"Vor zwanzig Jahren habe ich mein erstes Haus verloren, damals habe ich als Fischer gearbeitet", erzählt Jahangir Alam, "dann, drei Jahre später, hat der Fluss mein zweites Haus weggespült, und vor sieben Monaten schließlich mein drittes". Schon auf Bhola hatte er nach dem Verlust des zweiten Hauses angefangen, sein Geld mit einer Fahrradrikscha zu verdienen. Auch in Dhaka tritt er in die Pedale, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften.
Folgen des Klimawandels in Bangladesch

Last Exit Dhaka

Der Klimawandel führt zu mehr Binnenmigration in Bangladesch, denn das Land liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Mit 160 Millionen Einwohnern ist es der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Die Geschichte des ehemaligen Fischers Jahangir Alam, der heute in Dhaka als Rikscha-Fahrer lebt, steht exemplarisch für viele, die um ihre Existenz kämpfen. Von Dominik Müller

Bangladesch befindet sich einer der Weltregionen, die am heftigsten vom Klimawandel betroffen sind: Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht große Teile der Küstenregionen im Süden. Zyklone berauben in immer kürzeren Abständen hunderttausende Menschen ihrer Existenz. Im Norden sind die alten Bauernregeln außer Kraft gesetzt.

Über die Hälfte der Bewohner Bangladeschs lebt von der Landwirtschaft und niemand kann mehr einschätzen, wann Monsunregen und Überschwemmungen kommen, wie lange sie bleiben und wie stark sie sein werden. Die Bevölkerung hat kaum etwas zur Klimaerhitzung beigetragen: Der Pro-Kopf-Ausstoß von CO² beträgt weniger als 0,5 Tonnen pro Jahr, in Westeuropa sind es 15, in den USA gar 20 Tonnen.

Die Auswirkungen der Klimaerhitzung sind ein wichtiger Faktor für die Binnenmigration. Viele zieht es in die Hauptstadt Dhaka, weil sie dort ein neues Leben anfangen wollen: In der Textilindustrie, auf Baustellen, als Müllsammler oder Rikscha-Fahrer. Nach offiziellen Angaben ziehen täglich 2000 Menschen zu. Dabei platzt die 14-Millionen-Metropole schon jetzt aus allen Nähten.

Zum Freitagsgebet etwa fassen selbst die vielen hundert Moscheen Dhakas nicht alle Gläubigen. Deshalb wird gegen Mittag die Mirpur-Road, eine der wichtigsten Hauptstraßen, einspurig gesperrt. In langen Reihen knien dann die Gläubigen auf ihren Teppichen, beschallt von großen Lautsprechern, und verrichten ihr Gebet auf der Straße. 

Moschee in der Mirpur Road in Dhaka. Foto: Dominik Muller
Binnenmigration, ausgelöst durch den Klimawandel: Viele zieht es in die Hauptstadt Dhaka, weil sie dort ein neues Leben anfangen wollen: In der Textilindustrie, auf Baustellen, als Müllsammler oder Rikscha-Fahrer. Nach offiziellen Angaben ziehen täglich 2000 Menschen zu. Dabei platzt die 14-Millionen-Metropole schon jetzt aus allen Nähten. Zum Freitagsgebet etwa fassen selbst die vielen hundert Moscheen Dhakas nicht alle Gläubigen. Deshalb wird gegen Mittag die Mirpur-Road, eine der wichtigsten Hauptstraßen, einspurig gesperrt.

Wenn um fünf Uhr morgens der Muezzin ruft, erwacht die zwölf Millionen-Einwohner-Stadt zu hektischem Leben. Es ist auch das Ende der Nachtruhe für die vielen Obdachlosen, die sich an Straßenrändern und Nischen erst gegen Mitternacht zum Schlafen legen können, weil tagsüber dort kein Platz ist. Flink packen sie ihr bescheidenes Hab und Gut zusammen, oft nicht mehr als eine Decke, ein paar Blechtöpfe oder ein Werkzeug, dass sie als Tagelöhner auf einer der unzähligen Baustellen benötigen.

Viele Neuankömmlinge sind darunter. Sie haben noch keine Bleibe im Süden Dhakas gefunden, wo sich die meisten Slums befinden. Die Armenviertel südlich des Buriganga Flusses, der die Stadt in zwei Hälften teilt, nennen die Bewohner Dhakas auch "Asien".

