Feminismus in der islamischen Welt

Neue Gender-Diskussion und -Praxis

In ihrem neuen Buch untersucht Margot Badran, wie muslimische Akademikerinnen den Islam als maßgebliches Instrument für die Gleichberechtigung der Frauen interpretieren. Yoginder Sikand stellt es vor.

​​Der "Status der Frau im Islam" ist ein viel diskutiertes Thema, über das sowohl von Islam-kritischer Seite wie auch von Verteidigern des Islam viel geschrieben wurde. Was in den meisten dieser Diskussionen jedoch fehlt, sind die Stimmen gläubiger islamischer Frauen, die ebenso engagiert an die Gleichberechtigung der Geschlechter glauben, weil diese ihrer Meinung nach durch den Islam vorgegeben wird.

Margot Badran legt den Fokus ihres Buches genau auf dieses sehr vernachlässigte, aber ausgesprochen lebendige Thema. Badran ist Expertin für Nahost-Geschichte und islamische Gesellschaften ebenso wie für Gender Studies.

Die diplomierte Arabistin und Islamwissenschaftlerin (Diplom der Al Azhar Universität Kairo) promovierte in Nahost-Geschichte an der Universität von Oxford. Zu Hause ist sie sowohl in den USA wie in Ägypten.

Sensibilität gegenüber islamischer Traditionen

Die Autorin bringt die Sensibilität für islamische Tradition und Geschichte mit, die vielen ihrer nicht-muslimischen Autorenkollegen fehlt. Doch Badran engagiert sich auch leidenschaftlich in der Diskussion um die Geschlechtergleichstellung als globales Thema, und ist dabei differenziert genug, die Argumente dem jeweiligen Kulturkreis anzupassen.

Badrans Buch basiert auf den auf jahrelangen Reisen gesammelten Erfahrungen und Begegnungen der Autorin mit verschiedenen muslimischen Gemeinschaften.

Sie führt uns durch Indien, Nigeria, die Türkei, Bulgarien, Bosnien, Tadschikistan, Ägypten, Marokko und den Sudan, ebenso wie durch verschiedene westliche Länder. Sie zeichnet ihre Gespräche mit anderen muslimischen Aktivistinnen auf, die sich zwar nicht alle als Feministinnen sehen, die aber alle den Islam für ihre Argumentation zum Thema Geschlechtergleichstellung nutzen.

Dieser Rahmen, so Badran, sei für die Situation vieler Frauen in islamischen Gesellschaftsstrukturen passender und nachvollziehbarer, als die säkularen westlichen Argumentationen.

In Gottes Augen gleichberechtigt

Die Autorin zeigt interessante Beispiele auf, wie Frauen vom Islam gestützte Argumente nutzen, um ihr Anliegen voran zu treiben. Sie betrachtet neuere Exegesen des Korans, die von Frauen vorgelegt wurden, und die Hadithe, um zu zeigen, mit welchen Mitteln diese Frauen das muslimische Patriarchat mit seinen eigenen Argumenten schlägt. Beispielsweise zeigt sie auf, dass im Koran unmissverständlich zu lesen sei, dass Männer und Frauen in Gottes Auge gleich sind.

Das Argument vieler konservativer männlicher Korangelehrter, dass der Mann als Zwischeninstanz zwischen Gott und der Frau steht, fällt laut weiblicher Islam-Gelehrter unter die Todsünde des "Shirk", des Gleichstellens mit Gott.

Diese muslimischen Feministinnen interpretieren gezielt diejenigen Stellen im Koran und in den Hadithen neu, die von den Verfechtern des Patriarchats stets herangezogen werden, um die männliche Überlegenheit zu begründen. Sie bieten neue, frauenfreundliche Lesarten der heiligen Texte an.

Der Geist des Gesetzes

Einige erschaffen ihre eigene Form des unabhängigen Argumentierens und unterscheiden zwischen dem geschriebenen Wort und dem, was sie den "Geist des Gesetzes" oder die eigentliche Absicht des Gesetzes nennen.

