"Gestern schwul, heute angeblich Imam", wird dort kommentiert. Angefeindet werde er für seine Positionen aber hauptsächlich von Rechten, sagt Hermann. Mit konservativen Muslimen gelinge ein Dialog, da punkte er mit Fachwissen. Vielleicht sei er aber auch einfach noch nicht berühmt genug, um viel Widerstand zu provozieren, sagt er. Etwa 600 Personen gefällt Hermanns Facebook-Seite. Wie viele Menschen er erreicht, lässt sich schwer abschätzen.

Ansprechpartner für homosexuelle Muslime

Hermann ist – noch – ein Imam ohne Moschee, seine Gemeinde in ganz Deutschland verstreut. Für das Freitagsgebet besucht er jede Woche eine Gastmoschee in Berlin, lernt verschiedene Imame und Gemeinden kennen. Er will mit dem Etikett "schwuler Imam" Präsenz zeigen, das Gespräch suchen und als Teil der muslimischen Gemeinschaft Veränderungen erwirken. Zugleich sieht er sich als Ansprechpartner für schwule Muslime und verbringt viel Zeit damit, ein Netzwerk in der Berliner LGBTQI-Szene aufzubauen.

Der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr interessiert sich für Hermanns Arbeit, veröffentlicht selbst regelmäßig zum Thema Homosexualität und Islam. Hermann habe ehrliche Absichten und leiste eine gute Arbeit, sagt er. Ein Imam ist er in seinen Augen aber nicht. "Ein Imam ist jemand, der regelmäßig das Gebet mit einer Gruppe leitet und theologische Kenntnisse hat." Auch wenn die Bezeichnung nicht geschützt ist, würde er Hermann raten, davon Abstand zu nehmen. Das biete auch weniger Angriffsfläche.

Seyran Ates während des Gebets in der Ibn-Rushd-Moschee am 16.06.2017 in Berlin; Foto: picture-alliance/dpa
Im Clinch mit Seyran Ates: "Sie trifft zu harte Aussagen, als dass ein Dialog zwischen den muslimischen Gruppen mit ihr möglich ist", meint Hermann. Ihr gehe es mehr um medienwirksame Auftritte als um religiöse Inhalte.

"Orientverbundenheit"

Das Aktivisten-Dasein liegt ihm, er fällt gerne auf. Braun-grauer Vollbart, gekleidet in ein pakistanisches Gewand mit beige-braun gestreifter Stofftunika und gleichfarbiger Hose, blaue Turnschuhe, orangefarbene Schnürsenkel. Während des Gebets trägt er eine Takke, die muslimische Kopfbedeckung für Männer. Von Jeans und T-Shirt hat er sich weitgehend verabschiedet. Er begründet das mit "Orientverbundenheit". Neben sich her zieht er seine "mobile Moschee": einen blau karierten Trolley mit Laptop, Gebetsteppichen und Lehrbüchern für die Islamkunde-Unterrichte.

So wie Hermann auftritt, würde kaum jemand vermuten, dass er erst vor zwei Jahren konvertierte. In der zwölften Klasse verließ er die Schule, machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Nach einem Blick auf die Gehaltsabrechnung mit der Kirchensteuer trat er aus der evangelischen Kirche aus. Gott habe in seinem Leben aber immer eine Rolle gespielt, sagt er.

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