Nur 20 Prozent der Muslime sind arabische Muttersprachler
 

Als sie später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin Seminare zu Koran und Exegese gab, fiel ihr auf, dass sich die Literatur dazu darauf beschränkte, was westliche Forscher spannend fanden; also entweder radikale salafistische Strömungen oder extrem progressive Auslegungen. Was in der islamischen Welt in der Breite passierte, fand wenig Interesse. Die Idee nachzubohren entstand, Jahre später wurde daraus das Forschungsprojekt Global Qur’an.

Fragt man Johanna Pink, was der Koran für sie ist, bekommt man eine nüchterne Antwort: "ein wissenschaftlicher Gegenstand". Spannend daran findet sie, welche Bedeutung der Text heute für Muslime habe. Anfeindungen hat sie wegen ihrer Forschung nicht erlebt.

Der Koran ist ein mächtiges Buch, der Aufklärer Abu Zaid beschrieb es einmal als das schönste und zugleich gefährlichste Buch der Welt. Seine Auslegung kann zu Terror oder Toleranz führen. Goethe klagte über Tautologien, für den Aufklärer Voltaire war es schlicht ein unverständliches Buch.

Nicht nur der Inhalt, auch der Gegenstand an sich ist heilig. Im Christentum verkörpert sich Gott in einem Menschen, im Islam in einem Buch. Aber die wenigsten der weltweit 1,9 Milliarden Muslime können Gottes Wort lesen – denn arabische Muttersprachler sind davon heute nur 20 Prozent. "Und hier", sagt Pink, "kommen die Übersetzungen ins Spiel."

Vorherrschende Meinung unter den Gelehrten war immer, dass es verboten sei, Übersetzungen für rituelle Zwecke zu verwenden. Die Liturgie solle sich auf Arabisch beschränken, die Sprache, in der dem Propheten Mohammed der Koran offenbart wurde. Ritus war wichtiger als Verständnis.

Sogenannte Interlinearübersetzungen ins Persische oder Türkische gab es zwar, dabei wurden zwischen den Zeilen die einzelnen Wörter erklärt, das waren aber vor allem pädagogische Hilfsmittel.

Die Religionsgelehrten sträubten sich auch aus profaneren Gründen gegen Übersetzungen: Sie fürchteten, dass der arabische Koran, der doch alle Muslime einigen solle, durch nationalistische Versionen ersetzt oder durch Übersetzer fehlinterpretiert werden könnte. Vor allem aber fürchteten sie, ihren Einfluss zu verlieren. Schon der Buchdruck hatte ihr Monopol an religiöser Wissensvermittlung gebrochen.

Professorin Johanna Pink, :Leiterin des Forschungsprojekts "The Global Qur'an" (Foto: Juergen Gocke; source: gloqur.de)
Fragt man Johanna Pink, was der Koran für sie ist, bekommt man eine nüchterne Antwort: "ein wissenschaftlicher Gegenstand". Spannend daran findet sie, welche Bedeutung der Text heute für Muslime habe. Nicht nur der Inhalt, auch der Gegenstand an sich ist heilig. Im Christentum verkörpert sich Gott in einem Menschen, im Islam in einem Buch. Aber die wenigsten der weltweit 1,9 Milliarden Muslime können Gottes Wort lesen – denn arabische Muttersprachler sind davon heute nur 20 Prozent. "Und hier", sagt Pink, "kommen die Übersetzungen ins Spiel."

Anfang des 20. Jahrhunderts kam Bewegung in die Sache. Muslimische Reformdenker wollten den Koran als Anleitung für die Gläubigen verstanden wissen. Dazu mussten sie ihn aber auch verstehen. Und auch der Missionsgedanke begann jetzt eine große Rolle zu spielen. Die Folge: eine lang anhaltende Welle von Koranübersetzungen.

Anstoß für das Umdenken war ausgerechnet der Erfolg einer Gruppierung, die von der Mehrheit der Muslime als unislamisch abgelehnt wurde: die Ahmadiyya. Entstanden ist sie Ende des 19. Jahrhunderts, ihre Anhänger sehen sich als Reformer, die Mehrheit der Muslime betrachtet sie als Ungläubige, die ihren Gründer als Propheten verehren.

"Wer den Koran übersetzt, muss sich positionieren"
 

Die Ahmadiyya missionierte nicht nur in Indien, sondern auch in England erfolgreich. Orthodoxe wie Reformer gaben ihren Widerstand auf. "Zu diesem Zeitpunkt brach die Vorstellung zusammen, Koranübersetzungen könnten etwas Problematisches sein", sagt Pink. Noch 1925 ließen Azhar-Gelehrte Übersetzungen ins Englische verbrennen. Zehn Jahre später produzierten sie selbst welche.

Auch das türkische Parlament gab in den Dreißigerjahren eine Koranübersetzung in Auftrag. In Indonesien ließ die Regierung den Koran in die neue Nationalsprache Bahasa Indonesia übersetzen, man hoffte so, den neuen Staat religionspolitisch aufzuwerten und die neue Sprache rasch zu verbreiten. "Die Koranübersetzungen sollten die neuen Nationalsprachen populär machen", sagt Pink – und für eine nationale Prägung des Islams sorgen.

Saudi-Arabien stellte sich, mit ein paar Jahrzehnten Verzögerung, an die Spitze der Übersetzungsbewegung. Anfangs wurden dort nur Exemplare auf Arabisch gedruckt, bald aber auch Übersetzungen in Dutzende Sprachen. Dahinter standen auch weltliche Interessen. Johanna Pink nennt es den "Aufbau außenpolitischer Soft-Power". König Fahd, der 1982 an die Macht kam, wollte so Einfluss gewinnen auf die vielsprachige muslimische Öffentlichkeit und gleichzeitig das religiöse Prestige des eigenen Landes erhöhen.

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