Fariduddin Attars "Vogelgespräche“ gehören zu den bedeutendsten Klassikern der islamischen Mystik. In der Edition Orient ist nun eine opulent illustrierte neue Ausgabe des Werkes erschienen. Sie ist ein guter Einstieg für alle, die den persischen Dichter kennenlernen möchten.

Fariduddin Attars "Vogelgespräche“
"Der ist kein Mensch, dessen Seele nicht gelitten hat“

Fariduddin Attars Werk "Vogelgespräche“ gehört zu den bedeutendsten Klassikern der islamischen Mystik. In der Edition Orient ist nun eine opulent illustrierte Neuausgabe erschienen. Von Gerrit Wustmann

Djalal ad-Din Rumi kennen viele in Deutschland. Der persische Mystiker, der 1207 im heutigen Afghanistan geboren wurde und 1273 in Konya in der Türkei starb, gilt als meistverkaufter Dichter der Welt und wird aufgrund der vielfältigen Stationen in seinem Leben sowohl von Iranern als auch auch von Türken für sich beansprucht.

Anders sieht es mit dessen Sufi-Lehrmeister Fariduddin Attar aus, geboren je nach Quelle etwa 1136 in Nischapur im Iran und wahrscheinlich um 1220 während eines Mongolenangriffs ums Leben gekommen. Dabei ist sein zentrales Werk, die "Vogelgespräche“, das die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel völlig zu Recht als "Meisterwerk“ bezeichnete, eines der wichtigsten Versepen nicht nur der persischen Mystik, sondern der Weltliteratur.

In dem umfangreichen Langgedicht geht es um die Geisteswelt des Sufismus, die in einer ausladenden Parabel erzählt wird: Der Wiedehopf, im Koran Botschafter zwischen Salomo und der Königin von Saba, ruft die Vögel der Welt dazu auf, ihn auf der beschwerlichen, jahrelangen Reise zum Berg Qaf zu begleiten, wo er den Vogelkönig Simurgh zu finden verspricht.

Cover von Fariduddin Attars "Vogelgespräche“ Edition Orient 2022; Foto: Verlag
Ein Klassiker der persischen Literatur: In einer hochwertig gestalteten, zweisprachigen, persisch-deutschen Ausgabe präsentiert der Berliner Verlag Edition Orient eine Neuausgabe der "Vogelgespräche“ von Fariduddin Attar. Mit den Illustrationen des in London lebenden iranischen Künstlers Mohammad Barrangi wird der Klassiker hier neu als bibliophile Kostbarkeit aufgelegt.  

Doch erstmal trifft der Wiedehopf auf erheblichen Widerstand, auf Ablehnung und Zweifel. Zahlreiche Vögel wollen sich ihm aus unterschiedlichsten Gründen nicht anschließen, und dennoch versucht er sie zu überzeugen, jeden einzelnen, mit durchwachsenem Erfolg:

"'Das Leben! Ja, was wirst du von seinem Glanz gesehen haben? Was hast du vom Winter, wenn deine Knochen in seiner Eiseskälte nicht zittern, was vom Frühling, wenn er dich nicht berauscht, und was vom Himmel, wenn du dich nicht in ihm verlierst?

Wie nichtig wird das Leben mit dem Tod enden, wenn du es bis dahin nicht mit Sinn erfüllst? Das Leben ist dir zum Gebrauch da, um dir für eine kurze Zeitlang zu dienen und dir ein würdiger Gefährte zu sein. Leben, was hast du den Seelen zu bieten? Der ist kein Mensch, dessen Seele nicht auch gelitten hat.' Doch der Entschluss des Papageis stand fest: Er wollte dableiben und zu seinem schönen goldenen Käfig zurückkehren.“

Die Nachtigall wiederum, wie könnte es anders sein, sieht sich so sehr in die unglückliche Liebe zur Rose versunken, dass ihr die Offenheit für alles andere fehlt.

Auf dem Pfad der Selbsterkenntnis

Es sind solche Passagen, die die Zeitlosigkeit der "Vogelgespräche“ demonstrieren. Attar dekliniert anhand der Vögel menschliche Haltungen, Eigenschaften, und Schwächen durch, und egal, was dem Wiedehopf entgegengebracht wird, stets setzt er auf die Überzeugungskraft des Wortes. Viele Male finden sich dabei deutliche Bezüge zum Koran – das sei erwähnt, weil viele der hiesigen Übersetzungen von Sufi-Literatur für das westliche Publikum glattgebügelt werden.