Leben im Slum

Jahangir Alam lebt in Muhammadpur, einem Stadtteil im westlichen Zentrum Dhakas, also in „Asien“. Je weiter man sich dem Buriganga-Fluss mit seinem stinkenden schwarzen Wasser nähert, um so ärmlicher sind die Behausungen. Bosila ist der Name des Slum-Clusters, in dem außer Jahangir Alam und seiner Frau Farida noch etwa 500 Familien leben. Die wohlhabenderen Quartiere im Norden nennen sie "Europa". Die Hochhäuser dort sind massiv gebaut, viele haben einen Aufzug und einen großen Parkplatz im Untergeschoss. Als besonderes Statussymbol gelten große Geländewagen mit Vierradantrieb.

Jahangir Alam und Farida sind Neuankömmlinge und haben es immerhin besser getroffen als diejenigen, die auf Gehsteigen und an Straßenrändern übernachten müssen. Aber im Gegensatz zu den anderen Hütten des Slums, die zum Schutz vor dem alljährlichen Hochwasser auf Holzstelzen stehen, hausen die beiden auf einer Sechs-Quadratmeter-Fläche direkt am Boden, die nur notdürftig mit einer Plastikplane überdacht ist. Ihre Habe besteht aus ein paar Decken, zwei Plastikeimern für den Wasservorrat, einem Korb und einigen Blechbehältern.

Ihre zwölfjährige Tochter haben sie nach Gazipur, einer Stadt nördlich von Dhaka, verheiratet, denn sie finden, dass ihre neue Bleibe für das Mädchen zu gefährlich ist. Weil das Geld nicht ausreicht, haben sie die beiden jüngeren Söhne zum Arbeiten geschickt: Der eine hat auf einer großen Fähre als Hilfskraft angeheuert, der andere in einem Gemüseladen in Gazipur. Geld verdienen sie dort nicht, bekommen aber freie Kost und Logis. Nur alle drei bis vier Monate haben Farida und Jahangir Alam Gelegenheit, ihre Kinder zu sehen. In ihrer alten Heimat auf der Halbinsel Bhola im Mündungsdelta des gigantischen Meghna-Flusses gingen die Kinder zur Schule und lebten bei ihren Eltern.

"Vor zwanzig Jahren habe ich mein erstes Haus verloren, damals habe ich als Fischer gearbeitet", erzählt Jahangir Alam, "dann, drei Jahre später, hat der Fluss mein zweites Haus weggespült, und vor sieben Monaten schließlich mein drittes". Schon auf Bhola hatte er nach dem Verlust des zweiten Hauses angefangen, sein Geld mit einer Fahrradrikscha zu verdienen. Auch in Dhaka tritt er in die Pedale, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

Staub, Smog und Schweiß

Das ist harte Arbeit: Die dreirädrigen Gefährte haben eine Lade- oder Sitzfläche. Eigentlich sind sie für zwei Passagiere gedacht, aber manchmal fahren ganze Familien mit einer Rikscha. Dann muss der hagere Jahangir Alam sich regelrecht verausgaben, um vorwärts zu kommen. Zwar verdient er mit seiner Arbeit in Dhaka etwas mehr als auf der Halbinsel, aber das Leben ist auch viel teurer.

"In Dhaka muss man alles kaufen, z.B. Wasser, aber in Bhola musste man nichts bezahlen, weder für Wasser, noch für das Land, auf dem man lebte; fast alles war kostenlos", erinnert sich Alam. Die vielen Menschen und die Enge Dhakas sind ihm unbehaglich, genauso wie die langen Wege über staubige Straßen und durch dichten Smog. "Um zu dem Stadtteil zu kommen, wo ich arbeite, brauche ich manchmal zwei Stunden". Im Sommer ist es oft unerträglich heiß, es weht keine frische Meeresbrise wie auf der Halbinsel. "Wenn ich die Rikscha trete, schwitze ich wie verrückt - das ist mir auf Bhola nie passiert", so Alam.

Slum-Siedlung in Dhaka, Bangladesch. Foto: Dominik Muller
Dhaka, eine geteilte Stadt: Die Slumviertel südlich des stinkenden, schwarzen Buriganga-Flusses werden von den Bewohnern Dhakas als "Asien" bezeichnet, die wohlhabenderen Quartiere im Norden als "Europa". Die Hochhäuser dort sind massiv gebaut, viele haben einen Aufzug und einen großen Parkplatz im Untergeschoss. Als besonderes Statussymbol gelten große Geländewagen mit Vierradantrieb – genau das Richtige für ein Verkehrssystem, das auf Autos ausgelegt ist, obwohl 80 Prozent der Stadtbewohner zu Fuß oder mit der Rikscha unterwegs sind.

