Auf sich allein gestellt zu sein, bedeute aber für Frauen auch aus einem anderen Grund eine große Herausforderung. "Bisher waren sie es gewohnt, dass die Familie alle wichtigen Entscheidungen für sie trifft. Viele wissen dann nicht, was sie überhaupt im Leben wollen. Wir helfen ihnen dabei, das herauszufinden."

Manchmal verzweifelt sie angesichts der Aufgabe. Dann schließt sie die Tür zu ihrem Büro und braucht einfach mal ihre Ruhe. Aber sie ist überzeugt, dass sich die jordanische Gesellschaft verändert. Die Vorstellung von der "beschmutzten Familienehre" werde eines Tages überwunden sein, meint auch Frauenrechtlerin Asma Khader. Als Beispiel nennt Khader die Arbeit der "Family Protection Unit" (FPU) bei der Polizei.

Als die FPU im Jahr 1979 mit ihrer Arbeit begann, war die Empörung noch groß: Sie bedrohen die Einheit der Familien, schallte es damals aus vielen Mündern. Heute empfehlen viele Familien bei Problemfällen: Hol dir dort Hilfe. "Die Haltung der Menschen ändert sich, aber das braucht Zeit."

Claudia Mende

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