Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind 2,5 Millionen Menschen nach Polen geflohen und über 350.000 nach Ungarn. Als jedoch im Jahr 2015 die damalige Kanzlerin Angela Merkel 1,1 Millionen Asylsuchende nach Deutschland einreisen ließ – von denen etwa 40 Prozent aus Syrien stammten – riegelten Polen und Ungarn ihre Grenzen für Menschen ab, die vor dem Blutvergießen im Nahen Osten geflüchtet waren.

Europa, die Ukraine und die Flüchtlinge
Doppelstandards des Leidens?

Idealerweise sollten all jene, die heute Geflüchtete aus der Ukraine willkommen heißen, die gleiche Anteilnahme für Schutzsuchende aus Syrien oder Afghanistan aufbringen. Doch menschliches Mitgefühl ist ein rares Gut, schreibt Ian Buruma in seinem Essay. Wir sollten für jede Empathie dankbar sein.

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind 2,5 Millionen Menschen nach Polen geflohen und über 350.000 nach Ungarn. Als jedoch im Jahr 2015 die damalige Kanzlerin Angela Merkel 1,1 Millionen Asylsuchende nach Deutschland einreisen ließ – von denen etwa 40 Prozent aus Syrien stammten – riegelten Polen und Ungarn ihre Grenzen für Menschen ab, die vor dem Blutvergießen im Nahen Osten geflüchtet waren.

Diese unterschiedlichen Reaktionen haben manche – meist "Progressive“ – überaus wütend gemacht. Auf der einen Seite Tränengas und Wasserwerfer einzusetzen, um arabische Asylsuchende abzuwehren, aber auf der anderen Seite Menschen aus der Ukraine mit offenen Armen zu empfangen, das sei – so ihr Argument – ein Zeichen von rassistischer Voreingenommenheit oder sogar von "weißem Überlegenheitsdenken“.

Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll. Moralisch gesehen besteht kein Unterschied zwischen einem traumatisierten jungen Mann aus Aleppo und einer verzweifelten Mutter aus Charkiw. Doch aus praktischen und psychologischen Gründen unterscheiden Länder auf Grundlage von Kultur, Religion, Sprache und politischen Erwägungen zwischen Geflüchteten. Dies gilt insbesondere für Länder mit einer relativ homogenen Bevölkerung wie dem heutigen Polen.

In ähnlicher Weise hat Thailand zwar bereits hunderttausende Geflüchtete aus Kambodscha, Laos und Myanmar aufgenommen, doch die Aufnahme von einer Million Ukrainern wäre für die meisten Thais undenkbar. Schließlich ist die Integration von Menschen aus Nachbarländern schon schwierig genug.

Empathie für Nahestehende fällt leichter

Den meisten Menschen, Thais ebenso wie Polen, fällt es leichter, sich mit dem Schicksal von Menschen zu identifizieren, die ihnen nicht nur physisch, sondern auch sozial und kulturell ähneln. Das Leiden als anders empfundener Menschen ist gefühlt viel weiter weg. Fair ist das nicht. Idealerweise sollten derartige Unterscheidungen nicht ins Gewicht fallen. Aber wahre Universalisten sind selten.

Ukrainer in Mexiko auf dem Weg in die USA; Foto: DW
Jedes Menschenleben ist gleich wertvoll: "Moralisch gesehen besteht kein Unterschied zwischen einem traumatisierten jungen Mann aus Aleppo und einer verzweifelten Mutter aus Charkiw“, schreibt Ian Buruma. "Doch aus praktischen und psychologischen Gründen unterscheiden Länder auf Grundlage von Kultur, Religion, Sprache und Politik zwischen Geflüchteten. Dies gilt insbesondere für Länder mit einer relativ homogenen Bevölkerung wie dem heutigen Polen.“

Tatsächlich pflegen manche Linke, die gern die politischen Anliegen jener Länder vertreten, die früher als Dritte Welt bezeichnet wurden, und die andere rasch als Rassisten brandmarken, selbst manchmal ihre Vorurteile. Dieselben Leute, die sich über jede Ungerechtigkeit empören, die Palästinenser durch israelische Behörden erleiden, regen sich viel weniger über noch schlimmere Grausamkeiten auf, die in Eritrea, dem Sudan oder Myanmar begangen werden.

Empathie und Solidarität haben viel mit Identifikation zu tun. Viele Israelis haben europäische Wurzeln und die Gewalt in Gaza oder im Westjordanland erinnert westliche Antiimperialisten allzu sehr an die koloniale Vergangenheit Europas. Ähnlich war es auch bei der Apartheid in Südafrika. Ohne Frage war die Apartheid ein menschenverachtendes System. Doch die Tatsache, dass sie von weißen Männern erdacht wurde, ließ sie irgendwie schlimmer erscheinen als die mörderischen Regime von Mobutu Sese Seko in der Demokratischen Republik Kongo oder Idi Amin in Uganda.

Verhängnisvolle Doppelmoral

Derartige Ansichten – mögen sie auch unbewusst sein – offenbaren eine verhängnisvolle Doppelmoral. Das ist so, als könne man von Kongolesen oder Ugandern nicht erwarten, dasselbe Verständnis von Menschenrechten zu haben wie "Weiße", aber die eher den Europäern ähnlichen Israelis sollten es schließlich besser wissen.