Intimsphäre gibt es im Slum nicht. Die nächsten Latrinen sind einen halben Kilometer entfernt. "Tagsüber ist das vor allem für meine Frau ein Problem, nachts gehen wir einfach raus und verrichten unser Geschäft", sagt Alam. Mitten in Bosila brummt ein Kraftwerk, aber der Strom versorgt nur die weiter entfernt gelegenen Gebäudekomplexe der Mittelschicht.

Im Slum läuft alles über Batterie, manchmal auch über kleine Generatoren. Für seine kleine Hütte muss Jahangir Alam monatlich ein Drittel seines Verdienstes für Miete sowie für die Benutzung des ein Kilometer entfernten Brunnens und der Latrinen bezahlen. Aber dieser Platz ist bedroht. "Der Landbesitzer will hier Häuser bauen, dann müssen wir unsere kleine Hütte räumen".

Autos haben Vorfahrt

Manchmal geht Jahangir Alam in die Teestube an der Hauptstraße. Ununterbrochen läuft hier ein Fernseher, der immer wieder von den lauten Motoren der vorbeifahrenden LKWs übertönt wird. Wenn er sich hier mit Nachbarn und Kollegen unterhalten will, müssen sie sich fast anschreien, um die ohrenbetäubende Geräuschkulisse zu übertönen.

"Es gibt immer mehr Autos und Busse in Dhaka, sie verstopfen die Straßen", beschwert sich Alam. Bisweilen würden die "Herren der Straße" auch handgreiflich. "Wenn die Autofahrer denken, wir hätten etwas falsch gemacht – zum Beispiel zu spät ein Zeichen gesetzt, steigen sie manchmal aus und verprügeln uns." Alam fürchtet Schlimmes: "Bald wird Dhaka so voll mit Autos sein, dass es für uns Rikscha-Fahrer gar keinen Platz mehr gibt."

Unberechtigt ist seine Sorge nicht: Bereits seit Ende der 1990er Jahre fördert unter anderem die Weltbank Projekte zur Entwicklung des Verkehrssystems in Dhaka. Obwohl 80 Prozent der Bewohner sich zu Fuß oder per Fahrradrikscha in der Stadt bewegen, soll der Verkehr autogerecht ausgebaut werden. Ausgerechnet für die umweltfreundlichen Rikschas wurde auf wichtigen Hauptstraßen Dhakas ein Fahrverbot verhängt.

 

Die Folge: Neben einer stärkeren Umweltbelastung durch Abgase ist das durchschnittliche Einkommen für Rikscha-Fahrer um mehr als 30 Prozent gesunken. "No fuel and many jobs: Sustainable Transport – kein Benzin und viele Arbeitsplätze: Das ist nachhaltiger Transport" lautet das Motto, mit dem eine Nichtregierungsorganisation die Rikscha-Fahrer rehabilitieren will. Aussicht auf Erfolg hat diese Initiative kaum, denn die Lobby der wohlhabenden Autofahrer, die Konsumversprechen der Werbeindustrie und die Gewinnerwartungen der Autokonzerne bestimmen die Politik.

Vor der Behausung von Jahangir Alam und seiner Frau Farida schnattern ein paar Gänse. Kinder spielen und schreien, ein Nachbar zerhackt ein altes Möbelstück, um es zu verfeuern. Es riecht nach behandeltem Holz und verbranntem Plastik. Jahangir Alam sehnt sich nach seinem alten Zuhause zurück. Obwohl er weder lesen noch schreiben kann, weiß er, wer an seiner Odyssee schuld ist.

"Wegen der Industrie und der vielen Autos wird das Klima heißer, deshalb wird die Strömung stärker, deshalb verschwindet unser Land", so Alam. Er will wieder zu seinen Verwandten und Freunden nach Bhola zurück. "Wir wollten dieses Opfer nicht auf uns nehmen, wir wollten auf unserer Insel bleiben."

Für Jahangir Alam und viele andere ist Dhaka eine Endstation. Die Odyssee fortzusetzen, etwa mit einer Flucht ins nahegelegene Indien, ist im Vergleich zu früher lebensgefährlich geworden. Denn die indischen Grenzbeamten schießen scharf, wenn sie jemanden sehen, der über die grüne Grenze will. Außerdem hat die indische Regierung seit einigen Jahren die Zäune unter Starkstrom stellen lassen. "An der Grenze erschossen", heißt es regelmäßig in den Zeitungen Bangladeschs. Es passiert so häufig, dass es den Redaktionen meistens nur noch eine Kurzmeldung wert ist.

Dominik Müller

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