Noch wesentlicher ist, dass massive Kapitalzuflüsse es einer konfessionsgebundenen Elite ermöglicht haben, sich durch Klientelismus und nicht durch Leistung zu etablieren. Diese Eliten haben sowohl den öffentlichen als auch den privaten Sektor geschröpft, um die Macht aufgeblähter Seilschaften wachsen zu lassen. Dieses Arrangement hat zwar eine gewisse politische Stabilität in einer ansonsten chaotischen Region gewährleistet, doch die Grundbedürfnisse der Menschen wurden nicht befriedigt. Sogar die Stromversorgung ist unbeständig und unzuverlässig, während die umfassenderen Herausforderungen in makroökonomischer Hinsicht völlig unbeachtet geblieben sind.

Volkszorn gegen ökonomisches Sektierertum

Die Finanzkrise hat einen politischen Aufstand ausgelöst. Eine revolutionäre Volksbewegung ist auf die Straße gegangen, um gegen das Sektierertum zu protestieren und ein Ende der Korruption zu fordern. Dennoch haben die Reaktionen des Regimes auf die wirtschaftlichen Probleme des Libanon bisher überwiegend die Eliten begünstigt, was darauf hindeutet, dass die Krise auf dem Rücken der Armen und der Mittelschicht „gelöst“ werden könnte, und zwar auf eine Weise, die das politische Sektierertum weiter festigt.

So hat sich der Staat geweigert, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, und überlässt es den einzelnen Banken – zu deren Hauptaktionären auch die regierenden Politiker gehören – zu entscheiden, wie Barabhebungen rationiert werden. Faktisch können die Eliten ihr Kapital somit ins Ausland umschichten, während der Durchschnittsbürger Schwierigkeiten hat, an das Geld auf seinem Konto heranzukommen.

Darüber hinaus hat die Zentralbank die Zinsen für Einlagen, aber noch nicht für die Staatsschulden gesenkt und damit die Gewinne der Banken erhöht. Außerdem hat sie trotz der sinkenden internationalen Reserven ihre Auslandsverschuldung weiter bedient, die hauptsächlich bei den inländischen Banken liegt. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie anfangen könnte, staatliche Vermögenswerte zu Spottpreisen an Unternehmen mit Verbindungen zur Elite zu verkaufen.

Zugang zu billigen Dollars

Der offizielle Wechselkurs wurde unterdessen unangetastet gelassen, was den Eliten Zugang zu billigen Dollars ermöglicht, während der Durchschnittsbürger in der Praxis mit einem rapide fallenden Kurs am freien Markt konfrontiert wird, der inzwischen um 40% gesunken ist. Diese Abwertung wird sich beschleunigen, wenn der Staat beginnt, die heimische Währung Lira zur Deckung der Löhne im öffentlichen Dienst zu drucken.

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