Fariba Vafis Erzählung "Die Reise im Zug"
Portrait einer Mutter

Die Schriftstellerin Fariba Vafi ist eine Meisterin der Beschreibung von Alltagsszenen, in denen stets etwas Doppelbödiges lauert. Ihre neue Erzählung "Die Reise im Zug“ ist ein schönes Beispiel für die unaufdringliche Kunst des Understatements. Volker Kaminski hat das Buch für Qantara.de gelesen.

Die Frauen in Vafis Romanen träumen vom fernen Tibet (wie in ihrem Roman "Der Traum von Tibet“ von 2018) oder von einem Leben als Schriftstellerin (wie in "Tarlan“, 2017). Sie stellen sich vor, aufzubrechen und für immer wegzugehen, weil sie ihrer Rolle als Schwester, Tochter, Ehefrau oder Geliebte überdrüssig sind. Meist vollzieht sich dieser Aufbruch zunächst nur in den Gedanken der Hauptfigur und es geschieht nicht allzuviel in den beschriebenen Lebenswegen. Dennoch spiegelt sich in den Texten eine Fülle an Gedanken, Sehnsüchten und ein reiches Innenleben, so dass wir das Gefühl haben, einer spannenden Geschichte zu folgen.

Die iranische Autorin schreibt nicht nur Romane, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, sondern auch Erzählungen. 2017 erhielt sie für "Tarlan“ den LiBeraturpreis Litprom.

In der 2021 erschienenen Erzählung "Die Reise im Zug“ sind zwei Fernreisen spiegelbildlich aufeinander bezogen. Beide Male beginnt die Fahrt in Tabriz (Iran) und die Mutter der Erzählerin sitzt im Zug. Doch zwischen den Ereignissen liegt ein Zeitraum von 22 Jahren. Das Besondere ist, dass diese Reisen einen direkten Bezug zur Tochter haben. Im ersten Fall ist die Reisende schwanger mit ihr und die Tochter nimmt "gerade in ihrem Körper Gestalt“ (an) als „ein Geheimnis, das meine Mutter genoss.“ Die zweite Reise bringt die Mutter zur Tochter, die inzwischen in Berlin lebt und studiert.

Die Erzählerin macht keinen Hehl daraus, dass ihre Mutter eine kapriziöse und höchst komplizierte Person ist, die sich oft in eine Traumwelt flüchtet, in der sie sich verliert, während sie nach außen "wie eine Maschine“ funktioniert. Die vielköpfige Familie, von der sie auf ihrer ersten Reise umgeben ist (es sind zwei Abteile mit je sechs Personen reserviert), hält sie in Atem. Doch während sich die anderen lautstark unterhalten und mit altbekannten Anekdoten vergnügen, fühlt sie sich beklommen. Sie hat wie so oft Angst, von den anderen "gehänselt“ zu werden und leidet an einer angeborenen Schüchternheit. "Wenn sie lachten, lachte meine Mutter auch. Sie wollte zu ihnen gehören. Aber wenn es still wurde, war sie verängstigt. Sie hatte Angst, in ihre Witze einbezogen zu werden.“

Cover of Fariba Vafi's "Die Reise im Zug", translated into German by Nuschin Mameghanian-Prenzlow (published in bilingual Persian/German edition by Bubul)
Fariba Vafis jüngstes Werk ist eine berührende Erzählung, erschienen in der souveränen Übersetzung von Nuschin Mameghanian-Prenzlow im Bübül Verlag Berlin in einer illustrierten, zweisprachigen Ausgabe (deutsch-persisch). Die farbigen Abbildungen von Ina Abuschenko-Matwejewa sind interessant und eigenwillig. Man könnte sagen, sie drücken etwas von dem verborgenen Trotz der Hauptfigur aus, die sich hartnäckig weigert, ihre Traumwelt aufzugeben.

Eindringliches Porträt in wenigen Worten

Eigentlich wollte sie die Schwangerschaft noch geheim halten, aber ihr Mann, der nicht mitfährt, hat die Neuigkeit gleich am Bahnhof "herausposaunt“. So muss sie nun die üblichen Spekulationen der Verwandten über sich ergehen lassen, ob es denn ein Mädchen oder ein Junge werde.

Wir spüren die Beklommenheit der jungen Frau, obwohl die Erzählerin sich mit kurzen Sätzen begnügt: "Das weiße und tote Licht des Abteils erhellte die Gesichter von allen.“ Während die lauten Stimmen der Onkel und Tanten das Abteil erfüllen, versucht die junge Frau zur Ruhe zu kommen.

Endlich wird das grelle Licht gelöscht: "Meine Mutter lauschte im Dunkeln auf das Geräusch des Zuges, berührte ihren Bauch und dachte an mich. Ich war nun kein Geheimnis mehr. Aber das war nicht mehr wichtig.“

Die Mutter besitzt ein feines Gehör, sie kann Geräusche herausfiltern, während um sie herum die Schar der Verwandten lärmt und schreit. So kommt es vor, dass zuhause der Fernseher läuft und sie plötzlich den "Marsch“ wieder hört, der anlässlich des Iran-Irak-Kriegs in den achtziger Jahren ertönte.

Keiner um sie herum nimmt diese Melodie wahr, wie auch niemand die Vogelstimmen draußen hört oder das Klavierspiel des Nachbarn, "das durch die Wand drang.“

Vafi gelingt ein ausdrucksstarkes Porträt ihrer Mutter mit wenigen Strichen, ohne sie für ihre Schüchternheit und Passivität zu diffamieren. Die Erzählerin übt zwar durchaus Kritik an der Mutter: "Mich nervten die passiven Tricks und die feigen Reaktionen meiner Mutter.“ Doch sie akzeptiert die Umstände, wie sie nun einmal sind.

Das Leben mancher Menschen dreht sich in kleinstem Kreis, und eine Zugfahrt anlässlich einer Hochzeit ist in diesem Leben schon ein einsamer Höhepunkt. Jahrzehnte später wiederholt sich eine ähnlich lange Fahrt (diesmal nach Berlin), und es ist ganz natürlich, dass man sich erinnert und die Reisen miteinander vergleicht: Was hat das Leben mir inzwischen geboten? Was ist aus den anderen Verwandten geworden? Haben sie erreicht, wovon sie damals träumten?

"Die Reise im Zug“ ist ein berührender Text, der in der souveränen Übersetzung von Nuschin Mameghanian-Prenzlow im Bübül Verlag Berlin in einer illustrierten, zweisprachigen Ausgabe (deutsch-persisch) erschienen ist. Die farbigen Abbildungen von Ina Abuschenko-Matwejewa sind interessant und eigenwillig, man könnte sagen, sie drücken etwas von dem verborgenen Trotz der Hauptfigur aus, die sich hartnäckig weigert, ihre Traumwelt aufzugeben. Die Autorin verbrachte das Jahr 2021 übrigens als DAAD-Stipendiatin in Berlin – gut möglich, dass sie dieser Aufenthalt zu der traurig-schönen Erzählung inspiriert hat.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2022

Fariba Vafi, Die Reise im Zug, Erzählung, Bübül Verlag Berlin 2021, persisch-deutsch, mit Illustrationen von Ina Abuschenko-Matwejewa, 40 Seiten

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