Familienpolitik im Iran

Kinder für die Revolution

Mit Slogans wie "Ein Iran der 150 Millionen" und "Mehr Kinder, mehr Glück" propagiert die Führung in Teheran eine demographische Kehrtwende. Unklar ist jedoch, wie die geforderte Erhöhung der Bevölkerungszahl zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes beitragen kann. Von Marcus Michaelsen

Der Revolutionsführer macht die Familienpolitik zur Chefsache. Per Erlass erklärte Ali Khamenei Ende Mai die Steigerung der Geburtenrate zu einem strategischen Ziel der Islamischen Republik. Junge Paare seien bei der Familiengründung zu unterstützen, die Anzahl der Kinder müsse steigen. Schon in den letzten Jahren hatte Khamenei immer wieder den Standpunkt vertreten, Irans Bevölkerung von derzeit 77 Millionen könne sich durchaus verdoppeln.

Khameneis Linie folgend haben konservative Parlamentarier einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der Abtreibungen und Sterilisationen unter Strafe stellen könnte. Die staatliche Unterstützung für Familienplanung und Verhütungsmittel wurde bereits eingestellt. Damit wird eine Abkehr von Irans bisheriger Familienpolitik forciert, die dem Land weltweit Anerkennung eingebracht hat.

Demographische Wende

In den letzten 30 Jahren hat der Iran eine rasante demographische Entwicklung durchgemacht. Von durchschnittlich 6,4 Kindern im Jahr 1986 verringerte sich die Anzahl der Geburten pro Frau auf derzeit 1,8. Nach der Revolution 1979 predigte das Regime noch Kinderreichtum, erkannte dann aber die Gefahren einer Bevölkerungsexplosion. Noch mit ausdrücklicher Befürwortung des 1989 verstorbenen Staatsgründers Khomeini verfolgten fortan alle Regierungen eine Verringerung der Geburtenrate. Aufklärungskurse wurden Pflicht für heiratswillige Paare, der Staat förderte medizinische Aufklärung und Verhütungsmaßnahmen.

Iranische Familie; Foto: ISNA
Kinder auf dem Rückzug: In den letzten 30 Jahren hat der Iran eine rasante demographische Entwicklung durchgemacht. Von durchschnittlich 6,4 Kindern im Jahr 1986 verringerte sich die Anzahl der Geburten pro Frau auf derzeit 1,8.

Diese progressive Politik ging Hand in Hand mit einem sozialen Wertewandel. Hatten iranische Frauen in großer Zahl aktiv an der Revolution gegen den Schah teilgenommen, so setzten sie diese politische Emanzipierung im privaten Bereich fort. Mit steigenden Bildungsraten haben sich auch die Vorstellungen von Frauen zu ihrer Rolle in der Gesellschaft geändert. Studium, Berufstätigkeit und Kleinfamilie haben das traditionelle Familienmodell verdrängt.

Genau diese Entwicklung scheint der Revolutionsführer zu kritisieren, wenn er anmahnt, das Heiratsalter müsse wieder sinken. Derzeit sind iranische Frauen bei Eheschließung durchschnittlich 23 Jahre alt, Männer 26. Trotz eines gesetzlichen Verbots leben offenbar auch immer mehr junge Paare unverheiratet zusammen – ohne Kinder zu bekommen.

Aufklärungsmaßnahmen als "westliche Politik"

Schon der vorherige Präsident Mahmoud Ahmadinedschad hatte eine Steigerung der Kinderzahlen propagiert. In seiner Amtszeit wurden die Kurse für Sexualerziehung an den Universitäten abgeschafft. Die damalige Sprecherin des universitären Zentrums für Frauen- und Familienpolitik kritisierte derartige Aufklärungsmaßnahmen als "westliche Politik", durch die der Iran geschwächt und die Zahl der schiitischen Muslime verringert werden solle.

War nach dem Regierungswechsel noch unklar, ob der neue Präsident Hassan Rohani die konservative Familienpolitik fortsetzen würde, so lässt der Erlass des Revolutionsführers nun wenig Spielraum. Bereits im April hatte das Gesundheitsministerium erklärt, den Direktiven Khameneis zu folgen. Ein Sprecher verkündete zudem, die ärztliche Versorgung für Geburten in staatlichen Krankenhäusern sei fortan kostenlos.

Indes dürften gerade finanzielle Engpässe im Zuge der anhaltenden Wirtschaftskrise junge Iraner davon abhalten, mehr Kinder zu bekommen. Zwar ist die Inflationsrate nach der Wahl Rohanis gesunken, sie liegt aber noch bei rund 20 Prozent. Unterschiedlichen Angaben zufolge sind etwa 30 Prozent der jungen Bevölkerung arbeitslos. Besonders Universitätsabsolventen leiden unter Perspektivmangel. Viele junge und gut ausgebildete Menschen verharren in einem Wartezustand, leben bei ihren Eltern, ohne Aussicht auf einen Job und eine eigene Existenz.

