Flutkatastrophe in Asien

Mangelnde muslimische Unterstützung

Während die Jahrhundertflut eine Welle der Spenden- und Rettungsbereitschaft in vielen Teilen der Welt ausgelöst hat, hält sich die islamische Staatengemeinschaft auffällig zurück, kritisiert Khaled Hroub.

Foto: AP
Mitarbeiter des Roten Kreuzes verladen Hilfsgüter für die Opfer der Flutkatastrophe auf Sri Lanka.

​​Das Erdbeben und die Flutwellen (Tsunami), die weite Teile der Küsten Indonesiens, Sri Lankas, Indiens und Thailands verwüsteten, waren so furchtbar, dass man den Schrecken der Katastrophe und die ungeheure Anzahl unschuldiger Opfer kaum in Worte fassen kann.

Und diese Katastrophe wirft erneut Fragen auf, die nur schwer zu beantworten sind: Warum trifft das Unglück ausgerechnet Millionen armer Menschen, deren Armut durch die Katastrophe noch vergrößert wird?

Die wichtigste und absolut lähmende Frage aber ist die nach unseren menschlichen Möglichkeiten, mit einer solchen Katastrophe umzugehen und die bestialische Natur zu zähmen, die in einem einzigen Augenblick und ohne Vorwarnung zugeschlagen hat.

Westliche Hilfe und Berichterstattung

In den westlichen Staaten gibt es großartige gesellschaftliche Anstrengungen zu spenden – unabhängig von Zusagen der Regierungen und politischen Erwägungen.

Es gibt hunderte, wenn nicht sogar tausende Freiwillige, die entweder bereits in die Region gefahren sind oder sich noch auf dem Weg dorthin befinden, um dort ihre Hilfe anzubieten.

Niemand achtete auf die Hautfarbe, die Nationalität oder die Religion der Opfer (und so sollte es auch sein), da das Ausmaß der Tragödie jeder Beschreibung trotzte.

Gleichzeitig ist die westliche Berichterstattung über die Katastrophe, insbesondere auf den großen Fernsehkanälen - wie CNN, BBC World oder Sky News - dem Ereignis angemessen. Es gab nicht nur ein paar Schlagzeilen, sondern es wurde rund um die Uhr über die Katastrophe berichtet.

Mehr noch, diese Kanäle führten eine weltweite Spendenkampagne durch, bei der die Telefonnummern der Hilfsorganisationen stets auf dem Bildschirm eingeblendet wurden. Auch auf den Websites der jeweiligen Sender wurden die Kontonummern dieser Organisationen veröffentlicht (allein auf CNN waren es mehr als dreißig Organisationen).

Von China über Afrika bis Europa, Nord- und Südamerika verfolgt man täglich mit Anteilnahme die Rettungsbemühungen, die Spendenkampagnen und den Wiederaufbau in den zerstörten Regionen.

Ein kleines Beispiel für die große Hilfsbereitschaft ist etwa die Spende von mehr als 30.000 Dollar aus dem tschetschenischen Beslan, wo im letzten Jahr in einer Grundschule ein Massaker stattfand, dem viele unschuldige Kinder zum Opfer fielen.

Kaum Resonanz in der arabischen Welt

Im Gegensatz dazu ist die arabische Anteilnahme an der Katastrophe recht zurückhaltend, die Solidarität auf gesellschaftlicher Ebene war kaum existent.

Die Medien in der arabischen Welt räumten der Katastrophe nur einen bescheidenen Raum ein – ein Raum der nicht angemessen war. Außerdem schickten sie nur die allernötigste Anzahl an Korrespondenten in das Krisengebiet - ganz so, als würde sich das alles auf einem anderen Planeten abspielen.

Unsere wichtigsten Satellitenkanäle beschäftigten sich stattdessen mit den Details der Ereignisse des vergangenen Jahres, betrachteten die syrisch-libanesischen Beziehungen oder den Terror von al-Qaida.

Wie können unsere Medien international mit CNN konkurrieren, wenn sie sich mit regionalen und sehr speziellen Themen befassen, während auf menschlicher Ebene etwas geschieht, was als das Schlimmste seiner Art in der Geschichte der Menschheit beschrieben wird, während die größte und wichtigste Hilfs- und Rettungsaktion anläuft, diese Medien aber zögern, darüber zu berichten?

Gleichzeitig gab es nur ganz wenige islamische und arabische Wohltätigkeitsorganisationen, die ihre Hilfe anboten und Spendenaktionen durchführten. Es gibt sogar einen unglaublich dreisten Spruch, den man sich nicht nur zuflüstert, welcher besagt, dass die Menschen in der Region keine Muslime seien und dass Muslime bei Spendenzuweisungen Vorrang hätten.

Zynismus und neuer Rassismus?

Dies ist ein neuer Rassismus in der Wohltätigkeitsarbeit, der den armen Nicht-Muslim von der Hilfe ausschließt. Es bestraft ihn für etwas, was nicht in seiner Entscheidung lag. Aber schlimmer als das ist noch, was einige Freitagsprediger verkünden, nämlich dass das, was geschehen ist, Ausdruck des himmlischen Zorns über jenes Volk sei - und darin liegt ein erbärmliches Maß an Schadenfreude.

Welches Volk und welcher Zorn und warum? Und wenn hinter jeder Naturkatastrophe ein himmlischer Zorn steckt, bedeutet das, dass die Bevölkerung Irans, Algeriens, von Bangladesch, Pakistans und der Türkei, die in den letzten Jahren von Erdbeben- oder Flutkatastrophen heimgesucht worden waren, den Zorn des Himmels auf sich gezogen haben, weil sie diesen Zorn verdienen? Und sind die restlichen Bevölkerungen der islamischen Länder auf dem rechten Weg und verdienen diesen Zorn nicht?

Und wenn diese abwegige Logik richtig ist, bedeutet das, dass die Bevölkerungen der Vereinigten Staaten und Europas am meisten Gottes Wohlgefallen genießen, weil sie weniger unter Naturkatastrophen zu leiden haben! Mit dieser kranken Logik werden unsere menschlichen Gefühle eingefroren und in rassistische Bahnen gelenkt.

Wenn die Konvois der islamischen Hilfsorganisationen in die buddhistischen Regionen in Sri Lanka kommen, wenn die Medikamente aus den islamischen Ländern zu den verwundeten Hindus und Sikhs gelangen, genauso wie sie zu den von Katastrophen betroffenen muslimischen Regionen gelangen, dann sind wir mit unserer Menschlichkeit versöhnt.

In diesem Zusammenhang entbindet uns auch nicht die Tatsache davon, dass wir Opfer einer anderen Art von Verbrechen sind - seien sie beispielsweise politischer oder kolonialistischer Art.

Wie großartig wäre es, wenn wir zum Beispiel voller Bewunderung auf den Fernsehschirmen einen palästinensischen Hilfskonvoi sehen könnten, der die Spenden der Palästinenser für ihre hilfsbedürftigen Brüder transportiert. Solange dies noch möglich ist, haben wir noch Hoffnung.

© Khaled Hroub

Übersetzung aus dem Arabischen: Larissa Bender

Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile haben einige arabische Staaten (u.a. Saudi-Arabien, Jemen) und Fernsehstationen (Dubai, al-Jazeera) begonnen, Spenden unter der Bevölkerung zu sammeln.

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