Ermordung des jordanischen Autors Nahed Hattar

Eine Ideologie vom selben stinkenden Sumpf

Der IS-Terrorist, der den islamkritischen Autor Nahed Hattar jüngst in Amman erschoss, ist von derselben Art wie die Mörder von Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi in Tunesien. Solche Morde sind die Konsequenz der islamistischen Mobilisierung gegen alle, die politisch anders denken. Von Khaled Hroub

Wenn der Hass, den Ideologen des sogenannten "Islamischen Staates" ("Da'ish") in unseren arabischen Gesellschaften verbreiten, bei bestimmten Individuen ein gewisses Maß überschreitet, dann entlädt er sich in Gewalt und Mord. Die faule Frucht der Da'ish-Ideologie (die es bei Sunniten und Schiiten gleichermaßen gibt) bestimmt das Denken von Gewalttätern, die sich unbewaffnete Menschen mit abweichender Meinung aussuchen, um vermeintliche Heldentaten an ihnen zu begehen.

Und diese Hetze beginnt schon auf der Schulbank. Durch Lehrpläne, die den Kleinen beibringen, die Welt in Muslime und Ungläubige einzuteilen, in Freunde und Feinde. Wer es nicht glaubt, der kann sich die Lehrpläne selbst ansehen. Sie sind die beste Vorbereitung für einen späteren bewaffneten Kampf à la Da'ish.

Darüber hinaus findet eine hysterische Islamisierung unserer Gesellschaften durch salafistische Propagandisten statt, die sich als Richter über Denken, Gewissen und Glauben anderer Menschen aufspielen und diese in Gläubige und Frevler einteilen. Dies geht so weit, dass sie sogar manche Tierarten in dieses Schema einordnen. In einer TV-Fatwa-Show musste ich kürzlich miterleben, dass eine Fischart wegen ihres Verhaltens für moralisch verwerflich erklärt wurde. Der ehrenwerte Scheich hat leider nicht mitgeteilt, ob wir diese Fische nun erst auspeitschen müssen, bevor wir sie verzehren oder ob wir sie ab jetzt gar nicht mehr essen dürfen.

Im Fahrwasser der Dschihadisten

Leider wird diese Rekrutierung für die Ideologie des Da'ish auch von vielen Moscheekanzeln aus betrieben. Viele Freitagsprediger wettern gegen ungläubige Verbrecher wie Christen, Juden, Kommunisten, Säkularisten, Nationalisten, Schiiten und alles, was den Herren Predigern noch so aufstößt.

Jede Woche hören solchen Imamen Millionen Muslime zu, von denen die allermeisten keinerlei Erfahrung mit modernen, pluralen Gesellschaften haben. Im 21. Jahrhundert hören sie Zitate aus vergilbten Büchern aus der Zeit des muslimischen Niedergangs im Mittelalter. Sie schwanken zwischen Bestürzung und Schweigen. Aber viele Personen nehmen das, was sie da hören, als absolute Wahrheit hin, besonders die, die sich noch an ihren Religionsunterricht in der Schule erinnern und dasselbe zugleich auch noch von Fernsehsendern präsentiert bekommen, die dem Da’ish-Denken verfallen sind und die den Äther damit füllen.

Nicht viel weniger schlimm als der feige Mord an Nahed Hattar sind die Versuche, diesen zu rechtfertigen, nach dem Motto: Hattar habe Gott geschmäht, er habe dies getan und jenes gesagt und sei damit selbst schuld an seinem Schicksal. Das Internet ist so voll mit Leserkommentaren, die den Mord an ihm rechtfertigen, dass man eine akademische Studie daraus machen könnte.

Gesellschaftliche "Da'ishisierung"

Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub; Foto: Northwestern University, Qatar
Der Publizist und Medienwissenschaftler Khaled Hroub war Direktor des "Cambridge Arab Media Project" an der Universität Cambridge. Er zählt zu den wichtigsten Meinungsmachern im arabischen Raum. Er ist heute Berater des "Oxford Research Group's (ORG) Middle East Programme".

Man sieht daran, wie die "Da'ishisierung" unsere Gesellschaften nach einem halben Jahrhundert roher Islamisierung und Radikalisierung, die alles Schöne in uns kaputtmacht, ergriffen hat. Wer sagt, Hattar habe die Radikalen selbst herausgefordert, dem entgeht etwas Grundlegendes, nämlich, dass es Sache des Staates und der Justiz ist, jemanden wie Hattar zu bestrafen oder auch nicht, und eben nicht die Sache irgendeines Spinners oder IS-Anhängers, der behauptet, er müsse seine Religion beschützen, indem er jeden umlegt, der ihm nicht passt.

Und warum eilt eigentlich niemand herbei, einmal den Ruf des Islam zu verteidigen, der mittlerweile weltweit für Blutvergießen und Kopfabschneiden steht? Warum regen sich diejenigen, die vorgeblich "Kultur und Glauben des jordanischen Volkes" verteidigen, nicht darüber auf, dass man nun auch Jordanien mit der Ideologie des IS verbindet und dass man nun auch in diesem einmal vielversprechend zivilen Land keine abweichende Stimme mehr zulässt?

Es geht nicht darum, ob man mit Nahed Hattars Meinungen einverstanden war oder nicht. Vielmehr müsste laut gesagt werden, egal wie provokant das für manche klingen mag, dass das IS-Denken in uns, in unserem Bildungswesen, in der Presse und in unseren Moscheen, aber auch bei vielen Politikern, unser Feind Nummer eins ist! Sein Gedankengut auszurotten und unsere Gesellschaften davor zu erretten müsste ganz oben auf unserer Agenda stehen. Rechtfertigen und Schönreden dagegen heißt nur, diese Ideologie weiter zu beatmen und immer mehr Mord und Totschlag sowie Schaden an unserer Seele zuzulassen.

Diffamierung und Verketzerung

Vor einigen Tagen las ich die Facebook-Kommentare zu zwei Fernsehsendungen, einem Programm mit einer arabischen Sängerin und einer Doku über Sufi-Zeremonien. Wie hier in beiden Fällen aggressiv gehetzt wurde, lässt einen innerlich und körperlich erschaudern.

Die Flüche und Drohungen, die im Netzwerk gegen die Sängerin und die Sufis ausgestoßen wurden, zeigen vor allem eines: Solchen dschihadistischen Usern fehlt eigentlich nur eine Waffe und die Möglichkeit, an die geschmähten Personen heranzukommen, um sie zu töten. Der Unterschied zwischen der Da’ish-Theorie und seiner bestialischen Praxis besteht lediglich darin, ob jemand Waffen zur Verfügung hat oder nicht.

Beide Varianten der IS-Ideologie beruhen auf der Grundlage der Verketzerung und nähren sich vom selben stinkenden Sumpf. Es wäre daher die Aufgabe unserer Gesellschaften und der schweigenden Masse, sich zu fragen: Wie viele Sängerinnen oder Sänger haben sich bisher schon einmal Sprengstoffgürtel angelegt und sich damit unter friedlichen Zivilisten in die Luft gesprengt?

Khaled Hroub

© Qantara.de 2016

Aus dem Arabischen von Günther Orth

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