Der SPD-Politiker Castellucci, dessen Partei Merkels Politik damals als Juniorpartner mittrug, hat eine Erklärung der Kanzlerin vermisst: "Sie hätte... zwingend sagen müssen, wie wir es schaffen können und wer dabei was zu schaffen hat. Darüber hätte es dann gesellschaftliche Diskussionen geben müssen. Das hätte uns vielleicht erspart, dass Befürworter und Gegner unserer Politik sich so unversöhnlich gegenüberstehen und Populisten daraus ihren Profit schlagen."

2015 soll sich "nicht wiederholen"

Die anfängliche Willkommenskultur, die Merkel propagierte, kippte spätestens in der Silvesternacht 2015/16, als Frauen im Bereich des Kölner Hauptbahnhofs von Migranten bedrängt wurden. Schon vorher hatte es zahlreiche fremdenfeindliche Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben. Politisch profitierte die Anti-Asyl-Partei AfD vom Unmut über Merkels Flüchtlingspolitik. Bei vielen Wahlen verzeichnete sie starke Stimmenzuwächse und wurde nach der Bundestagswahl 2017 stärkste Oppositionspartei.

Das Magazin "Time" kürte Merkel 2015 zur "Person des Jahres"; Foto: picture-alliance/AP/Time Magazine
Positives internationales Medienecho im Zuge der „Flüchtlingskrise“: Das Magazin "Time" kürte Angela Merkel 2015 zur „Person des Jahres“. Die „New York Times“ schrieb am 5. September, Deutschland habe den Flüchtlingen "eine offene Hand ausgestreckt". Der Sender Al-Dschasira berichtete, dass „Deutschland seine Türen und Grenzen geöffnet hat für all die, die Zuflucht und einen sicheren Hafen suchen“.

Merkel hat immer zu ihrer Entscheidung von 2015 gestanden, erklärte aber im Dezember 2016 bei einem CDU-Parteitag, eine Situation wie im Spätsommer 2015 "kann, soll und darf sich nicht wiederholen". Dazu wurde die Asylpolitik verschärft. Die Asylbewerberzahlen gingen aber ab 2016 vor allem deswegen zurück, weil die Länder entlang der Balkanroute diesen Weg immer mehr erschwerten. 

Unterschiede noch sichtbar

Wie steht es heute um die Integration der Zugewanderten? Bei der Beschäftigung liegen die Migranten noch deutlich unter dem Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Nur knapp die Hälfte der seit 2013 nach Deutschland zugewanderten Menschen gehen einer Erwerbsarbeit nach, so eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2020. Und der insgesamt positive Trend wird gerade durch die Corona-Pandemie teilweise wieder zunichte gemacht, weil viele Geflüchtete entlassen werden, heißt es in der Studie.

Die Redaktion empfiehlt