Ethnizität in muslimischen Kalifaten

Vom Stamm der Quraisch

Obgleich die muslimischen Kalifate im Laufe der Zeit von verschiedenen ethnischen Gruppen dominiert wurden, versuchten alle Herrscherdynastien ihre Herkunft von den Quraisch abzuleiten. Einige historische Betrachtungen von Mohamed Yosri

Als Mustafa Kemal Atatürk am 3. März 1924 das osmanische Kalifat nach 13 Jahrhunderten abschaffte, zog er damit zugleich einen Schlussstrich unter die bis dahin maßgeblich vorherrschenden politisch-religiösen Machtfaktoren im muslimisch geprägten Raum.

Alle muslimischen Gruppierungen und Fraktionen maßen dem Kalifen ein hohes Ansehen bei. An diese Stellung waren gleichzeitig komplexe doktrinäre Anforderungen gebunden. Die Herkunft zählte dabei zu den wichtigsten Auswahlkriterien. In der Geschichte des Kalifats gab es jedoch Widersprüche zwischen Prinzipien und Praxis.

Laut dem ins Englische übersetzten Standardwerk "The Ordinances of Government" von Abū l-Hasan al-Māwardī, einem islamischen Rechtsgelehrten aus dem 10. Jahrhundert, glaubten die sunnitischen Muslime, dass ein Mann bestimmte Qualitäten aufweisen müsse, um Kalif sein zu können. Ganz wichtig sei dabei die Zugehörigkeit zum Stamm der Quraisch.

Das Buch zitiert einige "Hadithe", also Überlieferungen über die Worte, Handlungen oder Gepflogenheiten des Propheten, die als komplementäre Lehren zu allen Aspekten des Lebens herangezogen werden. Nach diesen Versen betonte Mohammed bei verschiedenen Gelegenheiten, nur Familien aus dem Stamm der Quraisch kämen als Kalifen infrage.

Quellen, wie die ins Englische übersetzte Chronik "History of the Prophets and Kings" von Muhammad Ibn Jarir Al-Tabari, erwähnen, dass Zuwanderer diese Bedingung ausnutzten, um ihren Machtanspruch während der Versammlung in der Saqifah Bani Sa'idah nach dem Tode Mohammeds zu bekräftigen. Die Versammlung fand in Anwesenheit der "Ansar" (der Gefährten des Propheten) statt. Dies waren muslimische Konvertiten, die Mohammed und seinen Anhängern bei ihrer Ankunft in Medina direkt nach dem Tod des Propheten halfen, einen Nachfolger zum Kalifen zu wählen.

Karte zur Ausbreitung des Islam im Nahen und Mittleren Osten; Foto: fanack.com
Von den Futuh-Kämpfen der vier rechtgeleiteten Kalifen bis zur Herrschaft der Umayyaden-Dynastie: Während des gesamten Kalifats der Rashidun und der Umayyaden wurde die Herkunft der Quraisch als Voraussetzung zur Wahl zum Kalifen nie infrage gestellt. Alle, die während der beiden Epochen herrschten, stammten ohne Ausnahme aus diesem namhaften Stamm.

Während des gesamten Kalifats der Rashidun (die vier rechtgeleiteten Kalifen) und der Umayyaden wurde die Herkunft der Quraisch als Voraussetzung zur Wahl zum Kalifen nie infrage gestellt. Alle, die während der beiden Epochen herrschten, stammten ohne Ausnahme aus diesem namhaften Stamm.

Bruderstreit aus ethnisch-nationaler Perspektive

Nichtarabische Ethnien begannen jedoch mit Gründung des Abbasiden-Kalifats im Jahr 749 in die herrschenden Klassen einzudringen. In der Anfangsphase ihrer Ernennung stützten sich die Abbasiden auf den Sieg über die Perser, die ihre revolutionäre Kraft aus dem Unmut über die herrschenden Araber bezogen. Einige von ihnen wurden später die eigentlichen Köpfe des Abbasiden-Kalifats, darunter Abu Muslim Al-Khurasani und die Barmakiden.

