Solange die Gemeinschaft der Muslime zu schwach ist, dürfe die Gemeinschaft nicht zum Mittel des bewaffneten Kampfes greifen, weil sie sonst Gefahr laufe, vernichtet zu werden. Kehre sich das Kräfteverhältnis jedoch um, sei es richtig, zur Tat zu schreiten, den "Unglauben" zu vernichten und auf dessen Trümmern den islamischen Staat zu errichten.

Diese in Kreisen der Muslimbrüder allgemein vertretene Ideologie macht das opportune Urteil (maslaha) zum Kriterium für den Übergang zum gewaltsamen Kampf. Die Entwicklung des Dschihad auf europäischem Boden wird seit einem Jahrzehnt vor allem im Sinne des wichtigsten Dschihad-Ideologen der dritten Generation, Abou Moussab al Souri, vorangetrieben – eines früheren syrischen Muslimbruders, der in Frankreich Ingenieurwissenschaften studierte, im britischen Londonistan eine Rolle spielte, 2005 in Pakistan festgenommen und von den Amerikanern an das Regime in Damaskus überstellt wurde (sein weiteres Schicksal ist unbekannt).

Sayyid Qutb; Foto: picture-alliance/AA/I. Yakut
Islamistischer Rekurs auf Sayyid Qutb: Der wichtigste Theoretiker der ägyptischen Muslimbrüder, Sayyid Qutb, hatte in seinem Buch "Wegzeichen", dem bis heute einflussreichsten Manifest islamistischer Politik, auf den taktischen Unterschied zwischen der "Phase der Schwäche" (istid'af) und der "Phase der Stärke" (tamkîn) im Kampf um die Schaffung des islamischen Staates zur Zeit des Propheten Mohammed hingewiesen.

In seinem Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand setzte er sich für einen Aufstand der europäischen Muslime in den Arbeitervierteln ein. Dort sollten autonome Enklaven geschaffen werden, von denen aus man einen Bürgerkrieg auslösen könnte, der unausweichlich zur Zerstörung des Westens führen sollte.

Souri war der Ansicht, für die Muslime Europas sei die Zeit zum Eintritt in die "Phase der Stärke" gekommen. Nur wenige haben diesen langen und wirren Text gelesen, aber man findet Lehren daraus ohne Angabe des Autors in zahlreichen Texten, die in den sozialen Netzwerken der "Islamosphère" kursieren – dem islamistischen Web, zu dem man leicht Zugang findet.

Entgrenzung des Terrorismus

Könnte es sein, dass der europäische Dschihadismus der "vierten Generation" (nach der afghanisch-algerisch-ägyptisch-bosnischen Phase von 1980 bis 1997, der Al-Qaida-Phase von 1997 bis 2005 und der IS-Phase bis zum Fall Raqqas im Oktober 2017) sich gerade etabliert, und zwar ausgehend von diesen Enklaven, von den sozialen Netzwerken und von den salafistischen oder der Muslimbruderschaft angehörenden Predigern, ohne auf eine im eigentlichen Sinne dschihadistisch strukturierte Organisation angewiesen zu sein, wie sie bislang als Kriterium einer "Radikalisierung" galt?

Ist Mickaël Harpon vielleicht der erste und spektakulärste Träger dieser neuen Entwicklung – ein Informatiker im Dienste des mit dem Kampf gegen den Dschihadismus betrauten Geheimdienstes im Allerheiligsten des Pariser Polizeipräsidiums?

Die Frage, die sich hier stellt (und die sehr gut beleuchtet wird in zwei demnächst erscheinenden Arbeiten, einem Buch von Bernard Rougier über "die vom Islamismus eroberten Territorien" und einem Band von Hugo Micheron, der achtzig in französischen Gefängnissen inhaftierte Dschihadisten interviewt hat) – diese Frage lautet, ob an die Stelle der einschlägigen Organisationen ein "Ökosystem" getreten ist, in dem einzelne Personen unter dem Einfluss einer Umwelt, die von einem religiös bedingten kulturellen Bruch geprägt ist, nach und nach durch ihre persönlichen Besonderheiten veranlasst werden, zur Tat zu schreiten.

Falls diese Hypothesen sich bewahrheiten, wird deutlich, dass unsere Gesellschaften und Institutionen das Problem des Terrorismus grundlegend überdenken müssen. Der Glaube an die Fähigkeit der Behörden, mit Hilfe ihrer Algorithmen Anzeichen einer "Radikalisierung" erkennen zu können, wird unter diesen Umständen deutlich geschwächt.

Gleichfalls grundlegend zu überdenken wäre die Verantwortung der politischen Akteure auf kommunaler Ebene, die in den Salafisten und Muslimbrüdern gelegentlich Akteure des "sozialen Friedens" erblicken und deren Unterstützung bei Wahlen zu gewinnen versuchen, indem sie ihnen größere Freiheiten gewähren, wenn es darum geht, den kulturellen Bruch zu predigen.

Das sind schwerwiegende Fragen, die wir mit unseren muslimischen Mitbürgern erörtern müssen, denn sie sind die Ersten, die das betrifft, und sie dürfen nicht zu Geiseln einer in ihrem Namen geführten Debatte gemacht werden, bei der sie zwischen den Dschihadisten auf der einen und den identitären Rechtsextremen auf der anderen Seite eingeklemmt würden – wodurch Abou Moussab al Souris finsterste Prophezeiungen ihrer Verwirklichung näher kämen.

Gilles Kepel

© Frankfurter Allgemeine Zeitung

Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

Der Soziologe und Arabist Gilles Kepel ist Inhaber des Lehrstuhls Moyen- Orient Méditerranée an der École normale supérieur.

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