Motor für wirtschaftliches Wachstum

Dabei ist der Iran in eine entscheidende Phase seines demographischen Wandels eingetreten: 70 Prozent der Bevölkerung sind im arbeitsfähigen Alter, die 25- bis 30-Jährigen stellen den größten Anteil. Diese "Dividende" kann – wird sie erfolgreich gesteuert – das wirtschaftliche Wachstum rasant befördern. Nach Ansicht von Experten müsste die Regierung dazu jährlich 400.000 neue Arbeitsplätze schaffen.  

Vom Szenario einer überalternden Gesellschaft, wie es die Befürworter einer hohen Geburtenrate ausmalen, ist der Iran weit entfernt. Laut Informationen der französischen Demographin Marie Ladier-Fouladi, die in Iran zahlreiche Studien durchgeführt hat, wird der Anteil der über 65-Jährigen in zehn Jahren noch immer bei nur 8 Prozent liegen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird auch im Jahr 2050 nur knapp ein Viertel der Bevölkerung älter als 65 Jahre alt sein.

Mahmoud Ahmadinedschad im Kreise seiner Familie; Foto: ISNA
Gegen eine "verwestlichung" der Familienpolitik: Schon der frühere iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad hatte eine Steigerung der Kinderzahlen propagiert.

Der Richtungswechsel in der iranischen Familienpolitik könnte also politische Hintergedanken haben, meint Ladier-Fouladi. Die Machtelite wolle ihren strategischen Ambitionen in der Region durch eine höhere Gesamtbevölkerung mehr Gewicht verleihen. Und nicht ohne Grund, so schreibt die Demographin, hätten die Aufrufe zu mehr Kindern nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 zugenommen. Bei den Protesten hatte sich besonders die städtische Jugend gegen die Regierung aufgelehnt.

Geht es also darum, die Jugend in die Schranken zu weisen und eine Rückbesinnung auf konservative Werte durchzusetzen? Die moderne Mittelschicht wird sich kaum zum Kinderkriegen animieren lassen, indem man ihr den Zugang zu Verhütungsmitteln und Beratung einschränkt.

Insofern dürften die Maßnahmen vor allem in der ärmeren Bevölkerung auf dem Land und am Rande der großen Städte Effekt zeigen. Mit dem Fokus auf eine hohe Geburtenrate könnte die iranische Führung also nicht nur die Unzufriedenheit der Mittelschichten steigern, sondern auch neues Konfliktpotential schaffen.

Marcus Michaelsen

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Kinder für die Revolution

Es ist nicht zwingend, dass der Bevölkerungswachstum in Iran wirtschaftliche Probleme impliziert, denn je nachdem, wie man es strategisch vorgeht, können die Iraner dazu gelockt werden, die Institution Familie zu stärken, indem es - wie es mittlerweile auch in Russland der Fall ist - wirtschaftliche Privilegien für Familien gibt. Weil derzeit international die Tendenz herrscht, dass bevölkerungsreiche Länder ärmer sind, geht man oft zu schnell davon aus, dass Bevölkerungswachstum zwingend zu mehr wirtschaftlichen Problemem führt. Am Beispiel Russland erkennt man, dass dies nicht per se der Fall ist: Bei einer deutlich höheren Bevölkerungswachstumsrate in Zeiten der Sowjet Union prosperierte die Wirtschaft, wohingegen in der Perestroika-Zeit, in der ein beachtlicher Bevölkerungsrückgang zu beobachten war, es zu riesigen wirtschaftlichen Problemen kam. Es stellt sich aber durchaus die Frage, wie Iran mehr Arbeitsplätze schaffen wird.

Die These des steigenden Konfliktpotenzials bezweifle ich sehr stark. Gerade die Stärkung der Institution Familie hat in der Menschheitsgeschichte in unzähligen Fällen die Kohäsion und somit auch die Einheit des Volkes gestärkt, wohingegen jene Länder, bei denen ein Bevölkerungsrückgang zu beobachten ist, sich in vielen Fällen tendenziell zu erkennen gibt, wie es einen Kohäsionsmangel und folglich Uneinheit zur Folge hat. Gerade durch die Förderung der Ehe und der Geburten ist das Einheitspotenzial da, weil somit Familien zunehmend größer werden und zu Teilen anderer Familien gehören.

Alex28.05.2014 | 13:44 Uhr