Der Tod des Kalifen Hārūn ar-Raschīd im Jahr 808 und der Ausbruch eines Bürgerkrieges zwischen den Anhängern seiner beiden Söhne Al-Amīn und Al-Maʾmūn markierten einen Wendepunkt in der Machtstruktur. Der Bruderstreit wurde aus ethnisch-nationaler Perspektive geführt: Die überwältigende Mehrheit der Araber unterstützte Al-Amīn, weil seine Mutter, Zubaidah, Araberin war, während die meisten Perser Al-Maʾmūn wegen seiner persischen Mutter unterstützten, einer Sklavin von Hārūn ar-Raschīd.

Nach dem Sieg von Al-Maʾmūn schloss dieser Frieden mit den Persern und erhob Merv zu seiner Residenz und zum Sitz für die Herrschaft über Chorasan. Er blieb eine Zeitlang dort, kehrte dann aber unter dem Druck der Abbasiden nach Bagdad zurück, der Hauptstadt seiner Vorfahren.

Nach dem Tod Al-Maʾmūns im Jahre 833 war die Ethnizität erneut treibende Kraft, nur diesmal zugunsten der Türken. Der neue Kalif, al-Muʿtasim bi-llāh, war der Sohn einer türkischen Sklavin. Er knüpfte Beziehungen zu den in Zentralasien lebenden Turkmenen und rekrutierte diese für seine Armee. Mit ihren Anführern besetzte er zudem wichtige Positionen. Im Laufe der Zeit rebellierten diese allerdings gegen das Kalifat, töteten im Jahr 861 den Kalifen Al-Mutawakkil und ernannten seinen Sohn Al-Muntasir Billah zum Nachfolger.

Kalifen als Untergebene von Nichtarabern

Zu Beginn der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts (dem vierten Jahrhundert im islamischen Kalender) kam es zu einer drastischen Veränderung der dominierenden Ethnizität, als die Abbasiden in einer beispiellosen Schwächephase der persischen Buyiden-Dynastie Platz machten.

Abbasiden und Buyiden teilten sich fortan den Thron, wobei letztere zu den eigentlichen Sultanen wurden, die die Position des Kalifen in den Hintergrund drängten und zu einem bloßen Ehrenamt werden ließen. Und im 11. Jahrhundert (dem fünften im islamischen Kalender) trat schließlich das Seldschukenreich an die Stelle der Buyiden-Dynastie, während der Abbasidenkalif in seinem Palast in Bagdad unangetastet blieb.

Eroberung Bagdads durch die Mongolen; Quelle: wikipedia
Zäsur und temporärer Niedergang der islamischen Kalifate: Mit der Eroberung Bagdads durch die Mongolen endet die Glanzzeit der Abbasiden-Dynastie. Das mongolische Weltreich sollte sich in seiner Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert vom Pazifik bis nach Europa, vom Ural bis nach Ungarn erstrecken. Nur das britische Empire des 19. Jahrhunderts hatte noch größere Ausmaße.

Erstmals in der Geschichte der sunnitischen Kalifate hatte im Jahre 1063 der Abbasidenkalif Al-Qa'im bi-amri 'llah keine andere Wahl, als seine Tochter mit dem Seldschukensultan Tughril zu verheiraten, der vermutlich eine neue Dynastie türkischen und arabischen Ursprungs gründen wollte. Allerdings konnte dieser sein Vorhaben nie verwirklichen, da er ohne Nachkommen zu hinterlassen starb.

1258 drangen die Mongolen in Bagdad ein und töteten den Kalifen Al-Musta'sim bi-'llah. Einige Jahre später bestellte Mamlukensultan Baibars I. einen der Abbasiden nach Kairo und ernannte ihn zum neuen Kalifen Al-Hākim bi-amr Allāh.

Baibars' Vorgehen lässt sich als Schritt zur Legitimierung der Mamlukenherrschaft interpretieren, da sunnitische Mamluken wegen ihrer nichtarabischen Herkunft keine Kalifen stellen konnten. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie ursprünglich Sklaven unbekannter Herkunft waren.

