Der Glaube an das Jenseits gehört zu den essenziellen Glaubensgrundsätzen von Muslimen. Dabei übt der Koran heute noch einen starken Einfluss auf das Leben eines praktizierenden Muslims aus. Doch ich bin nun seit zehn Jahren unverhüllt, unauffällig, eingetaucht in die Mehrheitsgesellschaft und damit beschäftigt, zu verstehen, dass ich über 30 Jahre in bestimmten Glaubensvorstellungen gelebt habe, die sich seit zehn Jahren durch meinen Lebenswandel permanent korrigieren.

Dabei, und das ist eine meiner wichtigsten Erfahrungen, ist es gar nicht schlimm, kein Kopftuch zu tragen. Und meine Haare, die heute vom Wind durchweht werden, stören tatsächlich keinen Mann. Warum sollten sie "Gott" dann stören? Es ist doch merkwürdig, zu glauben, Gott fände es schlimm, wenn eine Frau selber entscheidet, wie sie sich kleiden will.

Wenn das Verhalten motiviert ist von einer Gedankenwelt, die das Leben aufteilt in ein Diesseits und ein Jenseits, wie sollen dann Muslime und Nichtmuslime miteinander überhaupt kommunizieren? Was für eine genaue Vorstellung von Gott und der Frau stecken dahinter?

Das sind nur einige Fragen, die ich mir erst heute stellen kann, nachdem ich viele neue Erfahrungen gemacht habe, wie eine, die mit geöffneten Augen ihre Welt neu betrachtet.

Rückblickend habe ich an mir einen Fortschritt erlebt: Heute fällt es mir nicht mehr schwer, Arme und Beine bei Bedarf leicht bekleidet und meine Haare unbedeckt zu lassen. Dazu gehört als Frau Mut und Selbstbewusstsein, wenn man durch ein anerzogenes Schamgefühl und mit einer Verordnung für eine ganz bestimmte Bekleidungsregel jahrzehntelang den Bezug zu seinem Körper fast verloren hat. Heute kann ich mich flexibel kleiden, ohne meinen Glauben und meine Identität als Muslimin zu verleugnen.

Ein Gläubiger in der Fatih-Moschee in Essen liest im Koran; Foto: dpa/picture-alliance
Religiös begründete Rituale jenseits zeitgemäßer Lesarten: An die nachfolgenden Generationen werden Vorstellungen weitergegeben, die, ohne diskutiert zu werden, befolgt werden müssen. Der Islam wird heute als Buch- und Regelglauben weitergegeben. Aber Heranwachsende brauchen einen Freiraum, in dem sie ihre eigenen religiösen Vorstellungen entwickeln können, moniert Emel Zeynelabidin.

Dem Verhalten von praktizierenden Muslimen liegt ein Gottesbild zugrunde, das jeder kennen sollte, der ins Gespräch mit ihnen kommen will. "Gott", so heißt es, sei ein autoritärer Gesetzgeber, der alles am besten wisse und für seine Gebote und Verbote Gehorsam einfordere, die allesamt hergeleitet seien aus dem heiligen Koran und den Aussprüchen des Propheten Muhammed. Gott verspreche den Gläubigen für ihre Folgsamkeit reichliche Belohnung im Jenseits. Wer daran glaubt, der nimmt auch Nachteile in seinem sozialen, beruflichen und persönlichen Leben in Kauf. Dabei spielt es keine Rolle, dass diese Regelungen aus Zeiten vor mehr als einem Jahrtausend stammen.

Hierarchische Gefälle, dichotomische Denkmuster

Praktizierende Muslime glauben an das, was sie gelernt haben. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, was ihnen beigebracht wird. Seit Generationen wird die islamische Erziehung beherrscht von der Tradition des sogenannten taqlid, des Nachahmens dessen, was Geistliche in der fernen Vergangenheit als festgeschriebene Verpflichtungen in der Religionspraxis bestimmt haben. Dazu haben sich noch patriarchale Traditionen gesellt, die mit ihrem hierarchischen Gefälle zwischen Alt und Jung, Frau und Mann bis heute Denkmuster wie "gut und schlecht", "erlaubt und verboten" in die Köpfe der kommenden Generationen pflanzen. Die Verhüllung muslimischer Frauen gehört zu dieser Religionspraxis mit moralischem Maßstab für "starken und schwachen Glauben".

Dabei hat dieser menschengemachte Maßstab nur wenig mit dem zu tun, was im Islam als Glaube verstanden wird. Es steht nirgends geschrieben, dass Gott oder der Prophet Muhammed eine Bekleidungsvorschrift wünschen. Es sind die Gelehrten, die in der so genannten Scharia, der Rechtsprechung, Traditionen festgesetzt haben, die bis heute eingehalten werden.

Heute frage ich mich als "normal Gekleidete": Wenn diese Verhüllung für die Frauen ein "Gottesgesetz" sein soll, aber nur eine bestimmte Gruppe von Frauen dieses um ihres Heils im Jenseits Willen befolgt, um moralisch und würdevoll zu sein, wie steht es dann im Angesicht Gottes um die Moral und Würde all jener Frauen im Diesseits, die nicht zu dieser bestimmten Gruppe gehören und diese Regeln nicht befolgen?

