"Forget Baghdad"

Irakische Juden in Israel

Vier in Israel lebende irakische Juden läßt der in der Schweiz lebende Filmemacher Samir in seinem Dokumentarfilm "Forget Baghdad" zu Wort kommen. Sie beschreiben den schwierigen Prozess der Integration in ihrer neuen Heimat und die Entfremdung von ihrer alten. Zurzeit läuft der Film in bundesdeutschen Kinos. Silke Bartlick berichtet.

Ungemein sympathisch sind sie, die vier älteren Herren, die sich in dem Film Forget Baghdad vorstellen als arabische Juden aus dem Irak. Die allesamt Mitglieder der internationalen irakischen kommunistischen Partei waren und insofern Antizionisten. Und die doch seit Jahrzehnten in Israel leben.

Samir Naqqash, Foto: AP
Samir Naqqash, israelischer Schriftsteller und Filmemacher, ruft eine verschwundene, verlorene Welt in Erinnerung

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Er hatte wissen wollen, wie es ist, zum Feind seiner eigenen Geschichte zu werden, sagt der Filmemacher Samir, der selbst aus Kindertagen all die Erzählungen kennt über ein modernes, wohlhabendes Bagdad, in dem unter britischer Kolonialherrschaft orientalische Moslems, Christen und Juden auf Arabisch, Französisch oder Englisch Marx und Baudelaire diskutierten.

Bis die Nationalsozialisten selbst in arabischen Ländern an Einfluss gewannen und der Nationalismus im Irak in einem Militärputsch gegen den König 1941 einen ersten Höhepunkt fand. In der Folge breitete sich der Antisemitismus schleichend aus, bis 1951 gingen 120 000 von ehemals 140 000 irakischen Juden nach Israel.

Kein Zuckerschlecken in der neuen Heimat

"Die meisten Israelis wollen diese Geschichte gar nicht hören“, so der amerikanische Historiker Mark Cohen, „die Geschichte von Juden, die sich in der arabischen Welt integriert fühlen, entweder als jüdische Araber oder als arabische Juden. Sie wollen diese Geschichte nicht hören, weil es das Selbstverständnis der israelischen Gesellschaft bedroht."

Mit der Immigration nach Israel verloren die arabischen Juden alles, mussten Häuser und sogar Paläste gegen Zelte tauschen. Am Flughafen wurden sie zur Begrüßung wie Ungeziefer mit DDT bespritzt, eine Beleidigung, die den vier porträtierten Intellektuellen noch heute in den Knochen sitzt.

Die individuellen Verwerfungen innerhalb der Biografien der Herren Shimon Ballas, Sami Michael, Moshe Houri und Samir Naqqash markiert Samir in seinem Film, und macht auch das Exemplarische dieser Verwerfungen deutlich: dass die Vision eines Israel als Heimat aller Juden nämlich ein Albtraum war für all jene, die keine europäischen Prägungen mitbrachten und ohne das Trauma des Holocaust kamen.

Die Lebensweise der arabischen Juden wurde verspottet, ihre Stimme buchstäblich unterdrückt. Arabisch hat man höchstens in den eigenen vier Wänden geflüstert. Und Beschwerden über die Benachteiligung der orientalischen Neubürger wurden von den Zionisten zurückgewiesen mit dem Hinweis auf das eigene, viel schlimmere Leiden.

"Ich bin Samir dankbar, dass er mir ein Problem, einen Aspekt deutlich gemacht hat, den ich so bisher nicht gesehen habe“, erklärt Julius Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam. "Nämlich, dass irakische Juden heute in Israel vor einem doppelten Problem stehen: einmal müssen sie sich gegen die aschkenasische Kultur behaupten, zum anderen sind sie entfremdet von der arabischen Kultur."

Eine Hommage mit Charme und Ironie

Im Film trägt Ella Shohat diese Analyse in aller Schärfe vor. Sie lehrt heute Film- und Kulturwissenschaft an der Universität New York und erinnert sich als Kind irakischer Immigranten in Israel noch genau an die Scham, die sie empfand,

Ella Shohat, Foto: AP
Ella Shohat, Filmhistorikerin in NYC, sagt: "Eine Iraki zu sein, war ein Tabu"

​​wenn ihr die Mutter Pide und eingelegte Eier statt der üblichen Nutellabrote mit in die Schule gab.

Anhand von Spielfilmausschnitten, unter anderem aus dem Werk Ephraim Kishons, belegt sie, wie klischeehaft das Bild der orientalischen Juden in frühen israelischen Produktionen war. Und sie erzählt, wie sie versucht hat, der Diskriminierung durch Angleichung zu entgehen. ‚Überall, wo wir hingehen', sagt sie im Film, ‚haben wir die falsche Identität'.

"In diesem Sinne ist dieser Film auch eine Referenz an die Generation, die jetzt in ihrem Leben in diesem Sinne verloren hat“, so der Filmemacher Samir. „Aber ich glaube, wenn wir diese Erinnerungen weiter tragen, werden junge Menschen auch wieder sehen, dass es auch ein anderes Denken gibt. In diesem Sinne ist dieser Film sicher auch eine Hommage an diese linke Generation, die das Projekt der Moderne und der Aufklärung versucht hat in der arabischen Welt durchzusetzen. "

Forget Baghdad ist alles andere als eine Anklage. Mal melancholisch, mal witzig und immer spannend erzählt von den vier alten Herren, überblendet mit politischen Zitaten, mit alten Fotos und Filmausschnitten, kommt er auch als ästhetisch überzeugender moderner Dokumentarfilm daher, der zur Freude des Publikums keineswegs auf ironisierende und unterhaltsame Momente verzichtet.

Am Ende spricht Samir dann von der Hoffnung auf eine Versöhnung, zu der seine Protagonisten beitragen könnten. Wie sein Film selbst im Übrigen auch.

Silke Bartlick, DW-Berlin

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