Allzu explizite oder auch vermeintlich unverständliche religiöse Verweise werden entfernt. Diese Vorgehensweise der Verlage hat zwar die Popularität etwa von Rumi befördert, indem sie ihn leicht verdaulich machte. Letztlich werden dadurch aber Fassungen der Werke präsentiert, die mit dem, was Rumi und andere in ihrer Dichtung intendierten, nur noch wenig zu tun hat.

Schlussendlich macht sich eine gewaltige Vogelschar im Gefolge des Wiedehopfs auf den Weg zum Qaf, und dieser Weg durch die sieben Täler des Sufi-Pfades ist das sprichwörtliche Ziel. So viele Vögel bleiben auf der Strecke, dass es am Ende nur dreißig von ihnen schaffen, dem Simurgh zu begegnen, also sich selbst, und die Selbsterkenntnis zu erlangen. Denn "si murgh" bedeutet "dreißig Vögel".

Es gibt inzwischen mehrere deutsche Übersetzungen beziehungsweise Nachdichtungen von Fariduddin Attars "Vogelgesprächen“, eine komplette Neuübersetzung in Prosa leistete zuletzt die Islamwissenschaftlerin Katja Föllmer unter dem Titel "Die Konferenz der Vögel“, 2008 erschienen im Marix Verlag und seither mehrfach neu aufgelegt.

Illustration aus Fariduddin Attars "Vogelgespräche“, Edition Orient 2022; Foto: Verlag
Er ist weniger bekannt als Rumi, aber das zu Unrecht: Fariduddin Attar, geboren je nach Quelle etwa 1136 in Nischapur im Iran und wahrscheinlich um 1220 während eines Mongolenangriffs ums Leben gekommen, hat mit "Vogelgespräche“ ein zentrales Werk der persischen Literatur und der islamischen Mystik geschrieben. Es ist eines der wichtigsten Versepen nicht nur der persischen Mystik, sondern der Weltliteratur. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel hat es völlig zu Recht als “Meisterwerk“ bezeichnet, schreibt Gerrit Wustmann.

Eine neue Prachtausgabe legt nun die Edition Orient vor, zweisprachig, deutsch-persisch, großformatig, mit Halbleineneinband und reich illustriert von dem 1988 geborenen iranischen Künstler Mohammad Berrangi, der auf selbstgeschöpftem Papier mit alten Kalligraphiefedern und -stiften arbeitet. Das gibt seinen hintersinnigen Zeichnungen die Optik alter Manuskripte oder bisweilen auch von Steinmalerei, so dass man sich beim Blättern unter der Kuppel eines alten Gewölbes wähnt oder beim Blick auf verwitterte Kacheln am Eingang einer Moschee.

Seine Technik lässt die Bilder und Kalligraphien schwanken zwischen einer enormen bildlichen Präsenz bei gleichzeitiger Uneindeutigkeit, die er in ornamentaler Wiederholung variiert und so den Text selbst nicht bloß begleitet, sondern ihn ergänzt, was diese neue Ausgabe zu einem poetisch-visuellen Gesamtkunstwerk macht.

Attars Text wurde für diese Ausgabe von Thomas Ogger aus dem Persischen übersetzt und von Marjan Fouladvand sensibel in einer klare, märchenhafte Prosa übertragen. Dabei wurden die "Vogelgespräche“ auf das Wesentliche, das Grundgerüst der Handlung reduziert, einzelne Passagen wie die Argumentation von Papagei und Wiedehopf bleiben beispielhaft stehen für die eigentlich viel längeren und zahlreicheren Gespräche im vollständigen Text.

Dadurch spricht diese Ausgabe sowohl Attar-Kenner durch ihre Neuinterpretation von Berangi an, als auch Leserinnen und Leser, die erstmals mit Attar in Berührung kommen. Ihnen bietet diese Kurzfassung einen guten Einstieg in die "Vogelgespräche". Wer sich vertieft mit ihnen beschäftigen will, kann auf die komplette Übersetzung der Islamwissenschaftlerin Katja Föllmer zurückgreifen.

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2022

Fariduddin Attar,"Vogelgespräche“, Edition Orient, Berlin 2022, zweisprachig persisch-deutsch, Textbearbeitung von Marjan Fouladvand, übersetzt aus dem Persischen von Thomas Ogger, Illustrationen von Mohammad Barrangi, 96 Seiten

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