Frauenmagazin "Zhin"

Sprachrohr der irakischen Kurdinnen

Die Journalistinnen der irakisch-kurdischen Frauenzeitschrift "Zhin" wollen bewusst gesellschaftliche Tabus brechen. Sie schreiben Erfolgsgeschichten von Frauen und wagen sich gleichzeitig an kontroverse Themen wie Genitalverstümmelung heran. Melissa Tabeek hat das Redaktionsteam in Sulaimaniyya besucht.

In einem spärlich dekorierten, aber schicken Raum in der nordirakischen Stadt Sulaimaniyya arbeitet eine Gruppe von kurdischen Frauen an den letzten Entwürfen für ihre Artikel und sucht die passenden Fotos raus. Die beiden Redakteurinnen Koral Noori und Alaa Lattif diskutieren über Inhalte, während Tafan Najat Mode- und Beautyartikel schreibt. Sie bereiten die dritte Ausgabe ihres Zhin-Magazins vor. Es soll eine Spezialausgabe über Hochzeiten werden. Zusammen mit der Chefredakteurin wollen sie am Abend in die Stadt fahren, um ihr Magazin in Druck zu geben. Mit jeder Ausgabe, freuen sich die drei, habe sich das Layout verbessert.

"Es ist sehr wichtig, den Lesern und der Gesellschaft zu zeigen, was die Frauen hier im irakischen Kurdengebiet erleben. Sie erleben Gewalt, verschiedene Arten von Misshandlungen und Stress. Aber sie haben keine Angst davor, uns über ihre Situation zu erzählen. Für uns vom Zhin-Magazin sind alle unterschiedlichen Facetten von Frauenleben sehr wichtig", erklärt Redakteurin Alaa Lattif.

Gesellschaftliche Hürden

Von Beauty und Lifestyle über Flüchtlinge bis hin zu sozialen Fragen - jede Geschichte, jedes Foto im Zhin-Magazin wurde von Frauen für Frauen produziert. "Zhin" ist kurdisch und bedeutet "Frau". Alle Abläufe werden von Frauen gemanagt. Gerade mal 100 Kilometer hinter der Front, an der kurdische Peschmerga-Truppen gegen die Milizen des "Islamischen Staates" kämpfen, dazu in einer konservativen Gesellschaft, ist das Projekt der Frauen ebenso einmalig wie ehrgeizig.

Alaa Lattif, Redakteurin des Zhin-Magazins; Foto: DW/O. Greenway
"Es ist sehr wichtig, den Lesern und der Gesellschaft zu zeigen, was die Frauen hier im irakischen Kurdengebiet erleben", meint Alaa Lattif, Redakteurin des Zhin-Magazins.

"Die kurdische Gesellschaft ist ziemlich konservativ, nicht wegen ihrer Religion, sondern eher kulturell bedingt. Frauen haben hier eine unterprivilegierte Rolle. Es gibt zwar derzeit viele Veränderungen, es gibt wirtschaftliches Wachstum, es entstehen Einkaufszentren und Gebäude, aber es gibt noch keine Veränderung der Mentalität", sagt Brigitte Sins von der Nichtregierungsorganisation "Internationale Medienförderung" (IMS). "Frauen haben es noch immer schwer, ihre Stimme zu finden und auch gehört zu werden."

Zhin sei ein einzigartiges Projekt, meint Sins. "Der unabhängige Mediensektor ist klein. Es gibt einige Newsletter für Frauen, aber die haben nicht dieselbe Wirkung. Dinge, die von Frauen gemacht werden, werden nicht respektiert oder werden hier nicht als professionell angesehen". Das Magazin ist Teil eines Projekts, das von IMS unterstützt wird. Es werden zwei Magazine herausgegeben: Während "Zhin" die kurdischen Frauen adressiert, wendet sich "Iraqiyat" an alle Frauen im Irak. Die Inhalte beider Magazine sind ausschließlich von und für Frauen gemacht.

Die Herausforderung annehmen

Ein gesamtes Redaktionsteam aus gut ausgebildeten Journalistinnen zu finden, die auch in der Lage sind, ein komplettes und qualitativ ansprechendes Hochglanz-Magazin zu produzieren - das war nur eine von einer ganzen Reihe Herausforderungen. Es hapert nicht nur an Entwicklungsmöglichkeiten für Journalistinnen, so Sins, sondern vor allem auch an Frauen, die überhaupt unabhängig und ohne sozialen Druck arbeiten können.

