Feministisches Künstlerinnen-Festival

Laut, lauter, Tashweesh!

Beim Tashweesh-Festival des Goethe-Instituts treffen Künstlerinnen und Intellektuelle aus Nordafrika, Europa und dem Nahen Osten aufeinander, um stereotype Geschlechterbilder zu diskutieren. Von Caren Miesenberger

Stimmgewirr, Verkehrslärm, Gesänge der Muezzins. Kairo ist laut – und "Tashweesh" allgegenwärtig. Das Wort bezeichnet auf Arabisch das Hintergrundrauschen bei einem Telefongespräch oder Getöse in einer Menschenmenge.

Beim gleichnamigen Festival des Goethe-Instituts kommen Feministinnen zusammen, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen aus Ländern, in denen Arabisch Amtssprache ist, sowie aus unterschiedlichen europäischen Staaten waren bei der zweiten Tashweesh-Station in Kairo dabei.

Nach dem Auftakt in Brüssel machte das Festival vom 6. bis zum 12. November in der größten Stadt Afrikas die Vielzahl feministischer Stimmen hörbar und bot der Debatte über stereotype Geschlechterbilder eine Plattform. Vom 6. bis zum 8. Dezember findet das Festival in Tunis statt. Ein Mammutprojekt, dessen Vorbereitung zwei Jahre dauerte, wie Johanna Keller, Leiterin des Kulturprogramms am Goethe-Institut Kairo, in ihrer Eröffnungsrede erklärt.

Kritik am Normalzustand

Eine der Feministinnen, die ihre Arbeit präsentieren, ist Salma El Tarzi. Die preisgekrönte Dokumentarfilmerin arbeitet aktuell zu Sexismus im kommerziellen ägyptischen Film. In einer Installation sowie einem Vortrag analysiert die Kairoerin, wie Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe filmisch normalisiert werden und so gesellschaftliche Verhältnisse gleichzeitig spiegeln wie manifestieren.

Salma El Tarzi analysiert Sexismus im ägyptischen Film; Foto: Sabry Khaled
Salma El Tarzi analysiert Sexismus im ägyptischen Film auf dem Tashweesh-Festival. Nach Brüssel machte das Mammutprojekt in Kairo eine Woche lang Station und brachte feministische Positionen zusammen. Derzeit läuft es in Tunis.

Die Vierzigjährige projiziert übergriffige Szenen aus populären Filmen an die Wand. Während der Wiedergabe lachen einige Männer im Publikum. El Tarzi ist darüber sichtlich erzürnt. Sie kommentiert anschließend: "Worüber wir lachen, das sind physische Übergriffe, Vergewaltigungsversuche und Hausfriedensbruch. Wie können wir so etwas sehen und denken, dass es lustig ist? Das ist total normalisiert." Das Publikum applaudiert. Eine performative Art feministischer Vernetzung.

Spoken Word gegen Diskriminierung

Auch auf den Bühnen des Tashweesh-Festivals findet Austausch statt – mit Performances, Gesprächsrunden, Workshops, Konzerten, Lesungen und DJ-Sets. Fast alle Veranstaltungsräume sind brechend voll. Die belgische Performerin Samira Saleh moderiert eine Spoken Word-Veranstaltung, bei der Feministinnen ihre emanzipatorische Kunst auf die Bühne bringen. "Danke, dass ich hier auftreten darf und Kairo mich so warm begrüßt, wie Deutschland es nie getan hat", kommentiert die Berlinerin Mona Moon.

Kolonialismus reproduzierende Verhältnisse werden durch die Einbindung von nicht-weißen Feministinnen aus dem globalen Norden aufgebrochen. So spricht die indische Politikwissenschaftlerin Nikita Dhawan, die an der Universität Innsbruck lehrt und zu den wichtigsten postkolonialen Theoretikerinnen im deutschsprachigen Raum zählt, unter anderem über weißen Feminismus in Deutschland. "Der deutsche Soziologe Beck argumentiert, dass wir alle im selben Boot sitzen. Ich sage: Wir haben vielleicht alle den gleichen Sturm vor uns, sitzen aber nicht im selben Boot." Sie kritisiert die Idee einer vermeintlich globalen Schwesternschaft.

Feministinnen werden laut

Die Malerin Imane Ibrahim ist begeistert: "Für mich als junge ägyptische Künstlerin ist dieses Festival eine große Möglichkeit. Es ist sehr wichtig, mit anderen jungen Leuten aus der arabischen Region und euroarabischen Leuten zusammenzukommen." Sie hat sich auf den Open Call beworben, der für Künstlerinnen, Aktivistinnen und Akademikerinnen aus dem gesamten arabischen Raum ausgeschrieben war.

"Gerade habe ich zwei andere ägyptische Künstlerinnen kennengelernt, die ich vorher noch nicht kannte. Wir vernetzen uns also nicht nur international, sondern auch auf lokaler Ebene. Das ist großartig!", fährt die 28-Jährige fort. Die Feministinnen werden immer lauter, vom Tashweesh weg zum Megafon.

Caren Miesenberger

© Goethe-Institut 2018

„Tashweesh“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut Brüssel, dem Goethe-Institut Kairo und der Beursschouwburg. Unterstützt wird das Projekt durch die Flämische Gemeinschaftskommission (VGC), die Hauptstadtregion Brüssel, das Missy Magazine sowie zahlreiche lokale Partnerinnen und Partner aus Belgien und aus den arabischsprachigen Ländern. 

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