Ihre Kinder kamen in einer Schule für Behinderte unter, in der sie sich wohl fühlen und gezielt gefördert werden. Reem fand eine Elterngruppe an der Schule. "Der Austausch mit den anderen Eltern war ungeheuer hilfreich für mich", betont sie. "Sie sind bis heute mein Netzwerk". 

Ein Netzwerk hätte ihr in Gaza viel Kummer erspart. So war die Idee geboren, Eltern in der Region zu vernetzen und ihnen Informationen zur Verfügung zu stellen, die sie sonst häufig nicht erhalten. Sie dachte dabei vor allem an krisenhafte Regionen wie Gaza, Libyen, Jemen, Syrien aber auch ländliche Gebiete in Ägypten oder Jordanien, in denen Eltern von Kindern mit Behinderung nur wenig Hilfe erwarten können. Sie taufte das Projekt "Habaybna", um schon mit dem Namen "Unsere Lieben" zu signalisieren, dass die Kinder so, wie sie sind, geliebt werden.

Im November 2017 gewann sie für ihr Projekt einen Preis der "Bank Etihad" in Jordanien. Mit dem Preisgeld konnte sie das Büro anmieten, die Website ausbauen und zwei Mitarbeiter einstellen. Wie man ein Start-up aufbaut, hatte sie bei ihrem Betriebswirtschaftsstudium an der Gaza Universität gelernt. Videos dreht sie selbst unter einfachen Bedingungen.

Positive Resonanz

Die Experten, Eltern, Therapeuten, die in den Videos zu Wort kommen, machen ohne Honorar mit. "Wir mieten das Studio und drehen dann von morgens bis abends ohne Pause."  Ihr Mann unterstützt sie und ist vor allem für die technische Seite des Unternehmens zuständig. Inzwischen macht Reem auch Trainings für eine jordanische Telekommunikationsgesellschaft, die ihre Mitarbeiter im Umgang mit Behinderung schulen will. So ist die Finanzierung von "Habaybna" erst einmal gesichert. Auch Unicef will mit ihr zusammenarbeiten.

Teilnehmer Sprachbildungsprogramm "Habaybna"; Quelle: habaybna.net
"Wir trainieren Kinder, die unter Sprachdefiziten leiden, bei der korrekten Aussprache. Vor allem möchten wir den Eltern eine Hilfestellung dabei bieten, die Ursachen für diese Lernschwäche zu begreifen und unser Therapie-Angebot auch zuhause mit den Kindern nutzen", erklärt die Sprachtherapeutin Hanadi al-Masri.

Die Resonanz ist gewaltig. "Ich bekomme sehr viele positive Rückmeldungen von Eltern aus der ganzen Region", freut sich Reem und der Stolz ist ihr anzusehen. Vor Kurzem erst habe ihr eine Mutter aus Ägypten geschrieben, deren dreijährige Tochter am seltenen Angelman-Syndrom (einer Behinderung mit Hyperaktivität und kognitiven Einschränkungen) leidet. Die Frau bat sie um Hilfe, weil sie sich alleingelassen fühlte. Reem konnte die besorgte Mutter mit einer Jordanierin verbinden, deren Kind die gleiche Behinderung hat. "Beide waren froh und glücklich über den Austausch".

Gewachsenes Netzwerk

Es ist dieser Austausch untereinander, der für die Eltern ungeheuer entlastend ist. Er hoffe, dass es in ein paar Jahren ein großes Netzwerk von Eltern in der ganz arabischsprachigen Welt gebe, schreibt der dankbare Vater eines Jungen mit Autismus auf der Website. "'Habaybna' hat mich mit verlässlichen Informationen versorgt, die mir helfen, mit den verschiedenen Phasen unseres Familienlebens zurecht zu kommen."

"Habaybna" kann nicht jedem Fall helfen. Die Website kann weder den Arzt ersetzen noch über alle selten vorkommenden Behinderungen umfassend informieren. Aber sie kann Menschen vernetzen, die in schwierigen Lebenssituationen stecken, ihnen Anleitung zur Selbsthilfe und damit auch neue Hoffnung geben. Ende Oktober 2018 hat "Habaybna" dazu noch ein weiteres Instrument ergänzt. Beim kostenlosen Telecoaching können Eltern Spezialisten befragen, die ihre Expertise ehrenamtlich weitergeben.

"Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl auf dieser langen Reise mit meinem Sohn nicht allein zu sein", sagt Zeinah Zawahneh, Mutter eines Jungen mit Zerebralparese, nach dem Gespräch mit einem Spezialisten. "Ich bekam so viele Tipps, wie ich die täglichen Herausforderungen im Leben mit meinem Sohn bewältigen kann. Jetzt bin ich viel zuversichtlicher."

Bemühen um inklusive Haltung

Über allem steht das Bemühen um eine inklusive Haltung, um mehr Akzeptanz für Menschen mit Behinderung. Bei "Habayna" stehen nicht die Defizite der Kinder im Mittelpunkt, sondern ihre individuellen Möglichkeiten.

Trotzdem bleiben heikle Fragen, die sich Reem nicht anzuschneiden traut. Bei diesem Thema rutscht sie etwas nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Als Palästinenserin aus Gaza, die in Jordanien nur eine Aufenthaltsgenehmigung hat, muss sie vorsichtig sein. So finden sich auf der Website keine Videos, die das Thema Gewalt in der Familie oder Gewalt gegen Behinderte explizit ansprechen.

Beides gäbe es natürlich, sagt sie und nennt das Beispiel einer Frau mit Down-Syndrom, die erst vor ein paar Tagen am helllichten Tag mitten in der Stadt vergewaltigt worden sei. Die jordanische Gesellschaft fange erst an, solche Themen öffentlich zu diskutieren. Aber für sie als Außenstehende, die in Amman zu Gast ist, wäre es schwierig, solche Themen offen anzusprechen.

"Wir sprechen das Thema deshalb lieber positiv an, indem wir für einen liebvollen Umgang mit den Kindern plädieren", meint sie und ist sich der Grenzen ihres Projektes durchaus bewusst. Es bleibt noch viel zu tun.

Amron und Abdel Samia sind inzwischen zwölf bzw. 14 Jahre alt. Sie haben ihre eigenen Interessen und Hobbies entwickelt. Während der Jüngere gerne kocht und alles liebt, was mit Textilien zu tun hat, interessiert sich sein großer Bruder mehr für Computer. Die Behinderung wird kein Hindernis für ein eigenes Leben darstellen. Davon sind Reem und Mohammed heute überzeugt.

Claudia Mende

© Qantara.de 2019

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