Bedenklich finde ich, dass diejenigen, die sich vorwiegend über ihre religiös begründeten Regeln und Rituale definieren, es nicht für nötig halten, ihre Vorstellungen im Kontext des heutigen Lebens auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen. So werden an nachfolgende Generationen Vorstellungen weitergegeben, die, ohne diskutiert zu werden, befolgt werden müssen.

Freiräume für eigene religiöse Vorstellungen

Der Islam wird heute als Buch- und Regelglauben weitergegeben. Aber Heranwachsende brauchen einen Freiraum, in dem sie ihre eigenen religiösen Vorstellungen entwickeln können, um zu lernen, dass Religion nur ein Angebot ist, sich eine Welt zu schaffen, in der "Gott" auch jenseits von Religion und ohne "heilige Bücher" einen Platz in ihrem Leben finden kann.

Betül Ulusoy; Foto: re:publica/Gregor Fischer
Politischer Wirbel um ein Stück Stoff: Der Fall der 26-jährigen Rechtsreferendarin Betül U. hatte vor einigen Wochen eine neue Debatte über das Berliner Neutralitätsgesetz ausgelöst. Die junge Frau, die sich in der Berliner Sehitlik-Moschee von Ditib ehrenamtlich engagiert, hatte sich im Bezirksamt Neukölln um einen Referendariatsplatz beworben, bestand aber darauf, dabei ihr Kopftuch tragen zu können.

Das Allgemeinwissen, das im Rahmen der Schulpflicht an staatlichen Schulen gelehrt wird, bildet die Basis für zwischenmenschliche Kommunikation. Die strikte religiöse Unterweisung, die Muslime jedoch zusätzlich erhalten, birgt die Gefahr der Isolierung einer Minderheit, für die die eigene Religion zu sehr im Mittelpunkt steht. Die Identitätspolitik, die in den letzten Jahrzehnten von islamischen Verbänden wie z.B. der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V." (DITIB) im Rahmen der Integrationspolitik etabliert wurde, hat mit dem bekenntnisorientierten Religionsunterricht für muslimische Schüler neuerdings Einzug in die Klassenräume gehalten.

Als ich 1987 und 1989 Mitbegründerin des 1. Islamischen Kindergartens und der 1. Islamischen Privatschule war, gab es weit und breit noch keine pädagogischen Konzepte oder Schulbücher für Kinder aus muslimischen Familien. Die erste und einzige Erzieherin türkischer Herkunft, die auch ein Kopftuch trug, wurde unsere erste Angestellte. Zweck der Schulgründung war es gewesen, "muslimischen Kindern eine Identität zu vermitteln, die es ihnen ermöglicht, sich in eine pluralistische Gesellschaft zu integrieren, ohne sich assimilieren zu müssen".

Seit über 20 Jahren scheint es, dass wir mit unserer wenig durchdachten Pionierarbeit einen Stein ins Rollen gebracht haben: Überall entstehen immer mehr Kindergärten für muslimische Familien und Institute für Islamische Theologie, die Lehrer ausbilden, um analog zum christlichen Religionsunterricht ein Angebot für Schüler aus muslimischen Familien anzubieten.

Betül Ulusoy, eine angehende Juristin mit Kopftuch aus Berlin, war bis zur 6. Klasse eine unserer Schülerinnen. Ihre Bewerbung um einen Referendariatsplatz beim Bezirksamt Neukölln, die von Missverständnissen überschattet war, gipfelte vor einigen Wochen in einem medialen Wirbel, den der "Tagesspiegel" veranstaltete und den das Bezirksamt mit einer Presseerklärung beenden musste, um sich gegen Diskriminierungsvorwürfe zu wehren.

Vorbild Khadija

Emel Zeynelabidin; Foto: Emel Zeynelabidin
Emel Zeynelabidin ist in Istanbul geboren. Seit 1961 lebt sie in Deutschland, hat Anglistik studiert und sich jahrzehntelang am Aufbau von Bildungseinrichtungen in der Islamischen Gemeinde in Berlin aktiv beteiligt. 2005 verließ sie die Gemeinde und legte nach 30 Jahren ihre religiös begründete Verhüllung ab. Seitdem engagiert sie sich als öffentliche Person und Autorin für ein besseres Verständnis zwischen den muslimischen Gemeinden und der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland.

Außenstehende mögen sich gefragt haben, warum heute insbesondere junge Frauen trotz ausgeprägtem Selbstbewusstsein auf die demonstrative Zurschaustellung ihrer Glaubenszugehörigkeit und die Unterordnung unter "Gott" - zugunsten der Verbesserung ihrer beruflichen Lage und der menschlichen Beziehungen - nicht verzichten können. Schließlich ging es dem Propheten ja angeblich auch um die Schaffung von Menschenrechten für die Frauen. Die Allgemeinbildung hat im Islam, ohne Unterschied zwischen den Geschlechtern, eine sehr hohe Priorität. Muhammeds erste und langjährige Ehefrau, Khadija, war eine gebildete und erfolgreiche Handelsfrau.