Koral Noori, Redakteurin des Magazins Zhin; Foto: DW/O. Greenway
Obwohl sich einiges für Frauen zum Positiven verändert habe, meint Koral Noori, werde ihr Beruf noch immer von vielen in der irakisch-kurdischen Gesellschaft nicht akzeptiert.

"Viele Journalistinnen dürfen nicht alleine reisen, dürfen nicht in den Abendstunden arbeiten, oder sie arbeiten in einem von Männern dominierten Büro", so Sins weiter. "Diejenigen, die das überstanden haben, sind wirklich hart im Nehmen und zudem bereit, ihr Familienleben hintenan zu stellen. Wenn man in diesem Land als Journalistin arbeitet, kann das bedeuten, dass man seine Familie verliert", erklärt die Trainerin. "Es ist eine völlig radikale Entscheidung. Es ist also nicht nur die Gefahr, an der Front zu arbeiten, es hat einen großen Einfluss auf ihr gesellschaftliches Leben und ihr Ansehen." Konservatismus zusammen mit einer von Männern dominierten Medienindustrie mache es zu einer schweren Aufgabe, ein nachhaltiges unabhängiges Magazin, dass Frauenthemen anspricht, zu entwerfen.

Koral Noori ist eine der Autorinnen des Magazins und Moderatorin einer Wirtschafts- und Politik-Talksendung des kurdischen Nachrichtensenders KNN. Obwohl sich jetzt einige Dinge für Frauen verbessert hätten, meint sie, sei ihr Beruf von vielen in der irakisch-kurdischen Gesellschaft nicht akzeptiert. Auch die Möglichkeiten in der Branche seien begrenzt. Aber schlimmer als diese Diskriminierung seien Belästigungen und sogar Todesdrohungen, die sie bekam, seit sie 1997 Journalistin wurde, als es noch sehr wenige Frauen in dem Beruf gab.

Yes, they can

Das Ziel des Zhin-Redaktionsteams ist ambitioniert. Mit der Zeit versuchen sie, immer mehr Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen. Sie schreiben Erfolgsgeschichten von Frauen und wagen sich gleichzeitig an kontroverse Themen wie Genitalverstümmelung heran - eine in Kurdistan weitverbreitete Praxis. Aber sie geben auch Einkauftipps für Dessous. Für viele Frauen hier immer noch ein Tabu.

Einer der Redaktionsräume des Zhin-Magazins; Foto: DW/O. Greenway
Erfolgsgeschichten von Frauen für Frauen: Alle, die für die Magazine "Zhin" und "Iraqiyat" tätig sind, sehen ihre Publikationen als Motor, um eine gesellschaftliche Bewegung in Gang zu bringen. Sie wollen die Magazine als Plattform nutzen, um Aktivisten zu vernetzen und die Zivilgesellschaft voranzubringen.

Alle Frauen, die bei den Magazinen "Zhin" und "Iraqiyat" arbeiten, sehen ihre Publikationen als Motor, um eine gesellschaftliche Bewegung in Gang zu bringen. Sie wollen die Magazine als Plattform nutzen, um Aktivisten zu vernetzen und die Zivilgesellschaft voranzubringen. "Was wir ändern wollen, ist die Mentalität der Menschen und ihre Haltung, Journalismus sei nichts für Frauen. Wir zeigen, dass wir Frauen sind, dass wir Journalisten sind und dass wir dieses erfolgreiche Magazin haben", sagt Lattif. "Und wenn wir das geschafft haben, dann werden wir weitere Dinge verändern."

Noori sitzt auf der Couch in den Redaktionsräumen. Mit dem Magazin, ist sie überzeugt, werden Veränderungen kommen, auch gegen die kulturellen Einschränkungen. "Ich bin eine Frau und ich kann fühlen, was andere Frauen in unserer Gesellschaft fühlen - ihr Leiden, die traditionellen Normen und wie sie durch Gesetze eingeschränkt sind. Wenn ich nichts unternehme, um ihnen zu helfen, wer macht es dann?"

Melissa Tabeek

© Deutsche Welle 2015

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