So beleben sie die Tradition der maqasid e-sharia (Absichten der Shari’ah),die, obgleich in den Schulen der Ulama derzeit eher eine untergeordnete Rolle spielend, unerlässlich für das Verständnis und die Zusammenhänge von Gesetzen sind, auch den, die das Recht der Frauen betreffen.

Einige andere beschränken sich darauf, die Authentizität verschiedener Traditionen der Hadithe in Frage zu stellen, die ihrer Meinung nach an der Intention der Texte vorbei gehen.

Margot Badran; Foto: www.womenstudies.wisc.edu
Margot Badran: Die diplomierte Arabistin und Islamwissenschaftlerin promovierte in Nahost-Geschichte an der Universität von Oxford

​​Badran zeigt also auf, dass die Anzahl der muslimischen Feministinnen, die den Islam als Basis für ihre Argumentationen begreifen, stetig wächst. Sie berichtet, wie Konferenzen, Frauenmagazine und besonders das Internet dazu beitragen, diesen Gender-Diskurs zu einem öffentlichen Thema in der islamischen Welt zu machen und diese Frauen in den verschiedenen Erdteilen miteinander zu verbinden.

Frauen als führende religiöse Autoritäten

In gewisser Weise, so Badran, erlebe man hier eine Art Wiederbelebung der Situation zu Zeiten des Propheten Muhammad, als viele Frauen – auch Frauen des Propheten selbst – zu den führenden Denkern und religiösen Führern der Zeit gehörten.

Diese Generation heranwachsender muslimischer Akademikerinnen und Gender-Kämpferinnen wird, so Badran, großen Einfluss sowohl auf die Frauen in islamischen wie auch westlichen Ländern haben. Sie wird an fundamentalen Veränderungen in den muslimischen Gesellschaften beteiligt sein, wird den Stimmen der Frauen Gehör verschaffen, weil es das ist, was der Islam verlangt.

Badran wirft auch einen Blick darauf, wie diese Gender-Diskussionen bereits innerhalb muslimischer Gesellschaften Wirkung gezeigt haben und beweist, dass es sich hier nicht nur um leere Worte handelt.

Vielfalt von Identitäten muslimischer Frauen

Dennoch versäumt es die Autorin, zu zeigen, wie die Positionen dieser Feministinnen auf die traditionelle Ulama wirken. Zudem lässt sie außer Acht, dass andere Punkte als die bloße Gender-Diskussion viele Frauen in islamischen Ländern spalten – wie zum Beispiel Klassenzugehörigkeit, religiöse Ausrichtung, Nationalität usw. – und die Diskussion so auch zu einer über Ökonomie, Soziologie und Politik wird.

Natürlich kann der Kampf um Gleichberechtigung nicht losgelöst vom allgemeinen Zustand des Rechts innerhalb einer Gesellschaft, eines Landes oder der Weltbevölkerung gesehen werden.

Dennoch ist dieses Buch ein willkommener Beitrag zur Debatte um die Frau in der islamischen Welt, der nicht zuletzt aufzeigt, dass sowohl anti-islamische Hardliner wie auch ultrakonservative Verfechter des muslimischen Patriarchats dieselbe Meinung über muslimische Frauen teilen.

Yoginder Sikand

Aus dem Englischen von Rasha Khayat

© Qantara.de 2007

Margot Badran: Feminism beyond East and West – New Gender Talk and Practice in Global Islam. Global Media Publications, New Delhi 2007, 180 S.

Qantara.de

Interview Margot Badran:
"Islamischer Feminismus ist ein weltweiter Diskurs"
Die Historikerin Margot Badran konzentriert sich als Spezialistin für Gender Studies auf den Nahen Osten und die islamische Welt. Im Interview mit Yoginder Sikand spricht sie über islamischen Feminismus und die Rolle der Frau im Islam.

Dossier: Feministischer Islam
Sie berufen sich auf die Tradition: Musliminnen, die in ihrem Kampf um gesellschaftliche Emanzipation und ein modernes Rollenverständnis auf den Koran und die Geschichte des Islam zurückgreifen - auch wenn sie damit teilweise überlieferter Koraninterpretation widersprechen.

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