Zum anderen blickt Frankreich mit Unbehagen und Beklemmung auf die zunehmende spanische Präsenz in Marokko, durch die ihm bereits wichtige Märkte in einer Reihe von Branchen verloren gegangen sind. In der Tat sind spanische Konzerne gerade dabei, das Königreich regelrecht zu infiltrieren. So ist etwa der öffentliche Nahverkehr in den Städten Marrakesch, Tanger, Agadir und Khouribga der spanischen ALSA-Gruppe zugeschlagen worden. Im vergangenen Jahr hat diese ihren Expansionskurs fortgesetzt und weitere marokkanische Städte ihrem Portfolio hinzugefügt, an erster Stelle die Hauptstadt Rabat, Salé und den Großraum Casablanca. Damit gelingt es Spanien schon seit Jahren, seine Spitzenposition als wichtigster Handelspartner Marokkos zu behaupten.

Marokko als größter Investor in Westafrika

Frankreich hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sich Marokko – mit seiner strategisch wichtigen Position auf dem afrikanischen Kontinent – zurückzuholen, fühlt sich aber angesichts Marokkos schleichender Emanzipation von Frankreich betrogen. So hat sich das Königreich inzwischen zum größten Investor in Westafrika und zum zweitgrößten auf dem ganzen Kontinent gemausert. Dadurch ist es zu einem Einfallstor geworden, an dem niemand mehr vorbeikommt, der sich Zugang zu den afrikanischen Märkten verschaffen will.

Vor diesem Hintergrund tut Präsident Macron alles, um nicht von den Privilegien jenes Protektoratsverhältnissen lassen zu müssen – gerade zu einem Zeitpunkt, wo seine Popularität auf einen historischen Tiefststand gefallen ist. Eine regelrechte Schlacht ist entbrannt und hat einen Konflikt mit erstarrten Fronten nach sich gezogen, in dem Frankreich alle möglichen Erpressungsmethoden zum Einsatz bringt, um Marokko dazu zu bewegen, seine Positionen aufzugeben.

Anzeichen für einen "Kalten Krieg"

Frankreich hat seinen Druck auf Marokko in einem Maße verstärkt, dass die festgefahrene Krise zu einer Dauerinszenierung mit immer neuen Akten geworden ist. So fahren die französischen Medien – die regierungsnahen wie auch die unabhängigen, einschließlich derer, die Rabat gegenüber konziliant eingestellt sind – eine anti-marokkanische Kampagne, im Zuge derer sämtliche Probleme und Themen ins Scheinwerferlicht gezerrt werden, welche in Marokko auf der Tagesordnung stehen (Rif-Bewegung, Pressefreiheit, gesellschaftlicher Reformstau, Menschenrechte…). Der letzte Akt in diesem Spiel war ein Interview der französischen Nachrichtenagentur AFP mit Aminatou Haidar, die den Beinamen "Gandhi der Westsahara" trägt.

Im Zusammenhang mit der Westsahara-Problematik fiel zum ersten Mal in der Geschichte das traditionelle Treffen der beiden Außenminister am Rande der UNO-Vollversammlung aus. Gleichzeitig verpuffte der Eifer, mit dem Frankreich bisher in der Westsahara-Frage einen pro-marokkanischen Standpunkt vertreten hatte.

Ebenso wenig Engagement zeigte Frankreich bei der Suche nach einem Ersatz für Horst Köhler, den vor einen Monaten zurückgetretenen Westsahara-Sondergesandten der Vereinten Nationen. Im Kontrast dazu trat der spanische Ministerpräsident in einem historischen Schritt vor die UNO-Vollversammlung und machte sich für eine politische Lösung der Westsahara-Frage stark. Es war das erste Mal, dass ein spanischer Ministerpräsident die beiden Schlagworte "Referendum" und "Selbstbestimmung" vermied.

Die Angriffe Frankreichs gegen Marokko gingen so weit, dass inzwischen auch die Wirtschaft vom Kampfgeschehen betroffen ist. So forderte der französische Wirtschaftsminister die Wiederansiedlung der aus Frankreich ausgelagerten Unternehmen.

