Folter in Syrien

Die Geschichte des Gefangenen Nr. 72

365 Tage wurde Mizyed Khalid Tahad in Syrien gefoltert. Er hatte bei den Aufständen 2011 demonstriert. Plötzlich ließ man ihn frei. Doch seither ist nichts mehr, wie es einmal war. Anchal Vohal berichtet aus dem Libanon.

Immer, wenn es dunkel wurde, kamen die Erinnerungen an sein Leben in Freiheit wieder hoch. Immer dann, wenn die Wächter gegen die schwere Eisentür schlugen, wenn die 30 Insassen, mit denen er sich die Zelle teilte, ihre Betten machten.

Dann erinnerte er sich an die Grillabende mit Freunden, und vor seinem inneren Auge lief die Geburt seines ersten Kindes Yassin wieder ab. In seinen Gedanken wanderte er durch die Straßen seines Viertels Baba Amr und probierte die Aprikosen von seinen Feldern. Im Delirium hoffte er oft, dass alles nur ein böser Traum sei, und wenn er aufwachte, würde er zu Hause sein. 

Seine Erinnerungen verschwammen. Dann plötzlich fühlte er, wie der Schmerz zurück in seinen Körper kroch. Einige Verletzungen waren noch frisch, er war erst wenige Stunden zuvor gefoltert worden. Andere Wunden waren schon älter und eitrig. Doch die schlimmen Schmerzen lenkten ihn ab von den Gedanken daran, ob seine Frau oder seine Mutter missbraucht wurden - so wie man es angedroht hatte, obwohl er ein ungelesenes Geständnis unterschrieben hatte. Lag seine Familie womöglich tot unter den Trümmern der zerbombten Häuser? Er schluchzte in sein Kopfkissen. Allerdings leise. Denn ein leiser Ton konnte bereits eine schlimme Strafe nach sich ziehen. 

Mizyed Khalid Tahad, Gefangener Nummer 72, hat 365 solcher Nächte überstehen müssen.

Ein Leben im Tag von Tahad

Der Tag begann meist damit, dass die Gefängniswärter alle Häftlinge anbrüllten. Sobald ein Soldat die Zelle betrat, mussten alle Insassen von ihren Betten springen, sich mit dem Gesicht zur Wand stellen, ihre T-Shirts über die Köpfe ziehen und nach unten gucken. Tahad konnte dann immer nur noch Schatten sehen, die sich überlagerten.

"Sprich, du Bastard! Wer ist der Präsident Syriens, wer ist dein Gott?", schrien die Wächter. "Baschar al-Assad, lang lebe unser Präsident", erwiderten dann alle Gefangenen einstimmig.

Folteropfer Mizyed Khalid Tahad mit seinen Kindern; Foto: Anchal Vohal/DW
Das Grauen der Tortur in Assads Folter-Kellern: "Sie haben mir drei Mal am Tag Elektroschocks verpasst. Einmal ist dabei sogar mein Zehnagel rausgesprungen, so heftig war der Stoß", erinnert sich Mizyed Khalid Tahad. Mit seiner Freilassung rechnete er nicht mehr.

Erst wenn der Soldat ein bisschen Brot auf den Boden warf, durften sich alle umdrehen und in die Hocke gehen. Drei Gefangene teilten sich ein Brot, und jeder bekam einige Löffel Joghurt. Das war's. Es herrschte Routine in Assads Folterkammern. Mahlzeiten gingen meistens einher mit Prügelstrafen. Dieses Prozedere nannte man dann euphemistisch "Verhöre".

Stundenlang wurden Gefangene an den Handgelenken aufgehängt, ihre Körper wurden in Gummireifen gequetscht, dazu kamen unzählige Schläge mit der Peitsche: Das waren die gängigsten Foltermethoden.

Baschar al-Assad und das Erbe seines Vaters

Die Folterpraxis in Syrien hat eine lange Tradition. Nach Angaben von Amnesty International hat Baschar al-Assads Vater Hafez bereits zu seiner Zeit 35 verschiedene Foltermethoden anwenden lassen. Assad Senior soll einige dieser Methoden von Nazi-Verbrecher Alois Brunner gelernt haben. Brunner war im Zweiten Weltkrieg mitverantwortlich gewesen für die Deportation von Hundertausenden Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager. 1954 gelang es ihm, unter falschem Namen nach Syrien zu fliehen, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Nummer 72 wusste, dass es keine Hilfe für ihn geben würde. Er war nur einer von Tausenden Gefangenen. Repression gehörte zum Alltag, und die Bewohner von Homs, so wie Mizyed Khalid Tahad, mussten sich der Herrschaft des Regimes beugen. Er war einer von denen, die zu Beginn der Aufstände in Syrien auf die Straße gegangen waren und Reformen gefordert hatten. Die Proteste zogen den Zorn des Regimes auf sich.

