Gerade ältere konservative Frauen, die der AKP glaubten, als die von Frauenrechten sprach, seien enttäuscht, sagt Cebeci. "In den letzten Jahren ist die Gewalt gegen Frauen gestiegen, und die Männer in der Partei ignorieren das." Diese Frauen fühlten sich nicht ernst genommen, "die Männer sehen das Kopftuch, und für sie gibt es keine Frau darunter".

Aus Angst vor Angriffen nutzen viele Frauen Fantasienamen im Netz. Zum Beispiel "Nurş": Sie verrät am Telefon, dass sie Zahnärztin in Ankara ist. Sie wurde grob beschimpft, und als auch Frauen, die sie verteidigten, beleidigt wurden, löschte sie ihren Bekenntnis-Tweet. Dann stellte sie ihn doch wieder ins Netz. Sie sagt: "Es ist wichtig, sichtbar zu werden und andere zu ermutigen."

Offizielle Zurückhaltung wegen anstehender Wahlen

Es mögen letztlich nur wenige Frauen sein, die sich in die Öffentlichkeit wagen, aber zu übersehen sind sie nicht. Sogar das staatliche Religionsamt reagierte, erstaunlich milde: Ayşe Sucu, für Frauenfragen zuständig, erklärte: "Die Bedeckung" gehöre nicht zu den fünf Grundpfeilern des Islam. Nicht alle Gläubigen sehen das so locker. "Allah soll sie heilen", musste eine Frau zu ihren Vorher-Nachher-Fotos lesen, eine andere: "Du hast Deinen Heiligenschein verloren."

Die offizielle Zurückhaltung - auch in regierungsnahen Medien - hat womöglich mit der nahen Kommunalwahl zu tun. Für Erdoğans AKP stimmten gewöhnlich mehr Frauen als Männer. Umfragen sagen der AKP schon Stimmverluste voraus, vor allem wegen der Wirtschaftskrise. Die spüren die Ärmeren stärker als die Reichen.

Auch hört man Klagen über reich gewordene Parteikader, der Islam schreibt Bescheidenheit vor. Erdoğan wiederum lässt nicht erkennen, dass er vom konservativen Kurs abweichen will: Vor einer Weile ermahnte er das staatliche religiöse Personal, Frauen und Kinder zum Moscheebesuch zu motivieren.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ; Foto: Reuters
Wünscht sich eine "religiöse Generation": Recep Tayyip Erdoğan schaffte die Kopftuchverbote Atatürks nach und nach ab: erst 2008 an den Unis, 2013 dann im Staatsdienst. Doch nun, im 17. Jahr der Erdoğan-Herrschaft, gerät einiges ins Rutschen - auch die Annahme, die türkische Gesellschaft werde immer konservativer.

Frauen, die ihr Kopftuch ablegen, irritieren aber auch die Säkularen, weil hier nichts zum Klischee passt. Weil diese Frauen "nicht gleich zum Atatürk-Mausoleum rennen", wie der Romanautor Ümit Kıvanç schrieb, der die Spaltung der Gesellschaft beklagt, die fast unüberwindbar zu sein scheint. Deshalb geben konservative Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch, auch selten ihre Stimme der CHP.

Furcht vor freien Frauen

Die Journalistin Cebeci sagt: "Freie Frauen, das erschreckt viele." Sie will klarstellen: "Ich bin auch gegen Kopftuchverbote." Jede Frau soll nur selbst entscheiden können. Liberale Feministinnen hatten einst auch dafür plädiert, dass Frauen in der Türkei mit Kopftuch studieren dürfen.

Cebeci und die anderen wurden deshalb gefragt, ob sie vergessen hätten, wie man Studentinnen in den Neunzigerjahren in sogenannte Überzeugungsräume zwang, wo sie ihr Haupt entblößen mussten. Eine der Antworten lautete: "Damals haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit noch Tom und Jerry geschaut."

Vor zehn Jahren, hat das Institut Konda festgestellt, trug jede zweite 15- bis 29-Jährige Türkin kein Kopftuch, heute sind es 58 Prozent. "Meine Schöne", schrieb eine Frau an Lefife Ünal, "sich zu bedecken ist kein Gesetz Gottes, es ist eine Tradition, Du kannst ganz beruhigt sein." Ünal hat ihren richtigen Namen benutzt. Sie hat, als das zweite Foto entstand, in einer Textilfabrik gearbeitet, jetzt will sie studieren, "vielleicht Psychologie", sagt sie und schiebt das leere Teeglas weg.

Eine 18-Jährige aus der Kurdenstadt Diyarbakır hat sie schon um Rat gefragt: Sie wollte ihr Tuch ablegen, habe aber Angst vor ihren Brüdern. "Heute hat sie mich angerufen, sie hat mit ihrer Mutter gesprochen, es war gar nicht so schwer."

Ünal sagt: "Ich wollte andere unterstützen, deshalb habe ich meine Bilder veröffentlicht."

Christiane Schlötzer

© Süddeutsche Zeitung 2019

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