Aber es ist auch keine Garantie für anständiges Verhalten, wenn Menschen auf einem gemeinsamen Territorium leben. Im Gegenteil, Bürgerkriege werden oft noch barbarischer geführt als Kriege zwischen verschiedenen Ländern. Man denke an die blutige Trennung von Indien und Pakistan im Jahr 1947,  an den Völkermord in Ruanda oder das Gemetzel auf dem Balkan in den 1990er Jahren. In diesen Konflikten ging dem Töten fast immer die massive Herabwürdigung des Anderen voraus. Sprachliche, religiöse oder ethnische Unterschiede wurden in einer Weise politisiert, dass sie tödlich werden konnten.

Bis zu einem gewissen Grad liefert soziale Vertrautheit eine Erklärung für diese Brutalität. Es kann nicht leicht fallen, einen Nachbarn niederzumetzeln, dessen Kinder bei Geburtstagsfeiern im eigenen Haus anwesend waren. Dazu müssen Hemmungen überwunden werden. Bevor man einen Menschen, den man so gut kennt, töten kann, muss er oder sie erniedrigt, seiner Würde vollständig beraubt und zu einem Nichts reduziert werden, das nicht mehr als Mensch gilt. Aus diesem Grund wurden die Hutu in Ruanda von Agitatoren dazu aufgehetzt, Tutsi-"Kakerlaken“ zu jagen und zu töten. Für Hutu-Chauvinisten waren die Tutsi "Kreaturen", die es nur mehr auszurotten galt.

Momentaufnahme des Kriegs in der Ukraine; Foto: Reuters
Kulturell verwandt und doch verschieden: Russischsprachige Bewohner von Charkiw, Mariupol, Odessa identifizieren sich mit der Ukraine, nicht mit Russland. "Russische und ukrainische Identität überschneiden sich kulturell, religiös und sprachlich auf vielfältige Weise,“ schreibt Ian Buruma. "Doch der Krieg hat die Behauptungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin Lügen gestraft, wonach die Ukraine kein richtiges Land und die Ukrainer kein richtiges Volk seien. Denn während viele russische Soldaten keine Ahnung zu haben scheinen, wofür sie kämpfen, muss man das den Ukrainern nicht sagen.“

Russische und ukrainische Identität überlappen sich

Schon vor dem russischen Einmarsch tobte in der Ukraine seit 2014 ein Bürgerkrieg zwischen russischsprachigen Gruppen im Osten und ukrainischsprachigen Bewohnern im Westen des Landes. Tatsächlich aber präsentieren sich die Verhältnisse in der Ukraine komplexer. Präsident Wolodymyr Selenskij, der sich der russischen Aggression mutig entgegengestellt, ist russischer Muttersprachler. Russischsprachige Bewohner von Charkiw, Mariupol, Odessa und anderen Städten identifizieren sich aber nicht mit Russland, sondern mit der Ukraine.

Russische und ukrainische Identität überschneiden sich kulturell, religiös und sprachlich auf vielfältige Weise. Doch der Krieg hat die Behauptungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin Lügen gestraft, wonach die Ukraine kein richtiges Land und die Ukrainer kein richtiges Volk seien. Denn während viele russische Soldaten keine Ahnung zu haben scheinen, wofür sie kämpfen, muss man das den Ukrainern nicht sagen.

Tragischerweise kann der Narzissmus der kleinen Unterschiede großen Hass hervorrufen. Eine Aufnahme, die zeigt, wie ukrainische Soldaten auf gefesselte russische Kriegsgefangene schießen, wurde ursprünglich als russische Propaganda abgetan. Doch es hätte uns nicht überraschen sollen, als sich herausstellte, dass das Bildmaterial echt war. Und vor kurzem sind Beweise für Gräueltaten aufgetaucht, die offenbar von russischen Truppen an ukrainischen Zivilisten begangen wurden, darunter Folter, sexuelle Übergriffe und Hinrichtungen.

Freuen wir uns also über die Polen und Ungarn, die notleidenden Ukrainern Hilfe anbieten. Es wäre großartig, würden die Europäer den Syrern, Afghanen und anderen Kriegsopfern außerhalb des Kontinents das gleiche Mitgefühl entgegenbringen. Dass sie es nicht in allen Fällen tun, ist kein Grund, Osteuropäer zu diffamieren, sie würden "Weiße“ für etwas Besseres halten. Menschliches Mitgefühl ist ohnehin ein rares Gut, für das wir dankbar sein sollten, wo auch immer es in Erscheinung tritt.

Ian Buruma

© Project Syndicate 2022

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Der niederländisch-britische Publizist Ian Buruma war von 2017 bis September 2018 Chefredakteur der New York Review of Books. Er hat in vielen europäischen Tageszeitungen das politische Zeitgeschehen kommentiert und  zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter "Okzidentalismus: Der Westen in den Augen seiner Feinde" (mit Avishai Margalit), Hanser Verlag 2015.

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