Die Logik ist dieselbe wie die von Siemens-Chef Joe Kaeser. Nur dass es dem niedersächsischen Unternehmer etwas peinlich ist. "Unseren iranischen Partnern haben wir wachsendes Geschäft in Aussicht gestellt. Und jetzt machen wir den Rückzieher."

Der Manager eines Unternehmens aus Südwestdeutschland, der ebenfalls anonym bleiben möchte, berichtet von hohen Investitionen im Iran in den vergangenen Jahren. "Das werden wir jetzt wohl abschreiben müssen", meint er.

"Deutsche Wirtschaft schadet sich selbst"

"Der iranische Markt bietet eigentlich Wachstumspotenzial für die deutsche Industrie", meint Pardis Parinejad, Unternehmer und Rechtsanwalt aus Bochum, der im Iran an der Herstellung von Verfahrenstechniken für die Stofftrennung in der Ölindustrie beteiligt ist. Gleichzeitig vertritt er mehrere deutsche Mittelständler im Iran.

Infobroschüren deutsche Investitionen im Iran; Foto: Getty Images/AFP/J. MacDougall
Drohende Talfahrt in den deutsch-iranischen Handelsbeziehungen: Seit dem Atomabkommen mit dem Iran wuchs der Handelsaustausch mit Deutschland stetig: 2016 lieferten deutsche Unternehmen Waren im Wert von 2,57 Milliarden Euro in den Iran, was einem Jahreswachstum von 22 Prozent entsprach. 2017 waren es 2,97 Milliarden Euro - nochmal 15,5 Prozent mehr. Seit dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran droht ein schleichender Rückzug vieler Banken und Unternehmen aus dem Iran-Geschäft.

"Die deutschen Exporte hätten auf einen Wert von mehr als zehn Milliarden Euro steigen können", meint Parinejad. Jetzt werden sie nach Einschätzung des Unternehmers von aktuell 3,7 Milliarden Euro wieder auf rund zwei Milliarden Euro sinken. Der Unternehmer aus Bochum weiß, dass die Bedeutung des US-Markts den Ausschlag gibt. Dorthin haben deutsche Unternehmen 2017 Waren und Dienstleistungen für mehr als 110 Milliarden Euro exportiert. Diesen Markt will niemand verlieren.

Dennoch warnt Parinejad: "Wenn die Deutschen sich jetzt aus dem Irangeschäft zurückziehen, schadet sich die deutsche Wirtschaft selbst. Diese Lücke wird automatisch durch die Chinesen, die Russen und andere Drittländer geschlossen."

Politisch "falsches Signal"

Nach dem Atomabkommen nahm der Unternehmer aus Bochum an mehreren hochkarätigen Delegationen in den Iran teil: mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und der ehemaligen bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Damals, vor nicht einmal drei Jahren, herrschte Aufbruchsstimmung und Hoffnung auf eine wirtschaftlich untermauerte Verständigung mit Iran.

Politisch sei es daher jetzt das "falsche Signal, wenn alle den Aufforderungen der Amerikaner Folge leisten", meint Parinejad. Schließlich hätten die Amerikaner "einseitig das Atomabkommen aufgekündigt" und wollten jetzt den Europäern die Regeln im Umgang mit dem Iran diktieren. Die erklärte Absicht der US-Administration, den Iran durch Sanktionen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, hält Parinejad für fatal. "Das bringt höchstens die Hardliner zurück an die Regierung in Teheran." Und das sei nicht im Sicherheitsinteresse der Europäer.

Die iranische Führung hat schon angedeutet, wie sie auf den Konflikt reagieren wird: Wenn die wirtschaftlichen Vorteile aus dem Atomabkommen, in dem die Machthaber in Teheran sich verpflichteten, die Anreicherung von Uran zu stoppen, wegfielen, könnte der Iran seinerseits aus der Vereinbarung aussteigen. Sollte die "Islamische Republik" dann wieder Uran anreichern, wird die Eskalation eine neue Stufe erklimmen. Dann wird ein Punkt erreicht sein, an dem die US-Administration den Grund für einen "gerechten Krieg" erkennen könnte.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2018

Der Autor arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin "Panorama". Der Artikel erschien in der Ursprungsfassung auf der Internetseite von "Panorama".

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