Mizyed Khalid Tahad hatte sich damals einer Gruppe angeschlossen, die ihren Stadtteil Baba Amr vor dem Regime beschützen wollten. Er versichert, er habe nie eine Waffe getragen oder auch nur angefasst. Auch habe er der damaligen "Freien Syrischen Armee" nur bei ihren humanitären Aktionen geholfen.

Dann erlebte auch Baba Amr die ersten Bombardements. Ein Schrapnell durchbohrte sein Auge, seither ist er fast blind. Auf dem Weg ins Krankenhaus stoppten zwei Soldaten den Wagen: "Wisst ihr nicht, dass es gefährlich ist, in Zeiten wie diesen auf der Straße herumzufahren?", sagten sie und lachten. Es war ihre Art, Witze über Verletzte zu machen.

Ein ewiger Albtraum

Dann haben sie ihn ins Saydnaya-Gefängnis gebracht, eines der Folterzentren des gefürchteten General Hassan. Und damit begann die Tortur: "Sie haben mir drei Mal am Tag Elektroschocks verpasst. Einmal ist dabei sogar mein Zehnagel rausgesprungen, so heftig war der Stoß", erinnert sich Mizyed Khalid Tahad.

Dann, es war ein Freitag im Februar 2013, durfte er duschen und bekam neue Kleidung. Er spürte ein kurzes Gefühl der Erleichterung, denn er konnte sich den Geruch und das Gefühl der Folter vom Körper waschen. Selbst wenn sie ihn an diesem Tag töten würden, dachte er, habe er zumindest für einen Tag seinen Stolz zurückerlangt.

Er verstand zuerst nicht, warum sie ihn an diesem Tag hatten gehen lassen. Aber all seine Qualen endeten abrupt. Später erfuhr er, dass er wahrscheinlich Teil eines Gefangenenaustausch war, den der Ältestenrat in Homs mit dem Regime verhandelt hatte.

Mit vielen anderen Syrern haben er und seine Familie sich dann auf den Weg in den Libanon gemacht. Dort leben sie jetzt in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene. Fünf Jahre später sind seine Wunden zwar verheilt, aber die Narben noch klar zu erkennen. Mizyed Khalid Tahad sagt, sie hätten ihm seine Würde geraubt, derzeit müssten die meisten Täter noch nicht einmal einen Prozess fürchten. Russland und China haben im UN-Sicherheitsrat eine internationale Strafverfolgung syrischer Kriegsverbrecher verhindert.

Deutschland lässt jetzt per internationalen Haftbefehl nach dem gefürchteten Jamil Hassan suchen. Für Mizyed Khalid Tahad ist das allerdings nicht mehr als eine Geste: "Sie werden leider nichts damit erreichen", sagt er. "Können Sie etwa so einfach nach Syrien gehen und Hassan oder Assad festnehmen?"

Der ehemalige Gefangene Nr. 72 hat längst den Glauben daran verloren, dass irgendeiner der Verbrecher, die ihn und Tausende andere Syrer gefoltert haben, jemals bestraft werden. "Der Westen hätte dafür sorgen können, dass Assad nicht mehr in Syrien regiert, aber es war ihnen einfach egal", erklärt er.

Anchal Vohra

© Deutsche Welle 2018

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