Die Abbasidenkalifen unterschieden sich kaum von ihren Vorgängern, den Buyiden und Seldschuken. Zu ihren Aufgaben zählten vor allem die Leitung von Gebeten und öffentlichen Versammlungen.

Eine bemerkenswerte Änderung der Dialektik der herrschenden ethnischen Herkunft fand 1517 statt, als der osmanische Sultan Selim I. in der Schlacht von Ridaniya die Mamluken besiegte, den Kalifen Al-Mutawakkil III. zum Rücktritt zwang und damit zum ersten Kalifen türkischer Herkunft wurde. Seine Söhne und Enkel erbten den Kalifentitel, bis Mustafa Kemal Atatürk das islamische Kalifat abschaffte. Der letzte Kalif des Islam war Abdülmecid II.

Schiiten: Kalifen-Titel auf zwölf Personen beschränkt

Alle schiitischen Zweige stimmten darin überein, dass Kalifen Nachkommen von Alī ibn Abī Tālib sein müssen. Allerdings glaubten die zaiditischen Schiiten (die "Fünfer-Schiiten"), dass Alawiten, die die Anforderung an den Kalifen erfüllten, ebenfalls in Betracht kamen.

Die Zwölfer-Schiiten hingegen beschränkten den Kalifen-Titel auf zwölf Personen, von denen der letzte der Mahdi ist. Dieser erscheint nach dem Glauben der Zwölfer-Schiiten in der Endzeit und bringt Gerechtigkeit über den gesamten Erdball. Die ismaelitischen Schiiten glaubten, dass nur die Nachkommen von Ismāʿīl ibn Dschaʿfar Kalifen sein können.

Die persischen Buyiden waren ebenfalls Schiiten, aber sie riefen nie zur Gründung eines Kalifats auf, da der bisher noch nicht erschienene Mahdi der Kalif und Imam sei.

Fresco im Chehel Sotoun Palast zeigt die Schlacht von Chaldiran zwischen Osmanen und Safawiden im Jahr 1514; Quelle: Wikimedia Commons
Osmanisch-safawidisches Schisma: In der Entscheidungsschlacht zwischen Sultan Selim I. und Schah Ismail I. bei Tschaldiran im Jahr 1514 wechselten nach dem Sieg der Osmanen die kurdischen Feudalherren und lokale Fürsten die Seite. Sie kehrten den Safawiden den Rücken und beteuerten ihre Loyalität zu den Osmanen.

Zum Ursprung der Gründer des ismaelitischen Fatimidenkalifats gibt es viele Fragen und Zweifel. Nach vielen sunnitischen Geschichtsbüchern – darunter "Al-Bidaya wa-n-nihaya" (Der Anfang und das Ende) von Ibn Kathīr – stammt der Gründer dieser Dynastie, Abdallah al-Mahdi, nicht von Alī ibn Abī Tālib ab, wie zu jener Zeit behauptet wurde, sondern von Maimoon Al-Qadah, der vermutlich persischer Herkunft war.

Der Nachweis der Herkunft der Fatimiden ist nach wie vor schwierig, da die meisten Geschichtsbücher, in denen sie erwähnt werden, im Kontext heftiger doktrinärer und politischer Konflikte entstanden.

Der dritte schiitische Staat war die Safawidendynastie, die Anfang des 16. Jahrhunderts gegründet wurde (das zehnte im islamischen Kalender). Im Unterschied zu den Osmanen lehnten die Safawiden die Rolle des Kalifen ab, da die Zwölfer-Schiiten glaubten, es sei verboten, schon vor Ankunft des Mahdi die Flagge des Kalifats zu hissen.

Als Sufis strebten die Safawiden danach, ihre Dynastie als Theokratie zu erhalten. Sie holten eine Reihe schiitischer Gelehrter aus Bahrin und Dschabal Amil, südlich des Libanon, und überließen ihnen die Besetzung führender staatlicher Positionen. Einer der prominentesten Gelehrten, den die Sufis herbeiriefen, war Al-Muḥaqqiq al-Karakī.