Der Islam wird heute aber als ein System von Regeln, Ritualen und Gesetzen dargestellt. Dabei geht es um die Sicherung der Herrschaft von Männern über Frauen. Was Muhammed zum Wohl der Frauen seiner Gesellschaft allmählich eingeführt hatte, wird heute in Ländern wie Saudi-Arabien, Iran und Afghanistan schamlos missachtet!

Unmissverständlich heißt es doch im Koran, dass es "keinen Zwang im Glauben" gäbe! Dort aber zwingen die Staatsoberhäupter ihre Bürgerinnen im Namen Gottes mit gesetzlichen Verordnungen, sich in der Öffentlichkeit nur in kompletter Verhüllung zu zeigen. Sie haben keine Wahl. Das aber wiederum schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein und raubt ihnen das Recht auf Bildung und Arbeit.

Tatenlose Weltgemeinschaft

Was ist heute also los mit den islamischen Organisationen, die den Islam repräsentieren wollen? Was ist los mit den Gesellschaften, die sich allgemeingültige Menschenrechte jenseits von Religionen erarbeitet haben? Heute schmoren Frauen dort im Namen des Islam unter ihren Hüllen, werden bei Aufmüpfigkeit geschlagen und weggesperrt, und die Weltgemeinschaft schaut tatenlos zu!

Der Integrationspolitik scheint es bisher nicht darum zu gehen, Hindernisse und Barrieren zu überwinden. Ein ernst gemeinter Annäherungsprozess wäre harte Arbeit. Es herrscht noch eine Distanz und eine verbreitete (gegenseitige) Unkenntnis voneinander, die bei bestimmten Nichtmuslimen einen wachsenden Rassismus und bei bestimmten Muslimen eine Radikalisierung als Abgrenzungsstrategie hervorgebracht haben.

Ein Denken in hierarchischen Strukturen, das als Gruppenprozess daherkommt, birgt heimtückische Fallen. Die Annahme, Gott verlange Unterwerfung, kann besonders Frauen in die Irre und aus Gewissenskonflikten in die Verzweiflung führen. Denn sie sind es, die mit den sozialen Einschränkungen, die die Verhüllung mit sich bringt, um ihr diesseitiges Leben betrogen werden. Denn das Wort Gottes erreicht jeden nur als Interpretation. Es zu verstehen und Gottes Wille zu kennen, ist doch ziemlich überheblich.

Emel Zeynelabidin

© Emel Zeynelabidin 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Kein Zwang im Glauben

Lieber Herr Walter, zu Ihrem Kommentar fällt einem aber bald wirklich nichts mehr ein. Schön, dass SIE wenigstens alles richtig verstanden haben. Woher nehmen Sie eigentlich die reichlich überhebliche Gewissheit, dass einzig Ihre Sicht der Dinge die absolut richtige ist??? Von Gott erlassene Vorschriften - sorry das ich mich da nur an den Kopf fassen kann. SIE machen doch gerade diesen Gott, an den Sie glauben und der ja angeblich allumfassend und allmächtig und der allergrößte ist und der der Schöpfer aller Universen sein soll, mit Ihrer Aussage so richtig schön klein und menschlich. Was für ein Abstieg.... Warum soll dieser so unendlich große Gott sich für ein kleines Stückchen Stoff interessieren, nachdem er dieses Wahnsinnsuniversum geschaffen hat? Das ist doch alles so lächerlich...

Ingrid Wecker04.09.2015 | 21:18 Uhr

Ja und, ich bin keiner islamischen Frau begegnet, die gesagt hat, dass ihr das Kopftuch aufgewzungen wurde. Sie tragen es, weil es irgendwo im Hadith zum Ausdruck gebracht wurde. Ich sage absichtlich nicht, es steht dort geschrieben.

Margarete Hablas09.09.2015 | 09:26 Uhr

Sie taeuschen sich.

Es gibt kein Kopftuch im Koran.

Es gibt sehr wohl ein paar Kleidungsvorschriften.

Diese sind folgende;

Frauen gelten als richtig angezogen im Sinne des Islam wenn;
der Körper bedeckt ist mit normaler Kleidung.Diese Kleidung ist
keinesfalls irgendwie bestimmt,etwa Schleier oder Mantel oder
sonst was.Jeder Moslem traegt das was der Zeit in der er lebt
und den Bedingungen des Ortes an dem er lebt und den dortigen
Wetter-Bedingungen entspricht.
Nicht zu bedecken sind die Körperteile die bei der religiösen Waschung
berücksichtigt werden;also die Haende bis zu den Ellbogen,das Gesicht,
die Haare,der Hals,die Füsse bis zu den Knöcheln.

Maenner haben den Körper zu bedecken zwischen Bauchnabel und Knie.

Vakit23.09.2015 | 10:37 Uhr

Irgendwo im Hadith...aha...
seit wann ist ein Hadith bindender als der Koran.

Zudem sind die allermeisten der Hadithe nicht sicher.

Wichtig ist sich um die Wahrheit zu bemühen.Nicht das
Nachzumachen was andere vormachen....

Vakit23.09.2015 | 10:45 Uhr

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