Spätestens nach dem Sechstagekrieg, in dem sich die DDR auf die arabische Seite gestellt hatte, wurden die Beziehungen noch enger. Für die DDR ein wichtiger Schritt um aus der damaligen außenpolitischen Isolation auszubrechen.

Originalaufnahmen zeigen einen Staatsbesuch von Hafiz al-Assad, der 1978 unter dem Jubel der Bevölkerung neben Erich Honecker im offenen PKW auch durch die ostdeutsche Provinz fuhr.

Einer der ehemaligen Beschäftigten des Kombinats kann aus jener Zeit sogar noch ein wenig Arabisch. In den 1970er und 1980er Jahren reiste er nach Syrien, in einem Diavortrag zeigt er den jungen Syrern Bilder von seinen Geschäftsreisen. Die Orte und ihre Sehenswürdigkeiten, deren Schönheit er preist, sind längst Symbole der schlimmsten Schlachten eines verheerenden Krieges geworden: Aleppo, Deir az-Zor. "Alles kaputt" kommentieren die Syrer lakonisch. Heimatverlust ist hier ein zentrales Motiv, das auf sehr unterschiedliche Weise alle prägt.

Die Geister der Vergangenheit und der Gegenwart

Aber auch die Geister der Gegenwart sind präsent: "Wir sind das Volk" schallt durch den Kinosaal. Aber schnell wird klar, dass es sich nicht um den freiheitliche Ruf von 1989, sondern das hasserfüllte Schreien von Pegida-Demonstranten handelt.

Auch die jungen Syrer erfahren Rassismus. Am Telefon berichtet einer der Flüchtlinge einem Freund, dass jemand Schweinefleisch in seinen Briefkasten geworfen hat und er rassistisch beleidigt wurde. Für Kunert, der selbst aus Sachsen kommt, war das einer der Ausgangspunkte für den Film: "Woher kommen diese extremen Emotionen, warum gerade hier?"

Die Suche nach den Projektionen von Geschichte und Gegenwart setzt der Regisseur immer wieder bewusst in Szene: mit Filmaufnahmen des Kombinats aus DDR-Zeiten, die über einen alten Projektor flimmern, mit großflächigen Porträts der jungen Syrer, die von einem Beamer auf das heruntergekommene Gebäude geworfen werden, mit den oft grotesk wirkenden DDR-Reenactments und den teils nostalgischen Erinnerungen der Beschäftigten.

Mehrmals lässt Kunert den ehemaligen Chor des Kombinats auftreten. In einer Szene singen sie die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" - mitten in einer Ruine, die symbolisch für den Zerfall und den Untergang des DDR-Systems steht.

Eine Vergangenheit, die noch nicht vergangen ist

Wie sollen sich Flüchtlinge in eine ostdeutsche Gesellschaft integrieren, die selbst noch mit den Geistern der Vergangenheit und den Folgen der Wendejahre ringt? Umso mehr hier, im "Tal der Ahnunglosen"?

"Die Leute sind damals an die Grenze gefahren, haben sich 100 Euro Begrüßungsgeld abgeholt, und sind dann wieder zurück ins Tal der Ahnungslosen. Das Verständnis, was die ostdeutsche Revolution bedeutete, hat hier nie eingesetzt" sagt Kunert. "Es gab auch keinen Integrationskurs in die BRD."

Die heutige Realität in Ost-Deutschland ist bekannt, aber sie zu verstehen ein kompliziertes Unterfangen. Auch Kunert, der hier nach der Wende aufgewachsen ist, liefert keine fertige soziologische Analyse oder abschließende Antworten.

Aber die oft widersprüchlichen und komplexen Gefühle und Erinnerungen der ehemaligen DDR-Bürger und ihre Begegnung mit syrischen Geflüchteten sind spannende Ausgangspunkte für Reflexionen über eine Vergangenheit, die in diesem Teil Deutschlands noch lange nicht vergangen ist.

René Wildangel

© Qantara.de 2019

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