Der Fall von Noura Hussein hat größere Aufmerksamkeit auf das schwierige Umfeld gelenkt, in dem Sudanesinnen leben – ein Umfeld, das Gewalt gegen Frauen normalisiert: Hussein war mit 16 Jahren dazu gezwungen worden, einen Heiratsvertrag einzugehen, lief weg und musste mit 19 schließlich doch heiraten. In einem Akt der Selbstverteidigung tötete sie ihren Ehemann und wurde daraufhin zum Tode verurteilt.

Auch wenn ihre Strafe inzwischen auf fünf Jahre Gefängnis reduziert worden ist, macht ihr Schicksal doch das dringende Bedürfnis nach Gesetzesreform und sozialem Wandel deutlich. Die Kinderehe ist ein in der sudanesischen Gesellschaft tief verwurzelter Brauch und nur ihre Kriminalisierung durch das Gesetz wird am Ende die notwendige Basis für ein gesellschaftliches Umdenken schaffen.

Daran knüpft SORDs Projekt "Towards Gender Equality in Sudan" (Für die Gleichberechtigung der Geschlechter im Sudan) an, in dessen Rahmen die Organisation ein Reformgesetz erarbeitet hat. Nachdem der Entwurf in zahlreichen Workshops im ganzen Land diskutiert worden war, wurde er 2016 dem Justizministerium vorgelegt. Die Regierung lud SORD ein, im darauffolgenden Jahr beim Nationalen Komitee zur Reform des Gesetzes über den persönlichen Status von Muslimen mitzuwirken.

Zwar konnte bislang keine Einigung zum Entwurf erzielt werden, doch gehen die Verhandlungen weiter. Eine erste Wirkung hat das Projekt dennoch erzielt, indem es die Diskussion über Frauenrechte auf Familienebene entfacht und so Sudanesinnen den Weg geebnet hat, ihre Rechte innerhalb der Familie neu zu verhandeln.

Von Opfern zu Überlebenden

Das "SEEMA Centre for Training and Protection of Children and Women's Rights" ist eine Nichtregierungsorganisation und die einzige Institution im Sudan, die umfassende psychologische, juristische und medizinische Leistungen für Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind, anbietet. Der Name des Zentrums setzt sich aus den ersten Buchstaben der Vornamen von fünf Überlebenden von Gewaltakten zusammen, die die Inspiration für die Gründung des Zentrums gaben.

Seit seiner Eröffnung hat das Zentrum hunderte von Frauen und Kindern unterstützt, die Gewalt oder Ungerechtigkeit erfahren haben, von sexueller Belästigung und rechtlicher Diskriminierung über Zwangsehe im Kindesalter und Genitalverstümmelung bis zu häuslicher Gewalt und Vergewaltigung.

Auch bildet SEEMA in Workshops Personen aus, die in ihren eigenen Gemeinden Gewaltopfern helfen und ihr Umfeld über Menschenrechtsverletzungen aufklären können. SEEMA geht auf die dringenden Bedürfnisse von Menschen mit Gewalterfahrung ein, verurteilt Gewalt öffentlich und setzt sich für Gesetzesreform ein. Auf diese Weise hat es das Zentrum geschafft, Opfer zu Überlebenden zu machen.

Der Widerstand der sudanesischen Frauenrechtsbewegung bricht auch angesichts eines frauenfeindlichen Umfelds, in dem Gesetz und Politik gegen sie sind und die Annahme männlicher Überlegenheit tief verwurzelt ist, nicht ein.

Die genannten Organisationen sind nur wenige Beispiele eines breiten Spektrums von Gruppen und Initiativen, die sich dauerhaft für Frauenrechte und gegen Diskriminierung engagieren. Der Weg für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit wurde vor langer Zeit beschritten und noch immer liegt eine weite Strecke vor den Frauen des Sudan, doch werden sie sich mit nichts geringerem zufriedengeben. Wenn Sudanesinnen im ganzen Land auf die Straße gehen, um gegen ihre Unterdrückung zu protestieren, sind ihre Herzen mit Hoffnung und dem Wunsch nach einer besseren Zukunft erfüllt.

Wini Omer

© Goethe-Institut e. V. / Perspektiven 2019

Wini Omer ist eine Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, die sich für Frauenrechte und gesellschaftlichen Wandel einsetzt.

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