Nach seinen Worten stellten französische Autofabriken in Marokko ein "gescheitertes Investitionsmodell" dar, welches revidiert werden müsse. Es sei nicht sinnvoll, an einem Modell festzuhalten, bei dem die in Frankreich meistverkauften Automodelle außerhalb des Landes produziert würden. Er forderte die beiden großen französischen Automobilkonzerne auf, mit diesen für die französische Wirtschaft zerstörerischen Strategien zu brechen.

Paris spielt außerdem die Karte des politischen Asyls aus, um Rabat dazu zu drängen, seine Positionen zu revidieren. In einem Schnellverfahren wurden, zur Überraschung der marokkanischen Behörden, die Asylanträge zahlreicher Journalisten, Aktivisten und Oppositionellen positiv beschieden. Zuvor hatte Frankreich Seite an Seite mit Spanien eine harte Linie gegenüber marokkanischen Asylbewerbern verfolgt. Der Richtungswechsel bedeutet eine implizite Kritik an der Politik des Landes im Bereich Meinungsfreiheit und Menschenrechte.

Bedingungen für einen Akt der Selbstbefreiung

Die Entscheidungsträger im heutigen Marokko sind sich bewusst geworden, was für ein Fehler es war, das französische Bildungssystem zu übernehmen. Denn es ist nur zu offensichtlich, dass Paris niemals seinen kolonialistisch gefärbten Blick auf Marokko ablegen wird. Der Kompass der ökonomischen Interessen ist das einzig relevante Richtmaß für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, ungeachtet jedweder Ideologie, ob rechter oder linker.

Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, dass Frankreich in seinen Beziehungen mit Algerien und Marokko jeweils eine Äquidistanz einhält, was es ihm ermöglicht, einen Drahtseilakt zu vollführen und beide Seiten gleichermaßen mit dem Thema Westsahara zu erpressen.

Der Moment ist für Marokko günstiger als je zuvor, sich aus dem Korsett Frankreichs zu befreien, welches von Erschütterungen im Inneren heimgesucht wird, nachdem sein Einfluss im Ausland zurückgegangen ist.

Doch für einen solchen Akt der Selbstbefreiung wäre es erforderlich, die Reihen zu schließen und die Fronten im Inneren zu glätten, indem man den Spielraum an politischen Freiheiten ausweitet, die Demokratie festigt, die um sich greifende Korruption bekämpft und die soziale Gerechtigkeit stärkt.

Leider sind diese elementaren Bedingungen, um dem Prozess der Selbstbefreiung zum Durchbruch zu verhelfen, im heutigen Marokko nicht gegeben.

Mohammed Taifouri

© Qantara.de 2020

Aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

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Leserkommentare zum Artikel: Verliert Frankreich seinen "Hinterhof" in Nordafrika?

Ja wohl Herr Taifouri. Ein sehr guter Artikel über die jetzige Situation der marokkanischen/französischen Beziehungen.
Der Abschluss ist mehr als richtig:
"....Doch für einen solchen Akt der Selbstbefreiung wäre es erforderlich, die Reihen zu schließen und die Fronten im Inneren zu glätten, indem man den Spielraum an politischen Freiheiten ausweitet, die Demokratie festigt, die um sich greifende Korruption bekämpft und die soziale Gerechtigkeit stärkt. Leider sind diese elementaren Bedingungen, um dem Prozess der Selbstbefreiung zum Durchbruch zu verhelfen, im heutigen Marokko nicht gegeben."
....Schade, dass der vom Volk gewählte Premierminister Herr Benkiran nicht mehr Regierungschef ist ....Er wurde auf eine schändliche Weise blockiert seine Regierung zu bilden...Wichtig zu erwähnen wäre die Tatsache, dass der König und die Opportunisten um ihn zu feige sind um großartige Reformen durchzusetzen... Ein demokratisches sowie wirtschaftliberales Marokko würde in Westafrika, und generell im westlichen Teile des Mittelmeerraumes, radikal viel verändern...Vor allem wenn die marokkanischen algerischen Beziehungen gut stünden (historisch handelt es sich hier um ein Volk bis der Landung Napoleons in Algier 1830 und die endgültige Niederlage der marokkanischen Armee bei der Schlacht von Isly...).
Marokko Spielt, nicht nur allein aus historischen Gründen, eine sehr wichtige Rolle in dieser Weltregion, sondern auch eine Lokomotive für Wohlstand, Stabilität und Prosperität in Nordwestafrika.

Tumart Alami12.02.2020 | 14:20 Uhr