Nazi-Verbrecher Alois Brunner; Foto: picture-alliance/dpa
In die Schule von NS-Verbrecher Alois Brunner gegangen: Der frühere syrische Diktator Hafez al-Assad soll von dem nach dem Zweiten Weltkrieg in Syrien untergetauchten Brunner zahlreiche Foltermethoden gelernt haben. Alois Brunner war einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher, er soll 2009 oder 2010 in Syrien gestorben sein. Er war enger Mitarbeiter Adolf Eichmanns und nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Zentrums für die Deportation von 128.500 Juden aus Österreich, Griechenland, Frankreich und der Slowakei verantwortlich.

Einer der Schergen ist Jamil Hassan, Chef des syrischen Luftwaffengeheimdienstes und einer der engsten Berater Assads. Der mächtige Geheimdienstchef soll dafür verantwortlich sein, dass seit 2011 Hunderte Menschen in syrischen Gefängnissen gefoltert wurden. In einem Interview 2016 sagte er, er hätte die Opposition gerne mit noch heftigeren Methoden in die Knie gezwungen. Hassan spielt auf das Massaker von Hama an. Das war 1982, als die syrische Armee die als Hochburg der Muslimbruderschaft bekannte Stadt angriff, um einen aufflammenden Aufstand der Muslimbrüder niederzuschlagen. 

Mizyed Khalid Tahad kann sich an die Ereignisse von 1982 nicht erinnern. Doch er lernte die Rücksichtslosigkeit von Baschar al-Assad kennen: Bilder von jungen verstümmelten Menschen aus Daraa waren im Fernsehen zu sehen. Die Menschen wurden gefoltert, weil sie regimekritische Graffiti an die Wand gesprüht hatten.

Mizyed Khalid Tahad hatte sich damals einer Gruppe angeschlossen, die ihren Stadtteil Baba Amr vor dem Regime beschützen wollten. Er versichert, er habe nie eine Waffe getragen oder auch nur angefasst. Auch habe er der damaligen "Freien Syrischen Armee" nur bei ihren humanitären Aktionen geholfen.

Dann erlebte auch Baba Amr die ersten Bombardements. Ein Schrapnell durchbohrte sein Auge, seither ist er fast blind. Auf dem Weg ins Krankenhaus stoppten zwei Soldaten den Wagen: "Wisst ihr nicht, dass es gefährlich ist, in Zeiten wie diesen auf der Straße herumzufahren?", sagten sie und lachten. Es war ihre Art, Witze über Verletzte zu machen.

Ein ewiger Albtraum

Dann haben sie ihn ins Saydnaya-Gefängnis gebracht, eines der Folterzentren des gefürchteten General Hassan. Und damit begann die Tortur: "Sie haben mir drei Mal am Tag Elektroschocks verpasst. Einmal ist dabei sogar mein Zehnagel rausgesprungen, so heftig war der Stoß", erinnert sich Mizyed Khalid Tahad.

Dann, es war ein Freitag im Februar 2013, durfte er duschen und bekam neue Kleidung. Er spürte ein kurzes Gefühl der Erleichterung, denn er konnte sich den Geruch und das Gefühl der Folter vom Körper waschen. Selbst wenn sie ihn an diesem Tag töten würden, dachte er, habe er zumindest für einen Tag seinen Stolz zurückerlangt.

Er verstand zuerst nicht, warum sie ihn an diesem Tag hatten gehen lassen. Aber all seine Qualen endeten abrupt. Später erfuhr er, dass er wahrscheinlich Teil eines Gefangenenaustausch war, den der Ältestenrat in Homs mit dem Regime verhandelt hatte.

Mit vielen anderen Syrern haben er und seine Familie sich dann auf den Weg in den Libanon gemacht. Dort leben sie jetzt in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene. Fünf Jahre später sind seine Wunden zwar verheilt, aber die Narben noch klar zu erkennen. Mizyed Khalid Tahad sagt, sie hätten ihm seine Würde geraubt, derzeit müssten die meisten Täter noch nicht einmal einen Prozess fürchten. Russland und China haben im UN-Sicherheitsrat eine internationale Strafverfolgung syrischer Kriegsverbrecher verhindert.

Deutschland lässt jetzt per internationalen Haftbefehl nach dem gefürchteten Jamil Hassan suchen. Für Mizyed Khalid Tahad ist das allerdings nicht mehr als eine Geste: "Sie werden leider nichts damit erreichen", sagt er. "Können Sie etwa so einfach nach Syrien gehen und Hassan oder Assad festnehmen?"

Der ehemalige Gefangene Nr. 72 hat längst den Glauben daran verloren, dass irgendeiner der Verbrecher, die ihn und Tausende andere Syrer gefoltert haben, jemals bestraft werden. "Der Westen hätte dafür sorgen können, dass Assad nicht mehr in Syrien regiert, aber es war ihnen einfach egal", erklärt er.

Anchal Vohra

© Deutsche Welle 2018

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