Wie die übrigen herrschenden islamischen Dynastien versuchten auch die Sufis ihre Herkunft von den Quraisch abzuleiten. Sie behaupteten, sie seien Nachkommen von Mūsā al-Kāzim, dem siebten der zwölf schiitischen Imame. Ihre ethnische Zugehörigkeit bleibt jedoch bis heute umstritten. Sie waren höchstwahrscheinlich persischer, turkmenischer oder kurdischer Herkunft.

Charidschiten: Ethnizität spielt keine Rolle

Die Charidschiten waren über 14 Jahrhunderte hinweg die dritte Säule des politischen Islam. Der Begriff Charidschiten verweist auf Gruppen, die die herrschenden Autoritäten ablehnten und die nicht an den versprochenen alawitischen Retter glaubten.

Koraninschriften auf einer Fliese in Istanbul; Foto: Gavin.collins/Wikimedia Commons
Das Ende des Kalifats und des Osmanischen Reiches: Als Mustafa Kemal Atatürk am 3. März 1924 das osmanische Kalifat abschaffte, zog er damit nach 13 Jahrhunderten auch gleichzeitig einen Schlussstrich unter die bis dahin maßgeblichen politisch-religiösen Machtfaktoren im muslimisch geprägten Raum.

Scheich Bakir ibn Said Awasht schrieb in seinem Buch "Islamic Studies in Ibadi Origins", dass das Charidschitentum auf der Ablehnung der arabischen Ethnizität beruhte. Nach den Kriterien der Charidschiten wäre jeder Muslim, der die Verantwortung eines Führers übernehmen kann, berechtigt, Kalif zu werden, unabhängig von seiner Herkunft oder Hautfarbe.

Zwischen dem erstmaligen Auftreten dieser Gruppen im Jahr 657 in der Schlacht von Siffin (das Jahr 37 im islamischen Kalender) und dem Ende des ersten islamischen Jahrhunderts lässt sich feststellen, dass sich die Charidschiten im Großen und Ganzen an diese Prinzipien hielten. Die meisten ihrer Führer aus dieser Zeit entstammten arabischen Stämmen, die in keiner Weise mit den Quraisch verwandt waren.

Zum Beispiel stammte Abdullah ibn Wahb ar-Rasibi, Anführer der Charidschiten während der Schlacht von Nahrawan, aus dem jemenitischen Stamm der Azd. Qatari ibn al-Fuja'a, einer der herausragenden Köpfe der Charidschiten, gehörte zum Stamm der Banu Tamim. Nāfiʿ ibn Azraq und Najda bin Amer aus dem Stamm der Banu Hanifa waren die Gründer der dissidenten separatistischen Sekten Azraqiten und Najdia.

Mitte des 18. Jahrhunderts (das zweite im islamischen Kalender) bezeugten die Buyiden, einer der wichtigsten Zweige der Charidschiten, ihr Bekenntnis zu ihren politischen Prinzipien, die nicht arabischen Ursprungs waren. Sie wählten den Perser Abdul-Rahman ibn Rustom als ersten Imam für ihren Staat, der später große Teile des Maghreb beherrschte.

Beinahe zeitgleich fanden ähnliche Entwicklungen im Staat Banu Midrar, südöstlich von Marokko, statt. Khair Al-Din Al-Zirikli schrieb in seinem Buch "Al-Alam", die Saffariden hätten bei Gründung dieses Staates Isa ibn Yazid als ihren Imam eingesetzt. Man geht davon aus, dass dieser schwarzafrikanischer Abstammung war.

Dennoch erwies sich diese Entwicklung nicht so erfolgreich wie bei den Buyiden. Mit der Zeit überrannten Scharen von Berbern Sijilmasa. Die weißhäutigen Neuankömmlinge weigerten sich, von einem Schwarzen regiert zu werden. Nachdem dieser bereits 15 Jahre lang herrschte, rebellierten sie gegen ihn und töteten ihn im Jahr 771 (das Jahr 115 im islamischen Kalender).

Mohamed Yosri

© Raseef22.com

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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