Frankreich zwischen Terror und Identitätspolitik

Emmanuel Macrons falscher Kampf

Macron scheint die alten Schlachten zwischen Okzident und Orient noch einmal schlagen zu wollen. Er schwadroniert von der "Krise des Islam", als gäbe es keine akuteren Krisen, meint Stefan Buchen in seinem Essay.

Frankreich blickt auf einen schaurigen Oktober zurück. Aufsehenerregende Mordtaten erschütterten das Land. Einem Gymnasiallehrer wurde der Kopf abgetrennt. Drei Menschen wurden in einer Kirche zu Tode gestochen. Die Täter waren Muslime. Sie begründeten die Morde mit dem Islam.

Dieses Faktum lässt die von den üblichen Verdächtigen dienstfertig bereit gehaltene Erklärung, dass es sich um Taten isolierter Individuen handele, die mit "dem Islam nichts zu tun haben", ebenso hohl erscheinen wie die Unzuständigkeitsbeteuerungen nach ähnlich gruseligen Verbrechen in der Vergangenheit.

Bis zur genaueren Ergründung der Kausalitätsketten muss die These des französischen Islamwissenschaftlers und Soziologen Gilles Kepel Gültigkeit haben. Demnach muss man von einem "Kontinuum" ausgehen, das sich von den religiösen Predigern des "kulturellen Bruchs" mit der Mehrheitsgesellschaft bis zu jenen mordenden Individuen erstreckt.

Der 18-Jährige tschetschenischer Herkunft, der den Lehrer Samuel Paty in der Peripherie von Paris köpfte, und der junge Tunesier, der in der Kirche im Zentrum von Nizza zustach, haben sich ja immerhin als fähig erwiesen, eine Beleidigung des Propheten und eine Herabwürdigung der Religion zu erkennen und in einen Sinnzusammenhang mit ihrem Tun zu stellen.

Auf welch dunklen Wegen und über welch rätselhafte Zwischenebenen die Morde auch immer vom "Faktor Islam" vermittelt wurden, so scheinen doch andere Aspekte dringender der Analyse und der Kritik unterzogen werden zu müssen. Es soll ja nicht zu unpolitisch werden.

Der französische Islam- und Politikwissenschaftler Gilles Kepel; (Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images)
Ideologie des kulturellen Bruchs mit der Mehrheitsgesellschaft: Islamistische Attentate wie in Paris und Nizza zeigen einen neuen Tätertyp. An die Stelle einzelner Terrororganisationen scheinen Netzwerke getreten zu sein, die den kulturellen Bruch predigen und radikale Taten provozieren, konstatiert der französische Sozialwissenschaftler und Islamismusexperte Gilles Kepel.

Reconquista der Vorstädte

Der Oktober hatte mit einem energischen Auftritt des französischen Präsidenten begonnen. Seine Rede stellte Emmanuel Macron unter das Leitmotiv des "republikanischen Erwachens". Er verkündete ein Programm zur Rückeroberung (reconquête) jener Vorstädte, die der erwähnte Forscher Gilles Kepel schon vor dreißig Jahren in einem Buch "Les banlieues de l´Islam" (Die Vorstädte des Islam) genannt hatte. Die Probleme sind also nicht neu.

Macrons Anspielung auf die Reconquista des muslimischen Spanien war wohl kein Zufall. Er schärfte seinem Publikum ein, dass es um nichts weniger gehe als die Bekämpfung des "islamistischen Separatismus" auf französischem Boden. Die Republik habe die Kontrolle über "gewisse Viertel" verloren. Diese gelte es zurückzugewinnen.

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